Hitler, der Bestsellerautor

«Mein Kampf» wurde neu herausgegeben und steht seit dieser Woche auf Platz eins der Sachbuch-Bestsellerliste.

Das Buch wurde häufiger verkauft als der «Appell des Dalai Lama an die Welt» und Helmut Schmidts letztes Vermächtnis.

Das Buch wurde häufiger verkauft als der «Appell des Dalai Lama an die Welt» und Helmut Schmidts letztes Vermächtnis. Bild: Lennart Preiss/Keystone

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Selbst die Herausgeber vom Institut für Zeitgeschichte (IfZ) zeigen sich «völlig überrascht»: Ihre historisch-kritische Edition von Hitlers «Mein Kampf» steht seit dieser Woche auf Platz eins der Sachbuch-Bestsellerliste, vor so populären Werken wie dem «Appell des Dalai Lama an die Welt» und Helmut Schmidts letztem Vermächtnis. Die Bibel der Nazi-Ideologie wurde bisher fast 50'000 Mal verkauft, obwohl – oder weil? – die wissenschaftliche IfZ-Ausgabe rechte Laufkundschaft abschrecken sollte. Das Cover ist blass und unscheinbar, der Preis mit 59 Euro hoch, die Auf­machung philologisch dröge: Hitlers Hetztiraden werden von 3600 kommentierenden Fussnoten regelrecht umzingelt. Trotzdem wird nun schon die vierte Auflage gedruckt, bei Ebay werden bis zu 400 Euro für ein Exemplar geboten.

Die Bombe ist entschärft

Die historisch-kritische Ausgabe war von Anfang an umstritten. Viele hätten «Mein Kampf» gern für immer in den Giftschrank der Geschichte weggeschlossen; andere fürchteten, gerade das Verbotene mache erst scharf. Die Gefahr ideologischer Kontamination ist heute jedenfalls gering, die Bombe ist längst politisch und historisch entschärft. Nicht einmal rechtsradikale Pegida-Wutbürger munitionieren sich bei Hitlers schwülstigen Phrasen und Tiraden. Und wer wollte, konnte vorher schon «Mein Kampf» lesen und kaufen: im Internet, im Ausland, in Anti­quariaten. Gewiss, so viele geschichtsbewusste Gymnasiallehrer, die endlich mal Hitler im Urtext studieren wollen, kann es gar nicht geben.

Wer sich «Mein Kampf» neben Goethe, Jünger und Heidegger ins Bücherregal stellt, muss kein Neonazi sein, aber er adelt, vielleicht wider Willen, ein Schmuddelbuch zum Kulturgut. «Mein Kampf» von Rimini Protokoll ist derzeit ein Renner auf deutschen Bühnen; im Kino und in den Buchläden häufen sich die Hitler-Parodien. Keine Frage, er ist wieder da. Nicht als Dämon, sondern als Witzfigur und Autor eines unlesbaren alten Schmökers. Und das ist auch gut so.

Erstellt: 18.04.2016, 21:02 Uhr

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