Hundert Flüchtlinge und ein leckes Boot

Zeichner Peter Eickmeyer und die Journalistin Gaby von Borstel begleiteten eine Schiffscrew, die Bootsflüchtlinge im Mittelmeer rettet. Ihre Erfahrungen erscheinen nun als Comicreportage.

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Ein Mensch ist ein Nichts, wenn er in der Weite des Ozeans treibt. Wer kann schon aus der Ferne eine Schaumkrone von einem Schlauchboot unterscheiden? Auch die Crew der MS Aquarius kämpft mit solchen Schwierigkeiten, an einem Tag im Juni 2016. Das Schiff kreuzt vor Tripolis in internationalen Gewässern, die Besatzungsmitglieder suchen die unruhige See mit Ferngläsern nach Flüchtlingsbooten ab. Der Horizont ist voller Schaumkronen. Eine von ihnen wird sich als Schlauchboot herausstellen – mit 132 Menschen an Bord.

Während drei Wochen begleiteten der Zeichner Peter Eickmeyer und die Journalistin Gaby von Borstel letztes Jahr die MS Aquarius. Das 77 Meter lange einstige Fischereikontrollschiff wurde von der zivilen Hilfsorganisation SOS Méditerranée gechartert. Seit Anfang 2016 kreuzt es zur Flüchtlingsbergung zwischen Süditalien, Tunesien und Libyen. Gut 200 Zeichnungen und Skizzen fertigt Eickmeyer während des Einsatzes an. Von Borstel interviewt Crew-Mitglieder und Gerettete. Das Material haben die beiden nun als Comicreportage «Liebe deinen Nächsten» herausgebracht.

Zuerst: Dröger Alltag

Die Idee für das Projekt kam Eickmeyer und von Borstel 2015, nachdem sie einen Vortrag des Méditerranée-Gründers und Kapitäns Klaus Vogel gehört hatten. «Wir sind keine Ärzte, können kein Schiff steuern. Aber wir können etwas anderes: die Öffentlichkeit sensibilisieren», sagte Peter Eickmeyer zur deutschen TAZ.

«Liebe deinen Nächsten» ist eine Mischung aus aufklärend und aufwühlend, aus nüchternem Rapport und berührender Nahaufnahme. So gewährt die erste Hälfte der Reportage einen Einblick in das Innere des Schiffs; porträtiert den Alltag an Bord so unaufgeregt, wie er halt nun einmal ist, zwischen Navigieren und Notfallübungen. Dem Comic hätte hier eine etwas gestraffte Erzählung wohl gutgetan.

Und doch erzeugt die Abbildung der Routine auch einen Effekt: Der Leser ist für einen kurzen Moment den Rettern nah. Hier privilegierter mitteleuropäischer Alltag, dort banale Bord-Routine – der tägliche Überlebenskampf der Flüchtlinge scheint beiden gleich fern. Umso heftiger wird der Leser dann mit den Rettern aus der Apathie gerissen. Ein «auf und ab hüpfendes Etwas» im Meer draussen wird im Blick durchs Fernrohr grösser, erscheint schliesslich in seiner vollen Wucht: Da treiben durstige und hungrige Flüchtlinge in einem lecken Schlauchboot.

Aus der «Welle» werden Menschen

Der Bruch in der Erzählung vollzieht sich auch auf formaler Ebene. Ab dem ersten Kontakt zu den Bootsflüchtlingen weichen die am Computer kolorierten Bilder den handkolorierten Paneelen Eickmeyers. Dieser Stilwechsel sitzt. Die Farben verbreiten nun Wärme, schliesslich geht es um Menschen.

Eickmeyer und von Borstel holen die Flüchtlinge ganz nah ran. Sie geben ihnen Gesichter der Angst und der Erleichterung, geben ihnen Biografien und Wünsche und Namen. Mohammed und Amadou, Noah und Sara. In «Liebe deinen Nächsten» werden diese Männer und Frauen zur Antithese zum entmenschlichenden Diskurs der Politik, der sie in «Wellen» und «Strömen» bündelt, der sie zur «finanziellen Bürde» oder zum «Terrorismus-Importeur» reduziert.

Eines machen Peter Eickmeyer und Gaby von Borstel aber auch deutlich: Dank der Crew der MS Aquarius ging die Geschichte dieser Menschen gut aus. Tausende von Bootsflüchtlingen hatten nicht dasselbe Glück. Ihr Schlauchboot wurde nicht rechtzeitig entdeckt, in der Weite des Meeres, inmitten all der Schaumkronen.

Erstellt: 26.09.2017, 10:23 Uhr

«Liebe deinen Nächsten» erscheint am 1. Oktober. 128 Seiten, Splitter Verlag, 32 Franken.

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