Hundert Jahre Herrlichkeit

Irving Penn schrieb mit seinen Fotografien Werbegeschichte. Nun hat seine Retrospektive Berlin erreicht – und ist dort sogar noch sehenswerter als in Paris und in New York.

Irving Penn: Still Life with Watermelon (1947). Foto: The Irving Penn Foundation

Irving Penn: Still Life with Watermelon (1947). Foto: The Irving Penn Foundation

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Gegen Ende hin, nach all diesen vielen, vielen Bildern, die Irving Penn in seiner langen Karriere gemacht hat, sieht man auch ein paar, die nicht von ihm sind, ihn aber zeigen: einen wirbelnden Mann mit energisch glänzender Stirnglatze. Er wirkt ein bisschen wie Jackson Pollock, der ja tatsächlich nur fünf Jahre älter war, bloss eben nicht mit Farbeimer, sondern mit Kamera. Ganz besonders auf einem Bild von Billy Jim ist die Ähnlichkeit verblüffend: Es zeigt Penn in ausgewaschenen Bluejeans auf dem Boden hockend und über seinen Apparat gebeugt, als wolle er den Kopf restlos in den Sucher hineinschieben, beim Scharfstellen auf ein paar Zigarettenkippen in einer New Yorker Gehwegpfütze.

Das war 1999, da war Irving Penn 82, sah aus wie 50 – und dass er letztes Jahr 100 geworden wäre, ist noch schwerer zu fassen, vor allem weil unklar ist, ob man eher «erst» oder «schon» vor diese Zahl setzen muss. Denn Penn macht einen nicht nur mit den vielen Richtungswechseln in seinem Werk schwindlig, er verwirrt auch das Zeitgefühl.

Es ist zwar sicher, dass er 1917 als Sohn russischer Einwanderer, die den Namen Penn angenommen hatten, in New Jersey geboren wurde. Und die grosse Retrospektive, die nach Stationen in New York und Paris jetzt in Berlin gezeigt wird, heisst deswegen auch «Centennial», «Hundertjahrfeier». Trotzdem macht es in seinem weitläufigen Werk den Eindruck, als sei er einerseits noch ganz lebendig und präsent (er starb 2009, mit auch schon 92 Jahren), und gleichzeitig so etwas wie ein prähistorischer Fotogott, der irgendwie immer schon da war. Es hat jedenfalls etwas geradezu Unwahrscheinliches, dass all diese Bilder nur einem einzigen Fotografenleben entstammen sollen.

Ein Foto – wie von Caravaggio

Die Spanne reicht von schwarzweissen Strassenfotografien, die von frühen Pionieren stammen könnten, bis zum orchideenartigen Mund mit acht verschiedenen Lippenstiftspuren für eine Werbung von L’Oréal. Oder, in umgekehrter Richtung, von Issey Miyake und seiner futuristischen Robotermode bis zu Igor Strawinsky, horchend mit der Hand am Ohr in einer spitzwinkligen Pappmaché-Ecke, in die Penn einst auch Marcel Duchamp, Salvador Dalí und andere Berühmtheiten aus der ersten Hälfte des Jahrhunderts gezwängt hatte. In Berlin bauten sie diese Kulisse aus museumspädagogischen Gründen nach, sodass man mit dem Selfiestick am eigenen Leib erfahren kann, was das mit den Fotografierten macht: Viele agieren sich aus, als würden sie existenziell in die Ecke getrieben.

Manche der Stillleben, die Penn für die «Vogue» um 1947 arrangierte, wollten wirken und wirken auch tatsächlich so, als hätten Caravaggio und ein paar Holländer im 17. Jahrhundert für eine Camera obscura zusammengelegt. Dafür sieht Midcentury-Supermodel Mary Jane Russell, die sich 1951 mit dem spitzen Fingernagel einen Tabakkrümel von der Zungenspitze pflückt, bei Penn so aus, als würde sie das zur Musik von Grace Jones im Studio 54 tun, während die ausgetretenen Zigarettenstummel, die Penn zu dieser Zeit mit der Inbrunst eines Archäologen dokumentierte, etwas von Trümmern aus der Antike haben.

Legendär lange Schlange

Aber es steckten ja auch wirklich mindestens zwei Leben in dem einen: Neben Penn, dem Modefotografen, gab es den Penn, der ursprünglich Maler werden wollte und dann als Fotograf von Ausflügen in die Kunst nicht lassen konnte, aber nur, um genauso regelmässig zu den Brotjobs der kommerziellen Fotografie und zu den Promi-Porträts zurückzukehren. Zum Glück, wie man doch immer wieder sagen muss. Denn diese Arbeiten sind am Ende oft die grösseren Kunstwerke. Auf jeden Fall dürften sie auch in Berlin die populäreren sein.

Ein Glück ist es, diese Ausstellung hier noch einmal sehen zu können. Denn am Metropolitan Museum in New York war sie schon hinreissend, aber bei C/O Berlin ist sie noch schöner, noch grosszügiger und dadurch noch zwingender. Das sieht sogar Jeff Rosenheim so, der Fotokurator des Metropolitan Museum. Als man ihn fragte, warum das so sei, meinte er, dass es vielleicht am Gebäude liege – dem einstigen Amerika-Haus am Bahnhof Zoo, dieser Propagandaschönheit aus den Fünfzigern. Kann sein, dass der Geist dieser Architektur mit dem der Fotos gut korrespondiert. Sicher ist nur: Eine so lange Schlange wie zur Eröffnung hat man in dieser Gegend zum letzten Mal gesehen, als die Mauer gefallen war und es an der Gedächtniskirche den Beate-Uhse-Laden noch gab. Bloss: bei Irving Penn gibt es sogar noch Aufregenderes zu sehen.

Bis 1. Juli im C/O Berlin. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 30.03.2018, 18:43 Uhr

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