«Sogar der Weihnachtsmann ist politisch aufgeladen»

Er kam als Kriegsflüchtling nach Deutschland – heute ist Saša Stanišic einer der wichtigsten Autoren deutscher Sprache.

«Mit Hausfassaden kann man schlecht ein Bier trinken gehen»: Saša Stanišic in Zürich. Foto: Doris Fanconi

«Mit Hausfassaden kann man schlecht ein Bier trinken gehen»: Saša Stanišic in Zürich. Foto: Doris Fanconi

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Bei ihrer ersten Zürcher ­Poetik-Vorlesung ging es um Heimat. Das ist ja ein poetischer Begriff. Was bedeutet Heimat real für Sie?
Es ist schade, dass der Begriff keine Verbform besitzt. Wir machen mal eine: «zu heimaten»: 1. etwas tun für andere an einem Ort, und 2. etwas tun für einen Ort, künstlerisch, sozial, archivarisch, immer mit dem Ziel einer möglichen Lebensverbesserung für alle an diesem Ort sich Aufhaltenden. Heimat real bedeutet für mich genau das: die Beschäftigung und Arbeit an Orten, mit anderen gemeinsam. In meinem Fall ist es literarisches Schreiben, könnte aber auch Schnitzen von Kochlöffeln sein.

Der Begriff Heimat ist politisch aufgeladen. Er kann etwas Reaktionäres sein, es gibt aber auch eine «progressive» Rehabilitation.
Momentan wird sogar der Weihnachtsmann politisch aufgeladen. In der überreizten politischen Gegenwart des Echauffierens als wichtigstes Stilmittel ist man sich keines idiotischen Vereinnahmungsversuchs zu schade, um die eigene Position zu untermauern, vor allem, wenn es darum geht, sich im Themenkomplex der Migration zu profilieren. «Heimat» ist ein Abgrenzungsmittel geworden, das man über all das sprüht, womit man sich selbst zu identifizieren vorgibt, um quasi durch die regionale Speisekarte Thüringens oder «christliche» Feiertagsbräuche oder was einem sonst Konstruiertes und angeblich Identitätsstiftendes einfällt, anderen zu sagen: Ihr gehört nicht dazu, nicht zu der Art und Weise, wie wir unser Dirndl tragen, und nicht zu der Art und Weise, wie wir unsere Schweine schlachten.

Ist Heimat notwendig etwas geografisch Konkretes? Der Ort, an dem man aufgewachsen ist?
Jeder wird die Fragen anders beantworten. Es hängt schon auch davon ab, ob man das Gebimmel der Kuhglocken in einem 20-Seelen-Dorf in den Alpen gern gemocht hatte als Kind oder total gehasst. Vater Metzger, Grossvater auch, Kühe Metzger, Blumen Metzger, alle Metzger, so was kann einen auch tierisch nerven. Dennoch: Jede persönliche Annahme, die Konstruktion einer Heimat ist für mich okay, solange man die nicht als einen Finger mit sich schleppt, um damit auf andere zu zeigen und zu sagen: «Ätsch, guckt mal, was ihr nicht habt/könnt/machen dürft!»

Die Hinwendung zum Regionalen könnte eine Gegenbewegung zur Globalisierung sein. Darin liegt auch eine Gefahr: regionaler Egoismus, wie man gerade in Katalonien beobachten kann.
Ambivalenz ist oft einfach Zeichen grosser Feigheit oder aber die Verweigerung von Entscheidungen. Im Falle Kataloniens und überhaupt separatistischer Bewegungen würde ich denken, dass man von aussen eher Abstand nehmen soll, Urteile zu fällen, denn – so blöd das auch klingt – «man steckt da nicht drin». Es muss möglich sein für ein demokratisches Land, solcherlei Bestrebungen im Sinne der eigenen Verfassung und der politischen Möglichkeiten handzuhaben, wenn möglich friedlich. Es ist für mich sehr schwierig, ausgedachte Kategorien wie Ethnie, Religion oder Landesgrenzen ernst zu nehmen, aber irgendwie sehe ich auch ein, dass ich das muss, denn sie sind vielen anderen mehr nur als ernst. Jugoslawien hatte Jahrzehnte lang versucht, den Bewohnern die Unwichtigkeit der Herkunft einzubläuen, was (unter vielem anderen) dazu geführt hat, dass wir uns am Ende die Köpfe eingeschlagen haben.

Ihre Kindheit in Višegrad, einer Kleinstadt in Bosnien-Herzegowina, wurde durch den Krieg abrupt beendet. Jetzt ist Ihr Wohnort Hamburg. Fühlen Sie sich dort zu Hause? Entwickeln Sie so etwas wie «Lokalpatriotismus»?
Höchstens für den Fussballverein, den HSV, aber das ist auch grosser Zufall, dass ich dort gelandet bin, wo die immer ihre Heimspiele verlieren. Im Ernst, auch hier gilt für mich: Ganz egal, wo ich bin, ich schaue, dass ich dort etwas tun kann, für andere, für meine Familie, für mich, mit meinen Mitteln. Dann ist es wurst, ob Hamburg oder Langenthal, wo ich eine Zeit lang gelebt habe: Ich nehme Orte als das an, was sie sind, ein Privileg, ein Dach über dem Kopf zu haben, eine Menge an schönen und weniger schönen Plätzen, Geschichten und Aufgaben. Und dann lebe ich das alles mit.

Welche Gefühle verbinden Sie noch mit Višegrad – der Ort hat sich ja radikal verändert, durch Krieg und Massaker wurde die bosnische Bevölkerungsmehrheit zur Minderheit. Ist das sozusagen verbrannte Erde?
Višegrad hat so viel erlebt, so viel hat sich geändert, dass ich mit der Stadt emotional zwar noch stark verbunden bin – durch die gute Kindheit, die mir dort zuteilwurde –, aber auch andererseits sehe, dass eben durch die Veränderung eine pragmatisch «gute» Beziehung kaum möglich ist beziehungsweise auch mir nicht unbedingt notwendig scheint. Aus meiner Generation und von meinen Freunden lebt kaum jemand mehr dort, und was ist schon eine Stadt ohne vertraute Menschen: eigentlich bloss ein fremder Ort, mit Hausfassaden kann man schlecht ein Bier trinken gehen. Verbrannte Erde ist leider vielerorts im ehemaligen Jugoslawien geblieben. Das Vergehen der Zeit lässt hier und dort wieder Gemeinsames erwachsen, aber es herrscht leider noch öfter die Hinwendung zur Abwendung vor – weg von den «anderen» (Ethnien), weg zu einem Versuch, die Geschichte konstruktiv aufzuarbeiten. Erschwerend hinzu kommen die katastrophale Wirtschaftslage im Land, Jugendabwan­derung und überhaupt eine Hoffnungslosigkeit des ganzen Prinzips «Bosnien».

Sie haben eine bosniakische Mutter und einen serbischen Vater. Wird man in einer Welt, die plötzlich ethnische Kriterien in den Vordergrund schiebt, auf eine gewisse Weise heimatlos?
Eigentlich empfand ich meine familiäre Situation als Kind zweier unterschiedliche kultureller Zugänge immer eher fruchtbar und positiv. Ich habe früh gelernt, dass von jedem erwartet wird, in der Welt «jemand» zu sein, jemand mit einer Geschichte, einem spezifischen Namen und eben auch einer spezifischen Volkszugehörigkeit, und ich hatte aber eben das Glück, dass ich keiner spezifischen Erwartung entsprach. Ich musste immer erklären, dass ich ein Halb-Halb bin, ein Mischling, und dass, ja, meine Oma mütterlicherseits ein Kopftuch trägt und die andere ein Kreuz an der Halskette, und das war zwar ein bisschen anstrengend, aber auch sehr gut. Ich hatte «mehr» als andere, die Einflüsse, deren ich ausgesetzt war, waren mannigfaltig und liessen mich durch die eigene Offenheit und Durchlässigkeit ganz sicher auch zu einem offeneren Menschen werden.

«Jugoslawien hatte lange versucht, den Bewohnern die Unwichtigkeit der Herkunft einzubläuen.»

Als ehemaliger Flüchtling haben Sie das deutsche «Flüchtlingsjahr» 2015 sicherlich mit besonderer innerer Beteiligung verfolgt. Wie sehen Sie es im Rückblick?
Ich spreche nicht wirklich als Flüchtling, das ist ja kein Talent. Ich habe einfach als europäischer Bürger mit grosser Anteilnahme die Entwicklungen verfolgt und mich engagiert. In Deutschland hatte man einen guten Ansatz gezeigt (die Quasi-Öffnung der Grenzen und das «Wir schaffen das» als Motto), allerdings wurde das nicht sehr effektiv ausgeführt und dazu in einer Meinungslandschaft, in der schon viel protektionistisch-nationalistischer Schwachsinnnebel den Himmel dunkler scheinen liess, als er war. Was ich mit diesem unbeholfenen Bild sagen möchte: Man hätte zuerst für sichere Wege der Flucht sorgen müssen, damit nicht so viele Menschen unterwegs sterben (das gilt übrigens heute noch), man hätte sich um die Ankömmlinge besser sorgen müssen und das nicht weitgehend aufopferungsvollen Freiwilligen überlassen dürfen, vor allem hätte man schneller dafür sorgen müssen, dass ihr Status, ihr Wohn- und Asylrecht, ihr Sprachunterricht et cetera in einer menschenwürdigeren Weise angepackt wurden. Das fand leider unterschiedlich gut statt und sorgte auf allen Seiten für noch mehr Wut, Wartezeiten, Frust und bei den bereits verwirrten Rechten zu noch mehr Verwirrung. In vielen Kommunen aber hat alles wunderbar geklappt, Menschen leben ganz normal miteinander und schaffen füreinander gemeinsam eine Heimat.

Für Schweizer ist Schriftdeutsch eine erlernte Zweitsprache. Manche sagen, das führe bei Schriftstellern zu einem bewussteren Umgang mit der Sprache. Wie geht es Ihnen?
Ich werde häufig gefragt – manchmal wird es auch einfach behauptet –, ob die Tatsache, dass Deutsch nicht meine Muttersprache ist, sich auf meine Texte auswirkt. Die Antwort ist eine Gegenfrage: Wirkt sich wohl die Tatsache, dass ein Maler in einem Haus mit blauer Tapete aufgewachsen ist, auf seine Gemälde aus? Mag vielleicht wirklich sein. Aber wenn wir Kunst anders als bloss biografistisch betrachten und beurteilen wollen, dann darf das «Fremde» keine vordergründige Rolle bekommen.

Der Roman, an dem Sie arbeiten, beschäftigt sich mit einer Gruppe Kommunisten, die im 19. Jahrhundert in den USA ihr Glück suchen. Was interessiert Sie daran? Und hat das irgendwas mit Trump zu tun – wie ja heute alles irgendwie mit Trump zu tun hat?
Es hat vor allem mit Utopien zu tun und wie sie uns bereichern, auch wenn sie nur das bleiben, Utopien. Wie meine Utopie zu Beginn unseres Gesprächs, die von einer Heimat, an der wir alle gemeinsam arbeiten.

Saša Stanišic hält seine dritte und letzte Poetik-Vorlesung am nächsten Donnerstag, 23. 11., um 20 Uhr im Literaturhaus Zürich. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 20.11.2017, 18:25 Uhr

Artikel zum Thema

Frisch und ich

Roger Schawinski ist Max-Frisch-Fan. Er hat alles gelesen – und ist nach dem Tod des Autors gar in dessen Wohnung gezogen. Mehr...

Die Klassiker des 21. Jahrhunderts

17 Romane, die in den letzten 17 Jahren erschienen sind und das Zeug haben, die Zeiten zu überdauern: So könnte ein Kanon der Gegenwartsliteratur aussehen. Mehr...

Wenn Haimo das Herz im Leibe hüpft

«Das Päckchen»: Franz ­Hohlers neuer Roman führt mit einem verschollenen Buch ins 8. Jahrhundert. Mehr...

Saša Stanišic

Schriftsteller, Poetik-Dozent

Saša Stanišic wurde 1978 in Višegrad in Bosnien geboren. Als 14-Jähriger floh er mit seiner Familie nach Heidelberg, wo er zur Schule ging und studierte. Sein Romandebüt «Wie der Soldat das Grammofon repariert» machte ihn 2006 schlagartig bekannt. Es folgten der Roman «Vor dem Fest» (Preis der Leipziger Buchmesse 2014) und der Erzählband «Fallensteller» (2016). Heute lebt er mit seiner Familie in Hamburg. (TA)

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Kommentare

Blogs

Sweet Home Die Mittsommer-Party kann steigen

Michèle & Friends Unsere ungelebten Leben

Service

Ihre Spasskarte

Mit Ihrer Carte Blanche von diversen Vergünstigungen profitieren.

Die Welt in Bildern

Spiel zwischen Mauern: Palästinensische Buben spielen in einem verlassenen Gebäude in Gaza Stadt. (21.Juni 2018)
(Bild: Mohammed Salem) Mehr...