Hin zum heiteren Schweigen

Die 40. Solothurner Literaturtage zogen noch mehr Publikum an als 2017. Ein Höhepunkt: die Dankrede des Preisträgers Peter Stamm.

«Die Literatur braucht das Leben stärker als das Leben die Literatur», sagte Peter Stamm in seiner Dankrede. Bild: Keystone

«Die Literatur braucht das Leben stärker als das Leben die Literatur», sagte Peter Stamm in seiner Dankrede. Bild: Keystone

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Literatur ist ein Medium der Schrift. Sie wird einsam genossen. Solothurn aber ist ein Hochamt der Mündlichkeit – und der Gemeinschaft. Auch am Sonntag, bei gutem Wanderwetter, pilgern die Literaturfreunde in Scharen zu den Festival­orten im Landhaus und drumherum, füllen den grossen Saal, wenn die Zugpferde des Literaturlandes, ob alt oder jung, aus ihren jüngsten Werken lesen. Arno Camenischs «Letzter Schnee» klingt, wenn der Autor es mit seiner vibratoreichen Stimme performt, so, als sei es überhaupt für die Bühne geschrieben. Und auch Franz Hohlers brave Geschichte um einen Bibliothekar, der durch eine Verwechslung an die Urschrift des «Abrogans» gerät, erntet im Vortrag etliche Freudenlacher.

Eine originär orale Gattung ist dagegen die Preisrede. Die hielt Nicola Steiner, Moderatorin des «Literaturclubs» und neue Vorsitzende der Jury des Solothurner Literaturpreises (nach einer schier endlosen Ära Hans-Ulrich Probst) auf Peter Stamm, der 2018 tatsächlich und schwer begreiflich die erste grössere Auszeichnung seines Heimatlandes erhalten hat. Im steifen, fast gruftigen Ambiente des Stadttheaters schlug sie muntere, modernere Töne an, flocht Facebook-Posts ein und kreiste doch das Zentrum des stammschen Werks konsequent ein: die Verschränkung von Realität und Fiktion, die Sehnsucht nach einem anderen Leben und den durch stetige Verdichtung erzielten «Stamm-Sound», lakonisch und hochrhythmisiert zugleich.

Das Verschwinden der Literatur

Eine Dankrede war nicht vorgesehen, eigentlich hätte der Preisträger bloss lesen müssen. Gut, dass dieser aus einem Missverständnis entstandene Text geschrieben und vorgetragen wurde. Denn Stamm trat als Interpret des eigenen Werks auf, genauer: eines bis dahin weitgehend übersehenen Aspekts – des Verschwindens der Literatur. Er wies darauf hin, dass etliche seiner Figuren sich ihrer Bücher entledigen, sie wegwerfen oder gar verbrennen. Christoph, der Held des jüngsten Romans, lässt gar sein eigenes Romanmanuskript unbekümmert in einer Kneipe liegen.

Das «Vorrecht seiner Figuren», so Stamm weiter, habe er nicht. (Die stammsche Bibliothek ist also nicht gefährdet.) Aber er spüre immer stärker, «dass die Literatur das Leben stärker braucht als das Leben die Literatur». Zwar seien Bücher «ein Hilfsmittel, das Leben klarer zu sehen»; er hoffe aber, dass sich dieses Hilfsmittel mit der Zeit überflüssig machen werde. Das solle auch für seine eigenen Bücher gelten. Er wünsche sich, immer kürzere, immer leisere Texte zu verfassen, bis hin zu einem «heiteren Schweigen»: «So schreibe ich weiter, bis ich irgendwann in der Stille angekommen bin.»

Ausländische Gäste nur spärlich vertreten

Nun, hoffentlich noch nicht so bald! Ganz gegenläufig zu Stamms Plädoyer sind die Literaturtage im Jubiläumsjahr (dem 40.) mit 190 Veranstaltungen und 18'000 Eintritten noch einmal gewachsen. Längst kann man die Schweizer Frühjahrswerkschau (Gäste aus dem Ausland waren spärlich vertreten) nur im Schnuppermodus besuchen. Hier gezielt wählen, dort sich vom Zufall einfangen lassen. Dann gerät man in ein so sympathisches Format wie das «Übersetzerporträt» oder eine Diskussion über 70 Jahre Israel, bei der der Autor Assaf Gavron das Lebensgefühl seiner Landsleute interpretiert, ihre Existenz als Nation könnte morgen zu Ende sein.

Das kann man sich für die Solothurner Literaturtage nicht vorstellen. Sie werden auch die nächsten 40 Jahre stattfinden. Genau so.

Erstellt: 13.05.2018, 19:07 Uhr

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