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Herr Regener und die Kreuzberger Nächte von heute

Mit dem Roman «Der kleine Bruder» beendet Sven Regener seine Herr-Lehmann-Trilogie. Eine Begegnung mit dem Autor und dem Kreuzberg von heute.

Neuer Element of Crime Videoclip: «Ein Hotdog unten am Hafen» (Quelle: www.element-of-crime.de).

Es ist ein brütend heisser Sommertag in Berlin, die Absätze bleiben im Asphalt stecken. Es ist kein Herr-Lehmann-Wetter. Dieses kennt erstens nur wenig Tageslicht, etwa so wenig wie der schwarze Umschlag zu «Der kleine Bruder», dem neuen Roman von Sven Regener, und es ist zweitens eher fröstelig, feucht, vernebelt. Es wird von Männern durchwandert, die sich ihre Seelen mit Alkohol warm halten, und die lieber reden, als grossartig zu leben. Einer davon, der rührendste, besonnenste und umsichtigste, der grosse Menschenfreund unter den Egozentrikern des Vorwende-Berlin (in «Herr Lehmann») und des Provinz-Bremen («Neue Vahr Süd»), ist eben Frank Lehmann.

Traurig, und doch zum Tanzen

In einem grossen, kühlen Raum des Eichborn-Berlin-Verlags im geschäftstüchtigen Berlin Mitte hält Sven Regener seit Tagen Audienz. Eben ist er noch beim Mittagessen mit einem Journalisten einer grossen deutschen Sonntagszeitung, doch im Interviewraum steht er bereits als überlebensgrosser Karton-Sven-Regener, kurzhaariger als im richtigen Leben und ohne Brille. An den Wänden lehnen Werbeplakate, in den Regalen stehen Bücher, die den Verlag ernähren: alle Herr-Lehmann-Roman und alles von Karen Duve.

Von Haus aus ist Sven Regener, der am Neujahrstag 1961 in Bremen zur Welt kam, kein Schriftsteller, sondern Musiker. Trompeter, Sänger, Songwriter der Berliner Melancholie-Band Element of Crime, und dies seit 23 Jahren. Fast so lange, wie Madonna im Geschäft ist. Gerade eben hat er mit der Band den Soundtrack für den neuen Film seines Freundes Leander Haussmann eingespielt. «Robert Zimmermann wundert sich über die Liebe» heisst der Film, «Ein Hotdog unten am Hafen» die dazugehörige Single: Sie ist wieder so heiter und herb, so angenehm traurig, und auf jeden Fall zum Tanzen wie alles von Element of Crime. «Ein geselliges Tier ist das Schwein,/ und das Stachelschwein lieber allein./ Ohne dich will ich nicht,/ mit dir kann ich nicht sein», schliesst der Refrain. Es könnte auch der Refrain von Herrn Lehmanns Lehr- und Wanderjahren durch Bremen und Berlin sein.

Das Wuchern der Literaten

Sven Regener ist vom Essen zurück. Dies ist für ihn «die Woche, in der ich Rechenschaft ablege. Wenn ich mich entschlossen habe, an einem Tag ein Interview zu geben, kann ich auch gleich acht geben. Und mein Gott, es gibt Schwereres. Bauarbeiter zum Beispiel.» Acht Jahre lang trug er Herrn Lehmann und das Vorhaben der drei Bücher mit sich herum. Insgesamt vier Jahre davon arbeitete er an den drei Romanen, über jedes Kapitel dachte er zwei Wochen nach und schrieb eine Woche lang daran. Jetzt ist es mal gut. «Ich muss nicht mein ganzes Leben lang Herr-Lehmann-Romane schreiben.»

Und wie erfährt er, der Musik- und Literaturmensch, während solcher Pressemarathons denn eigentlich die verschiedenen Kritikergilden? «In aller Regel», sagt er und eröffnet eine erfrischende Sicht auf den Literaturbetrieb, «ist es so, dass Literaturkritiker immer viel mehr über das Privatleben wissen wollen, und meistens bekommen sie das ja auch. Wer weiss, wie das Haus, das Wohnzimmer und die Gärten von Günter Grass aussehen? Jeder weiss das. Niemand weiss, wie das Wohnzimmer von Herbert Grönemeyer aussieht, weil niemand weiss, wo der überhaupt wohnt. Das würde sich auch niemand getrauen zu fragen. Auch ich würde niemals auf die Idee kommen, einen Fotografen in meine Wohnung zu lassen; als Musiker tut man das einfach nicht. Bei den Literaten ist das völlig normal. Der Literat hat ein Haus, und das ist ja auch ein Imagedings. Der Literat wuchert immer mit dem ganzen Leben, das Buch alleine genügt nicht.»

«Der kleine Bruder» schliesst detailgenau die Lücke zwischen den zwei bisherigen Herr-Lehmann-Romanen: Zwischen Frank Lehmanns unglücklichen (aber natürlich sehr heiter zu lesenden) Erfahrungen bei der Bundeswehr in Bremen - sie endeten mit einem Suizidversuch - und seiner Zeit Ende der 80er-Jahre als Kellner, Flaneur und Causeur in Kreuzberg. Es erzählt auf 300 Seiten fast in Echtzeit von gerade mal zwei Tagen, es sind Frank Lehmanns erste Tage in Berlin überhaupt.

Die Männer und Jungs der Subkultur

Lehmann ist auf der Suche nach seinem grossen Bruder Manfred, dem genialen Künstler und grossen Abwesenden. Frank stolpert über rührende und nervige, häufig schwer alkoholisierte und orientierungslose Kreuzberger Subkultur-Gestalten, die alle irgendwie Kunst machen. Ein Hausbesitzer simuliert die Besetzung seines eigenen Hauses, um mediale Aufmerksamkeit zu bekommen. Ein anderer malt heimlich in Öl - ein Verbrechen wider die anarchistische Ästhetik - und schafft damit den Eintritt in die etablierte Galerieszene.

Wie Herr Lehmann geriet auch Sven Regener Anfang der 80er-Jahre in die Berliner Kunst-, Punk- und Hausbesetzerszene. Zuerst war er Trompeter bei Zapotek und andern Bandprojekten, und es war die Unbekümmertheit des Punk, die ihn schliesslich zum Sänger werden liess: «Diese Dreistigkeit und Chuzpe der jungen Jahre hatten damals viel mit Punk zu tun. Man sagte: Du kannst drei Akkorde spielen - Punkmusik! Und wenn du zwei kannst, reichts auch. Wenn du gar nichts kannst, kannst immer noch mitspielen. Ohne ein Phänomen wie Punk hätte es eine Gruppe wie Element of Crime überhaupt nie gegeben, weil ich nie auf die Idee gekommen wäre, in einer Rockband zu singen. Das war plötzlich möglich.»

Ergreifendes Romanfinale

Wie «Herr Lehmann» und «Neue Vahr Süd» beschreibt auch «Der kleine Bruder» einen reinen Männer- oder Jungskosmos. Gab es in «Neue Vahr Süd» auf 582 Seiten eine einzige Sexszene, so gibt es in «Der kleine Bruder» gar keine, und für romantische Gefühle «hat Herr Lehmann in zwei Tagen doch einfach keine Zeit», erklärt der Autor. Klar. Und wie war das damals mit der Männerherrschaft in der Subkultur? «Es stimmt», sagt Regener, «das war auf seine Weise ein Männerverein, ich hab auch gar nicht versucht, das zu beschönigen. Realistisch darstellen kann man diese Kunstszene von damals, die einerseits was Herrliches, andererseits was Lächerliches hatte, ja nur, wenn man auch diese Geschlechtergeschichte richtig darstellt.»

Einzig Herr Lehmann hat nichts mit der Kunst zu schaffen. Er entdeckt schon in seinen ersten beiden Kreuzberger Nächten seine Berufung, die ihn über all die Jahre am Leben hält: das Kellnern. Und Herr Lehmann sucht und sucht den Bruder, seinen Schlüssel zu Berlin, und findet darüber immer grössere Stücke seines eigenen Selbstbewusstseins. Herr Lehmann, der lustige Sprach- und Sprechfreak mit den atemlosen inneren Monologen, schafft es, sich im chaotischen Kreuzberger Provisorium einen Platz zurecht zu reden. Im letzten Kapitel findet er den grossen Bruder tatsächlich, im Zimmer 312 eines Hotels am Ku-damm, und spätestens da beginnt man angesichts von Sven Regeners Trilogie an Zahlenmystik zu glauben. Zuerst schrieb er den dritten Roman, dann den ersten, jetzt den zweiten. 3, 1, 2. Es ist herzzerreissend, was Herr Lehmann in Zimmer 312 findet. Es ist ein Romanfinale, wie man es so ergreifend schon lange nicht mehr gelesen hat.

Sven Regener sagte einmal, beim Fall der Berliner Mauer sei er «euphorisiert» gewesen. Kann ihn irgendwas an der gegenwärtigen Weltpolitik euphorisieren? Der womöglich erste schwarze US-Präsident zum Beispiel? Eben erst berauschte sich Berlin ja an Barack Obamas Besuch. «Das ist nicht zu vergleichen! Wenn Obama gewinnt, dann ist das ein normaler demokratischer Prozess. Das ist höchstens ein Silvesterknaller! Der Mauerfall war eine Atombombe dagegen, das war ganz grosse Geschichte, ganz grosses Kino.» Es gibt keinen grösseren Lokalpatriotismus als den der Berliner.

Jetzt werden die Brücken besetzt

Das Kreuzberg von heute scheint auf den ersten Blick so ganz anders als das Kreuzberg der 80er-Jahre, als Punk regierte und, jedenfalls in der Erinnerung, die Farben Schwarz und Rauchgrau. Heute glitzern die Kreuzberger Nächte und können kaum an sich halten vor lauter bunt verzierten Biergärten (etwa das Heinz Minki), mit ironischem Nippes geschmückten alten Möbelhäusern (das Möbel Olfe am Kottbusser Tor), ganznächtig beleuchteten und benutzbaren Badebassins auf der Spree (das Badeschiff), obskuren kleinen Kunst-Happening-Kneipen (das Forgotten Bar Project, angeblich die angesagteste Subkultur-Adresse Deutschlands) und ganz einfach wundersam gemütlichen Orten zum Abhängen (Mädchen ohne Abitur).

Bei Wetter wie diesem finden allerdings auch jede Nacht auf der Admiralsbrücke über der Spree regelrechte Sit-ins statt: Junge Menschen besetzten friedlich die Brücke, holen sich ihr Bier aus dem nahegelegenen Kiosk und tun nichts anderes als Reden, Sitzen und in die Nacht hinein Staunen. Der Autoverkehr ist lahmgelegt, Dinge wie Hektik oder Ehrgeiz brodeln anderswo. Wäre Herr Lehmann heute jung, so wären er und sein grosser Bruder auf dieser Brücke ganz und gar zu Hause.

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