«Herr F. hat mich ins Gefängnis gebracht»

Die neue Ingeborg-Bachmann-Ausgabe beginnt mit einer Krankengeschichte. Darin spielt Max Frisch, der Lebenspartner, der sie verliess, eine prominente und fatale Rolle.

«Ich bin vernichtet, weil ich nicht schreiben darf», notierte Ingeborg Bachmann. Aufnahme von 1962. Foto: Digne Meller Marcovicz (BPK)

«Ich bin vernichtet, weil ich nicht schreiben darf», notierte Ingeborg Bachmann. Aufnahme von 1962. Foto: Digne Meller Marcovicz (BPK)

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«Haben Sie ein Bild der Bachmann? Wie sieht sie aus?», schreibt der Schriftsteller Bruno Brehm Anfang 1957 an seinen Verleger Klaus Piper und weiss die Kollegin für ihr Gedicht «Erklär mir, Liebe» gar nicht genug zu preisen: «Wie gross werden grosse weibliche Gedichte, weil der ganze Körper mitdichtet!» Der Verleger lässt das Ruhmesblatt abschreiben und an seine junge Autorin weiterleiten. Ingeborg Bachmann musste schwer an dem «Bissen Brehm» schlucken, der 1939 aus der Hand von Joseph Goebbels den Nationalen Buchpreis erhalten hatte, aber sie verfügte eben über ungewöhnliche Verehrer.

Verteidigungsminister Franz Josef Strauss zitierte im Jahr 1961 ihr Gedicht «Die gestundete Zeit»: «Es kommen härtere Tage». Thomas Bernhard, der Frauen sonst nur ertrug, wenn sie erheblich älter waren als er und auch sonst ungefährlich, feierte sie als «meine Dichterin». Gross sei, was sie schreibe, heisst es im Roman «Auslöschung», grösser «als alles andere von allen anderen Dichterinnen».

So wurde es ihr Schicksal, im Lob und Preis der Männer aufzugehen. Als umgockelter Mittelpunkt der von ehemaligen Soldaten geprägten Gruppe 47, mit dem Büchner-Preis und einer «Spiegel»-Titel­geschichte ausgezeichnet, war die Lyrikerin nicht bloss ein Star, sondern eine Frau, die sich die Männer aussuchen konnte: Hans Weigel, Paul Celan, Hans Werner Henze, Jacob Taubes, Max Frisch. Sie schliefen aber nicht nur mit ihr, sondern förderten sie auch.

Fruchtbare, furchtbare Jahre

Trotzdem wurde sie für die Nachwelt das Damenopfer. Als sie Frischs Roman «Mein Name sei Gantenbein» lesen durfte, freute sie sich über die «Grösse des Buchs», das ihr «bleiben» werde, «weil es zugleich alles ist, was ich noch zu geben habe». Selbstlos, ganz die Muse, geht es weiter: «Und es wird meine Tröstung sein, denn so erkenne ich zuletzt, dass die Jahre gut für Dich waren, fruchtbar für Dich waren.» Für sie waren sie bald furchtbar. Sie lebte neben dem Weltruhm Max Frischs und konnte nicht mehr schreiben.

Im Jahr 1962 trennte er sich von ihr. Für Ingeborg Bachmann war das eine Katastrophe, ein Lebensabsturz, der ihr aber das Überleben als Schmerzens­madonna in einem rauchgläsernen Schneewittchensarg sicherte. Bachmanns Leben und Schreiben brachten unzählige Studien hervor, und der Körper musste ebenso dabei sein wie der stärkere Mann, der als Schriftsteller über Frauen geht wie sein soldatischer Vorfahr über Leichen.

Die dunkle Krankheit

Jahrzehnte nach ihrem Tod in Rom im Herbst 1973 kehrt Ingeborg Bachmann mit einer vielbändigen Werkausgabe wieder. Sie ist ein Gemeinschaftsunternehmen der Verlage Piper und Suhrkamp. Der Auftaktband enthält eine fürchterliche Krankengeschichte. «Wenn der Traum anfängt, weiss ich schon, dass ich verrückt bin», beginnt eine Notiz, die wahrscheinlich von ­Anfang 1966 stammt. Sie nennt, was sie erlebt, nach einem italienischen Roman «Male oscuro», die dunkle Krankheit, eine Depression, die sich bis zur Psychose steigert und zum Suizidversuch.

Mit der Trennung von ihm kommt sie nicht klar: Max Frisch, um 1958. Foto: Keystone

Auf den Zusammenbruch folgt mutmasslich eine Gebärmutterentfernung; fruchtbar ist nurmehr Max Frisch mit dem Roman, in den sie eingegangen ist. Elektroschocks drohen, eine neue Therapie hilft, eine gewaltsame Angstentziehungskur. Fast immer geht es um Max Frisch in diesen Notizen, es geht um dessen neue Frau, es geht um Bachmanns Existenz als Schriftstellerin. «Herr F. hat mich ins Gefängnis gebracht», in die verschärfte Version des Krankenhauses, aber es muss natürlich Herr F., Frisch also, sein, der ihr Unglück verursachte. Trotzdem: «Ich bedaure das Gefängnis nicht, im Gegenteil, ich finde mich leicht ab damit, aber ich bin vernichtet, weil ich nicht schreiben darf.»

Das Schreiben muss sie erst wieder erlernen, und wie schmerzhaft der Prozess war, der vermutlich erst mit dem Tod ein Ende fand, wird durch die hier zusammengetragenen Aufzeichnungen überdeutlich.

Soll man all das drucken?

Ob das alles wirklich veröffentlicht werden musste, ist für die Herausgeber eine Frage, die sie offenbar so heftig umtreibt, dass sie einen gewagten dialektischen Sprung probieren: «Ja, die hier vorgelegten Texte verstossen gegen Schweigegebote, die den kranken Menschen schützen sollen, von denen sich der kranke Mensch aber auch umstellt sieht.» Andererseits, so geht das Argument unbelegt weiter, wäre Ingeborg Bachmann «an diesem Schweigen und einer falsch verstandenen Diskretion fast zugrunde gegangen». Aber ging sie nicht zugrunde mit Zigaretten und eimerweise eingeworfenen Tabletten?

Der philologische Apparat ist vorbildlich, alle Kreuz- und Querbezüge sind herausgearbeitet, nur das Werk, die Kunst verschwindet hinter all den Fragmenten. Das Leben als Krankheit ist stärker. Wenig erfährt man dennoch in dieser Edition über den Hintergrund. Dass Ingeborg Bachmann in den Jahren der hier dokumentierten Krankheit den Büchner-Preis erhielt, dass sie sich bei der Bundestagswahl engagierte, vor allem dass sie funktionierte, dass es der Dichterin am Ende sogar gelang, ihre Sprachkrise zu überwinden und ihre Rettung in der Prosa zu finden (um dann von Marcel Reich-Ranicki altmännerweise als «gefallene Lyrikerin» denunziert zu werden) – das alles erschliesst sich in diesem Zettelgestöber nicht.

Wenn einmal alle Zettelchen, Briefe, Arztrechnungen und Rezepte zusammengetragen und auf ihre Verbindung zum schmalen Werk von Ingeborg Bachmann abgetastet sind, in weiteren vorbildlich editierten Bänden, wird die Schmerzensmadonna über einen monumentalen Sarkophag verfügen, und irgendwo tief drinnen bleibt doch das Rätsel. Es heisst: «Erklär mir, Liebe».

Ingeborg Bachmann: Male oscuro. Aufzeichnungen aus der Zeit der ­Krankheit. Traumnotate, Briefe, Brief- und Redeentwürfe. Suhrkamp, Berlin 2017. 260 S., ca. 40 Fr. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 24.04.2017, 20:34 Uhr

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