Ein totes Kind erinnerte den Hafenmeister an seine Tochter

Rettungstaucher, Totengräber und Überlebende auf Lampedusa kommen im neuen von Buch Davide Enia zu Wort. Ihre Erzählungen brennen sich ein.

Migranten rufen vor Lampedusa um Hilfe. Ihr Boot droht zu kentern. Foto: Keystone

Migranten rufen vor Lampedusa um Hilfe. Ihr Boot droht zu kentern. Foto: Keystone

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Im Jahr 1996 passierte es zum ersten Mal. Ein Schiffswrack voller Leichen wurde in Lampedusa angespült. Die Strömung hatte es in die Nähe des Hafens getrieben. Die Militärbehörde wandte sich an Vincenzo, den Totengräber, Gärtner und Messdiener des Friedhofs der Insel. Vincenzo verstopfte sich die Nasenlöcher mit Minze, legte einen Mundschutz an, barg die zwölf Afrikaner, wusch sie und begrub sie. Für die einzige Frau unter den Bootsflüchtlingen pflanzte er einen Oleanderbusch.

Es sind Auskünfte dieser Art, die Davide Enias Erfahrungsbericht «Schiffbruch vor Lampedusa» so einprägsam machen. Enia kennt die Insel seit seiner Jugend, kehrte zwischen 2012 und 2015 mehrfach dorthin zurück, besuchte Freunde, befragte einen Rettungstaucher ebenso wie den Kapitän der Küstenwache, Ärzte, Fischer, den Totengräber und gewöhnliche Einwohner. Auch mit Überlebenden konnte er reden.

Enia lässt die Betroffenen in wörtlicher Rede ihre Erfahrungen schildern. Niemand, das wird rasch deutlich, kann die Erlebnisse verarbeiten. Auf den sinkenden Booten befinden sich häufig über 200 Flüchtlinge, und einmal sogar 1300 Menschen. Selbst wenn die Helfer unzählige Menschenleben retten können – zu grausam sind die Bilder derjenigen, die vor ihren Augen ertrinken. Man wäge nicht ab, sagt der Rettungstaucher: «Auf See ist jedes Leben heilig.»

Ein Logbuch des Scheiterns

Solche Äusserungen kontrastieren aufs Schärfste mit den martialischen Tönen des derzeitigen Innenministers Matteo Salvini. Dabei hatte Italien nach der dramatischen Havarie vom 3. Oktober 2013 vor Lampedusa mit 368 Toten und 155 Geretteten das Seenotrettungsprogramm «Mare Nostrum» initiiert und finanziert. Davide Enia, der sein Buch lange vor Salvinis Amtsantritt schrieb, stellt implizit die zentralen Fragen – wie kann es sein, dass Europa seit Jahrzehnten die Lage in Süditalien missachtet und auf dem Dublin-Verfahren besteht?

Der Autor, 1974 geboren, mittlerweile in Rom zu Hause, in Italien als Dramatiker und Romancier bekannt, liefert keinen Leitfaden im Umgang mit der Flüchtlingsfrage, sondern protokolliert seine eigenen Reaktionen. Das Ergebnis ist eine Art Logbuch – eine Mischung aus Reportage, Selbsterkundung und Tatsachenbericht.

Die Lektüre brennt sich ein

Immer wieder reflektiert Enia seine eigene Hilflosigkeit angesichts der Wucht dessen, was er erfährt. Allerdings liegt in dieser Haltung auch das Problem des Buches. Denn Enia erzählt auch seine eigene Familiengeschichte. Ihm geht es um den Begriff von Männlichkeit, der ihm in seiner Familie vermittelt wurde. Der Vater, Kardiologe im Ruhestand und leidenschaftlicher Fotograf, begleitet ihn nach Lampedusa, unterdessen droht der schwer kranke Bruder des Vaters seinem Krebsleiden zu erliegen.

Den privaten Verlust mit dem Sterben auf dem Mittelmeer zu parallelisieren, ist allerdings ein Risiko. Weder können die Episoden an sich überzeugen, noch findet Enia für sie eine angemessene Sprache – sie wirken deplatziert inmitten der Nöte der Flüchtlinge.

Dass sich die Lektüre dennoch einbrennt, liegt an den Erzählungen der Beteiligten in wörtlicher Rede. Wie die ölverschmierten Körper den Fischern immer wieder entgleiten, oder wie der Hafenmeister ein totes Mädchen im Wasser entdeckt, das ihn an seine Tochter erinnert. Nicht nur die Flüchtlinge erleiden Schiffbruch vor Lampedusa, sondern ganz Europa.


Davide Enia: Schiffbruch vor Lampedusa. Aus dem Italienischen von Susanne Van Volxem und Olaf Matthias Roth. Wallstein, Göttingen 2019. 236 S., ca. 33 Fr.

Erstellt: 23.07.2019, 12:11 Uhr

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