«Heute ist ein schlechter, sehr schlechter Tag»

Jane Birkins sehr private Tagebücher gewähren Einblick in die britische Upperclass – und zeigen, wie eng coole Kulturszene und Elite miteinander verwoben waren.

Wie man damit spielt, seine Naivität auszustellen: Jane Birkin, geboren 1946 in London, im Jahr 1968.

Wie man damit spielt, seine Naivität auszustellen: Jane Birkin, geboren 1946 in London, im Jahr 1968.

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Ein Moment aus Jane Birkins Tagebüchern bleibt besonders hängen, aus heutiger Sicht. Sie ist mit ihrem Partner, Serge Gainsbourg, bei einem Rothschild-Dinner. Dort sitzt sie neben dem berühmten Pianisten Arthur Rubinstein, der anfängt, ihr das Knie zu tätscheln. Sie beschwert sich bei Gainsbourg, der antwortet: «Lass ihn, Jeanette, er ist ein Genie!» Sie nimmt es Serge nicht übel, kauft ihm sogar eine aufblasbare Puppe, obwohl sie zum selben Preis «Handschellen oder das komplette Erotik-Kit für Damen bekommen hätte».

Bei den «Munkey Diaries» handelt es sich um einen Hybrid aus Autobiografie und den Tagebüchern, die Jane Birkin über mehrere Jahrzehnte, von ihrem elften Lebensjahr bis zum Tod ihrer ältesten Tochter Kate im Dezember 2013, geführt hat. Das erste ist nun erschienen. Es umfasst die Jahre 1957 bis 1982.

Birkin warnt im Vorwort: «Ich bin immer noch sehr kindisch, glaube ich, und anstrengend.» Generell hat sie sich in den ersten Jahren viel vorzuwerfen, sie findet ihre Schwester schöner, sich im Allgemeinen nicht so begabt etc. etc. Der Tonfall ist angenehm unbedarft; sie spielt damit, ihre Naivität auszustellen, weshalb sie nicht dümmlich wirkt. Bis auf ein paar verloren gegangene Hefte sind die Tagebücher vollständig. Gestrichen wurden laut Vorwort nur Passagen, die lebende Personen verletzen könnten, sonst sind Birkins Eintragungen vollständig wiedergegeben.

«Und obendrein fühle ich mich schlecht!»

Das merkt man. Manchmal erreicht der Weltstar besonders am Anfang Qualitäten, bei denen einem vor Hochspannung nicht gerade schwindelig wird. «Mittwoch» heisst es etwa auf Seite 25: «Langweilig langweilig, sehr langweilig. Donnerstag. Ein Dokumentarfilm über Grünspechte, wie sie sich ernähren, heiraten und Kinder haben.»

Unterhaltsam ist das aber durchaus. «Heute ist ein schlechter, sehr schlechter Tag, und obendrein fühle ich mich schlecht!» etwa ist ein toller Satz. Oder, anlässlich der Geburt des dritten Kindes von Königin Elisabeth: «Die Königin hat einen Jungen bekommen! Geboren um 16 Uhr am 19. Februar. Vielleicht wird man ihn Albert nennen, ich hoffe nicht.» Recht hat sie! Dabei ist sie, als sie das schreibt, noch Schülerin, und der Adressat ihrer Einträge ist ihr Plüschaffe Munkey. Den Kuscheltieraffen, nach dem ihre Tagebücher benannt sind, hat sie später Serge Gainsbourg ins Grab gelegt.

Jane Birkin im Mai 1969. (Photo by Victor Blackman/Daily Express/Hulton Archive/Getty Images)

Interessant ist das Tagebuch dieser Jahre auf jeden Fall aus soziologischer Sicht. Es ist ein schöner Einblick in die Welt der Upperclass, der Jane Birkin entstammt. Diese Herkunft war wohl auch eine wesentliche Voraussetzung für ihre Karriere. Dass ihr Vater der besseren Gesellschaft angehörte (in seiner Familie wurde seine Ehe wohl zumindest teilweise als Mesalliance betrachtet), die Showbiz-Verbindungen ihrer Mutter und ihre Privatschulbekanntschaften liessen sie in eine Gesellschaft des Wohlstands, der künstlerischen Ambitionen und des Spiels der Eitelkeiten hineinwachsen.

Sehr deutlich wird, wie die britische Gesellschaft funktionierte und in vieler Hinsicht bis heute funktioniert. Wie Eliten generiert wurden über ein ziemlich brutales Privatschulsystem, in dem Neulinge von etablierten Schülern wie Leibeigene für Alltagsdienste benutzt und als «Fag» (Schwuchtel) angeredet wurden. Coole Kulturszene und starre althergebrachte Hierarchien haben oft mehr miteinander zu tun, als es von hier aus scheint.

Make-up für ins Krankenhaus

Ungetrübt von solchen Überlegungen, wird Birkin 14 Jahre alt, bekommt Brüste und fängt an zu denken, was für sie in direktem logischen Zusammenhang steht. Sie heiratet sehr jung und sehr unglücklich John Barry, ihr Mann behandelt sie schlecht, sie zerkratzt sich die Beine mit Eierschalen. Denkt, ein Kind würde die Situation verbessern, wird schwanger, kriegt die Wehen und trägt Make-up auf, bevor sie ins Krankenhaus fährt. Trennung, Begegnung mit Gainsbourg. Was danach geschieht, ist Geschichte.

Ihre Filme und Alben erwähnt sie eher am Rande, dafür beschreibt sie Bordellbesuche mit Gainsbourg, Eifersüchteleien, Muttergefühle. Sie liebt viel und intensiv. Insofern trifft der Titel der «privaten» Tagebücher in der Tat.

Jane Birkin: Munkey Diaries. Die privaten Tagebücher. Aus dem Französischen von Barbara Heber-Schärer. Penguin-Verlag, München 2019. 347 S., ca. 37 Fr.

Erstellt: 06.11.2019, 07:52 Uhr

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