Humboldts bisher unbekannter Kosmos

Eine sensationelle Gesamtausgabe macht viele vergessene und unbekannte Schriften des Naturforschers zugänglich.

Eduard Ender malte 1856 eine idealisierte Darstellung des berühmten Forschers: Das Bild zeigt Alexander von Humboldt und Aimé Bonpland am Orinoco. Foto: AKG

Eduard Ender malte 1856 eine idealisierte Darstellung des berühmten Forschers: Das Bild zeigt Alexander von Humboldt und Aimé Bonpland am Orinoco. Foto: AKG

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Um die Mitte des 19. Jahrhunderts suchte eine spiritistische Welle Europa heim. Das Tischerücken wurde Mode. Auch der berühmteste Naturforscher der Zeit, Alexander von Humboldt, erhielt eine Anfrage, wie das vermeintlich paranormale Phänomen zu erklären sei. Im April 1853 brachte die Wiener Zeitung «Die Presse» seine Antwort. Er habe, hiess es, sich über das Tischerücken «mit einer gewissen Indignation ausgesprochen». Humboldt verwies die Neugierigen an seine wissenschaftlichen Freunde, die vielleicht geneigter seien, derlei genauer zu ergründen. Er selbst beschied: «Eine ungenau beobachtete Thatsache ist schwerer zu erschüttern als eine Theorie. Wenn in einem 84-jährigen Lebenslaufe man schon die periodisch wiederkehrenden Albernheiten der ­dogmatischen Volksphysik erlebt hat; so hat man keine Neigung, sich mit der erneuerten Untersuchung der Art zu beschäftigen.»

Der kurze Brief «über das Tischerücken» machte rasch die Runde. Die «Augsburger Postzeitung» druckte ihn ebenso wie die «Neue Zürcher Zeitung», man veröffentlichte ihn in Kopenhagen, Washington, Detroit. Und als im Jahr ­darauf «Die Gartenlaube» über Spiritistisches und die Gefahren der Pseudowissenschaft berichtete, zitierte das ­illustrierte Familienblatt selbstverständlich den klugen Satz des «geistvollen Forschers in Silberhaaren», dass ungenaue Beobachtungen schwerer zu korrigieren seien als Theorien. Es war übrigens Humboldts Freund, der Physiker ­François Arago, der sich in einem Vortrag in Paris den verrückten Tischen streng wissenschaftlich näherte und das Rätsel entzauberte.

Sechsundzwanzig Veröffentlichungen des Briefes verzeichnet die Ausgabe sämtlicher Schriften Alexander von Humboldts, die gerade erschienen ist. Für die lange Zeit nach dem Tod Humboldts im Jahr 1859 wurde kein einziger Druck nachgewiesen. Und so verhält es sich mit der Mehrheit der hier versammelten unselbstständigen, also nicht in Buchform veröffentlichten Texte. Die Ausgabe erschliesst eine ganze Werkgruppe, die Artikel, Aufsätze, Essays des klassischen Autors, der über die Jahrhunderte mehr gefeiert, beschworen, interpretiert und instrumentalisiert denn gelesen wurde.

Jahrelange Recherchearbeit

Die Ausgabe bietet über 750 Erstdrucke mit – so es sie gab – den Abbildungen der Originalpublikation. Die Bibliografie verzeichnet insgesamt 3600 Drucke und Nachdrucke. Die Texte erschienen in Zeitschriften, Zeitungen, als Beiträge zu Werken anderer Autoren. Der grösste Teil dieser unselbstständigen Schriften, etwa 95 Prozent, ist nach dem Tod Alexander von Humboldts nie wieder gedruckt worden.

Über Jahre haben Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler unter der Leitung von Oliver Lubrich und Thomas Nehrlich an der Universität Bern das Korpus der Schriften erarbeitet. Die hier versammelten Schriften entstanden über sieben Jahrzehnte, auf drei Kontinenten und wurden in vielen Sprachen veröffentlicht.

Der erste Artikel erschien am 5. Januar 1789 in der «Gazette littéraire de Berlin», in französischer Sprache. In der Berner Ausgabe kann man ihn auch auf Deutsch nachlesen: «Brief an den Autor dieses Blattes; über den Bohon-Upas; von einem jungen Adligen aus dieser Stadt». Darin geht es um einen giftigen Baum, über den wundersame Geschichten kursieren. Der Zögling der Berliner Aufklärung verweist auf das Interesse der Herrschenden, das einfache Volk unwissend zu lassen: «Voltaire würde sagen, dies beweise, dass die Priester sich auch unter dem Äquator nicht ändern.» Gegen den Aberglauben setzt Humboldt auf Beobachtung, auf Daten. Die Übel der Menschheit seien zahlreich genug, es sei nicht nötig, sie durch «schädliche Ideen noch zu vermehren».

Der letzte Text der Ausgabe ist der «Ruf um Hülfe», mit dem der Greis bat, ihn nicht mit Anfragen zu überhäufen, ihm Ruhe zur eigenen Arbeit zu lassen. Er stammt aus dem März 1859.

Ein berühmter Europäer

Zu Beginn des 19. Jahrhunderts war Humboldt, soweit das im Rückblick festzustellen ist, dank seiner Amerika-Expedition von 1799 bis 1804 der neben Napoleon berühmteste Europäer. Ende des Jahres 1807 ging er in diplomatischer Mission nach Paris und erlangte schliesslich die Erlaubnis, dort zu bleiben und sich ganz der Publikation seines Reisewerks zu widmen. Die Leser hatte er schon von Südamerika aus in Briefen und Berichten auf dem Laufenden gehalten, mit jedem Detail weitere Neugier geweckt.

Im Januar 1807 veröffentlichten die «Allgemeinen Geographischen Ephemeriden» «Auszüge aus einigen Briefen» Humboldts an den Herausgeber. Der Maler Gottlieb Schick, der damals in Rom lebte, hatte nach Erzählungen des Reisenden die «Skizze einer nächtlichen Szene am Orinoko» angefertigt. Humboldt fand sie «sehr genialisch».

Keiner, der dabei gewesen, könnte sie treuer machen. «Wenn ich sie betrachte, glaube ich mich an den Alten Orinoko oder Cassiquiare versetzt. Nichts gränzt an die stille Majestät jener Tropennächte. Der Wald (...) drängt sich dicht an den Fluss. Man fährt lange mit dem Canot am Ufer hin, bis man an eine Stelle trifft, wo das Pflanzengewirre Einem Raum lässt, ans Land zu steigen und seine Hamaken (Hängematten) auszuspannen. Europäer haben keinen ­Begriff von diesen Hindernissen, welche die Vegetation der Cultur des Menschengeschlechts im Innern von Südamerika setzt.»

Humboldt schildert, halb sich erinnernd, halb Schicks Skizze beschreibend, die Beschwerlichkeiten und Gefahren, unterbricht die stimmungsvolle Szene immer wieder einmal durch allgemeine Informationen und Bemerkungen des Forschers. In den Hängematten sei man «vor den furchtbaren Schlangen gesichert», «die abgerechnet, welche sich von oben von den Bäumen herablassen».

Bekannt sind vor allem Alexander von Humboldts «Ansichten der Natur» und sein «Kosmos». In den letzten Jahren wurden die Reisetagebücher, das grafische Werk und einiges mehr ediert. Die Ausgabe der Schriften profitierte vom Aufschwung der Humboldt-Philologie und ist deren vorläufige Krönung. Sie erlaubt es, so die Herausgeber, andere Seiten des Autors zu erkunden: den «Meister der kleinen Formen», den «internationalen Publizisten», den «öffentlichen Intellektuellen», den «postdisziplinären Forscher».

Gleich im ersten Band wird klar, dass Humboldt nicht allein der deutschen Nationalliteratur angehört: Da stehen nacheinander ein französischer, ein deutscher und ein lateinischer Text. Er wurde in ein Dutzend weitere Sprachen übersetzt und noch zu Lebzeiten auf allen Kontinenten veröffentlicht, in Mailand, Warschau, Caracas, in New York, Moskau, Mumbai, Shanghai. Besonders zahlreich sind die Publikationen in englischer Sprache. Er war ein viel gedruckter Autor in den Vereinigten Staaten. Obwohl er selbst nicht auf Englisch schrieb, sei er, sagen die Herausgeber, gegen Endes seines Lebens zu einem englischsprachigen Autor geworden.

Mit den sämtlichen Schriften kommt man Humboldt und seiner Zeit besonders nahe, weil sie Texte aus allen Epochen seines produktiven Lebens enthalten, weil er vor allem mit diesen Texten in der Öffentlichkeit und global präsent war. Die Prachtwerke von den Reisen waren für die meisten unerschwinglich, nicht aber die Zeitungen und Zeitschriften. Einige Artikel beziehen sich direkt auf eines der Bücher, aber zwei Drittel der Schriften «haben keine Entsprechung in den Buchwerken».

Kolonialismus und Welthandel

Nur mit Erlaubnis des spanischen Königs hatte Humboldt in dessen Kolonien reisen können. Die Idee der Kolonie selbst, ein Land in Abhängigkeit und Rückständigkeit zu halten, um es auszubeuten, hielt er für eine unmoralische. Dennoch hat ihm etwa Mary Louise Pratt vorgeworfen, er habe Südamerika mit «imperialem Blick» ausgekundschaftet und mit seinen Darstellungen den Kontinent als Verfügungsmasse präsentiert. In den Schriften finden sich jedoch zahlreiche kolonialismuskritische Überlegungen. Scharf attackierte Humboldt die Sklaverei. Als sein Buch «Essai politique sur l'île de Cuba» in den Vereinigten Staaten erschien und ausgerechnet um die sklavereikritischen Passagen gekürzt worden war, protestierte er öffentlich.

Einer der schönsten Aufsätze Humboldts erschien 1826: «Ueber die künftigen Verhältnisse von Europa und Amerika». Er entwickelt dort Vorstellungen von einem globalen Wettbewerb. «Dieser edle Wetteifer in Gesittung, Kunstfleiss und Handelsverkehr wird aber, weit entfernt, (wie vielfältig prophezeit worden ist) die Verarmung des alten Festlandes zum Vortheil des neuen herbeyzuführen, vielmehr den Verbrauchsbedarf, die Masse der produktiven Arbeit und die Thätigkeit des Tauschverkehrs steigern. (...) Die Unabhängigkeit der Kolonien wird keineswegs ihre Trennung und Absonderung befördern, sondern vielmehr sie den Völkern früherer Gesittung annähern. Der Handelsverkehr strebt dasjenige zu vereinbaren, was eine eifersüchtige Staatskunst lange Zeit getrennt hielt.»

Alexander von Humboldt war viel zu lange der bloss angeschwärmte Klassiker. Ihn zu lesen, bietet die unerschöpfliche Berner Ausgabe beste Gelegenheit.

Alexander von Humboldt, Oliver Lubrich (Hrsg.), Thomas Nehrlich (Hrsg.): Sämtliche Schriften, DTV, München 2019. 11 Bände, 6848 S., 317 Fr.

Erstellt: 28.08.2019, 21:17 Uhr

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