«Ich begann aus Rache zu schreiben»

Wer die «gilets jaunes» ablehne, arbeite den Rechten zu, sagt Autor Edouard Louis. Er will die Gelbwesten zu einer linken Bewegung machen – und fordert eine neue Literatur.

Will mit seinen Büchern Wege finden, wie man sagen kann, ich leide: Schriftsteller Edouard Louis. Foto: Ed Alcock, M.Y.O.P., Laif

Will mit seinen Büchern Wege finden, wie man sagen kann, ich leide: Schriftsteller Edouard Louis. Foto: Ed Alcock, M.Y.O.P., Laif

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Herr Louis, es gibt die Sorge, dass die Gelbwesten-Bewegung reaktionär, gar rechts ist. Sie marschierten bei den Demos mit. Warum?
Mir ist bewusst, dass die Bewegung heterogen ist und das Risiko besteht, dass sie nach rechtsaussen driftet. Die «gilets jaunes» gehen auf die Strasse, weil sie unter den Zuständen leiden, weil sie Angst haben. Für mich sind die Gelbwesten daher eine progressive Bewegung. Die Leute fingen an, sie zu attackieren. Sie sagten: «Oh, es gibt bei den ‹gilets jaunes› Rassisten, deshalb lehnen wir sie ab.» Aber das ist genau der Grund, warum die Linken bei den Demonstrationen präsent sein sollten. Denn wer die «gilets jaunes» ablehnt, unterstützt letztlich nur die Rechten, macht sie noch stärker.

Man macht sie stärker?
Seit 20 Jahren gibts keine starke Linke mehr. Das ist ein grosses Problem: Als sie in den 50er- und 60er-Jahren stark waren, gab es die Möglichkeit, zu sagen: Ich leide unter Ausgrenzung und sozialer Gewalt. Als die Rechte stärker wurde, änderte sich das: Man leidet nun wegen Migranten und Farbigen. Eine Herausforderung sind nicht nur die rechten Parteien. Es geht auch darum, einen progressiven Rahmen zu finden, um Gewalt und Schmerz zu artikulieren. Eine soziale Bewegung wie die «gilets jaunes» ist immer eine Bewegung in der Bewegung: ein Kampf um die Sprache, mit der man sein Leid artikuliert, wie man den Schmerz rahmt. Darin sehe ich auch meine Aufgabe als Intellektueller: Mit meinen Büchern will ich Wege finden, wie man sagen kann: Ich leide.

Die Gefahr einer Spaltung durch die Gelbwesten ist gross.
Die Frage ist doch, welche Art des Aufbruchs entsteht. Der Mai 1968 war eine gute Revolte. Die «gilets jaunes» kämpfen um ihr Leben. Das ist eine Realität, die ich aus meiner Kindheit kenne. Ich bin in einer Kleinstadt im Norden Frankreichs aufgewachsen, wo die Leute in Fabriken arbeiteten, bis diese vor 20 Jahren schlossen. Die Leute – wie meine Familie – leben dort in extrem prekären Verhältnissen. Als mein Vater 35 Jahre alt war, hatte er bei der Arbeit in der Fabrik einen Unfall, der seinen Rücken zerstörte. Unsere Familie gehörte zu dem, was Karl Marx das Lumpenproletariat nennt. In der heutigen Literatur würde ich nie etwas finden über dieses Lumpenproletariat. Ich begann daher aus Rache zu schreiben.

Sie schreiben aus Rache?
Ja, ich versuche, mit meinenBüchern den Leuten eine Bühne zu geben, die im öffentlichen Diskurs nicht vorkommen. Es gibt Politiker, die sind besessen von armen Leuten, etwa Emmanuel Macron: Die Armen sollen mehr arbeiten, härter. Die Regierung und die Herrschenden lassen die Menschen glauben, es sei ihr Fehler, wenn ihr Leben schwierig ist, wenn sie arm sind. Ich hasse auch diese bourgeoise Fantasie, die Arbeiterklasse könne sich genauso gut ausdrücken wie Intellektuelle. Wenn man das sagt, macht man die soziale Dominanz unsichtbar.

Jetzt demonstrieren die «Rotschals» gegen die «Gelbwesten»: Die «Foulards Rouges» stellen sich in Paris den Protesten gegen Präsident Macron entgegen. Video: AFP

Können Sie als Intellektueller für Deklassierte sprechen?
Das ist etwas, was ich in meinem neuen Buch thematisiere: Es gibt eine Art Gewalt in dem, was ich tue. Denn ich rede anstelle meines Vaters, ich erzähle von seiner Armut, ich spreche von der sozialen Gewalt, die er erlitt. Es ist eine der schlimmsten Formen von gesellschaftlicher Ausgrenzung, dass Menschen sehr oft nicht die Möglichkeiten haben, über sich selbst zu sprechen. Ich gebe zwar meinem Vater in meinem Buch eine Stimme, aber ich sage nicht, was er sagen würde.

Sie spiegeln nicht die Realität?
Wenn mein Vater über sich selbst spricht, dann würde er sagen: «Ich kann mich nicht beschweren, mein Leben könnte schlimmer sein.» Mein Vater schämt sich, dass er arm ist. Deshalb kann er nicht darüber sprechen. Wenn ich über meinen Vater schreibe, dann ist das auch ein Versuch, diese Scham zu überwinden. Klar, es gibt etwas objektiv Gewaltvolles, wenn man anstelle von jemandem spricht, wenn ich über meinen Vater schreibe. Aber es ist eine emanzipatorische Gewalt.

«Wenn unsere Gesellschaft weniger kontaminiert wäre von männlicher Dominanz, wäre mein Vater vielleicht in der Lage gewesen, ‹ich liebe dich› zu sagen.»

Wie konnten Sie entkommen?
Ich hatte ein doppeltes soziales Urteil: Ich gehörte der Arbeiterklasse an. Und ich bin schwul. Diese beiden Verdikte waren unvereinbar dort, wo ich aufwuchs. Ich hatte keine Wahl, ich musste meine Familie verlassen. Das beschreibe ich in meinem ersten Roman «Das Ende von Eddy». Das war nicht meine Entscheidung, ich war verdammt zur Freiheit. Aber zu dieser Zeit war das gegen meinen Willen. Ich wollte hetero sein, ein tougher Typ. Ich kämpfte so stark, wie ich nur konnte, um mich anzupassen. Aber ich scheiterte. Deshalb ging ich ans Gymnasium. Das war der einzige Weg, zu entkommen. Eines Tages entdeckte ich durch Bücher, dass ich über das sprechen kann, was ich in meinem Leben erfahren habe. Als ich mit Schreiben begann, war es auch eine Rache an der Literatur.

An der Literatur?
Ich fragte mich, warum Menschen wie mein Vater aus der Literatur getilgt sind, warum kommen Leute wie meine Mutter oder meine Schwester darin nicht vor? Ich war so wütend auf das literarische Feld. Das war der Anfang, als ich zu schreiben begann.

Ihr Vater liest Sie nicht.
Ich habe ihm ein Exemplar meines Buches geschickt, ich weiss auch, dass er die anderen beiden gekauft hat. Wenn wir uns treffen, sprechen wir nicht über solche Sachen. Wir sprechen nicht miteinander. Mein Vater sagte auch nie «Ich liebe dich» zu mir. Mein Buch ist auch die Geschichte dieser Abwesenheit. Liebe, Beziehungen, Zärtlichkeit – das sind sehr politische Themen.

Liebe als politisches Thema?
Ja, wenn unsere Gesellschaft weniger kontaminiert wäre von männlicher Dominanz, wäre mein Vater vielleicht in der Lage gewesen, «ich liebe dich» zu sagen. Meine Mutter verliess meinen Vater, als er vierzig war, weil sie sich nicht genügend geliebt fühlte. Das hat ihn zerstört. Weil er sie liebte. Aber meiner Mutter hatte er das nie gesagt, stattdessen war er aggressiv. Für ihn war das eine Performance seiner eigenen Männlichkeit. In meiner Kindheit gab es eine Obsession in Sachen Männlichkeit. Mein Vater sagte, wir müssten Schwule umbringen. Jeden Tag. Es gibt auch eine Erklärung dafür.

Welche?
Pierre Bourdieu würde sagen, man habe der Arbeiterklasse alles weggenommen, das Geld, den Zugang zur Kultur, zur Wissenschaft. Das Einzige, was übrig bleibt, sind die Körper. Es ist daher nicht überraschend, wenn es im Arbeitermilieu homophobe Tendenzen und eine Obsession in Sachen Männlichkeit gibt. Im Milieu meiner Kindheit war Bildung etwas Feminines, etwas für Mädchen, für Schwuchteln. Deshalb verliess mein Vater die Schule ohne Abschluss. Und deshalb hatte er miese Jobs.

Es gibt kein Entkommen.
Doch, in meinem Buch zeige ich, dass sich die Körper nicht so leicht von den Normen affizieren lassen. In meiner Kindheit hiess es zum Beispiel: Jungs weinen nicht. Nur Frauen. Aber wenn ich mich an meine Kindheit erinnere, dann waren es mein Vater und meine Brüder, die dauernd weinten. Meine Mutter aber nur zweimal in 15 Jahren. Es gab also einen Abstand zwischen dem, was als Norm gilt – und dem, was die Körper machen. Über diesen Abstand zu sprechen und zu schreiben, ist eine Möglichkeit, diese Normen zu entmächtigen, die damit verbundene Scham zu bekämpfen.

Das würde Arme interessieren?
In der Literatur gibt es viele Beispiele dafür, dass Autoren zu Helden der Deklassierten wurden. Selbst meine Mutter weiss, wer Victor Hugo und Emile Zola sind, dass sie über Arme schrieben. Als Frau profitiert man heute von Simone de Beauvoir, selbst wenn man sie nie gelesen hat. Bücher können eine Macht über die Leserschaft hinaus entwickeln. Das reicht nicht, klar. Aber wenn man sagt, die Leute läsen immer weniger, dann wird nie die Frage aufgeworfen, ob es nicht ein Problem mit der Literatur gibt. Ich glaube jedenfalls, dass wir eine neue Art von Literatur erfinden sollten. Das heisst nicht, dass sie einfacher ist. Aber es sollten Bücher sein, von denen sie sich weniger ausgeschlossen fühlen.

Erstellt: 31.01.2019, 18:23 Uhr

Autor und Aktivist

Edouard Louis, geboren 1992, gehört zu den wichtigsten Stimmen der französischen Literatur. In seinem Debüt «Das Ende von Eddy» beschrieb er seine Kindheit im Norden Frankreichs: Vom ewig betrunkenen Vater, der sich mit seinen Kumpels prügelt, ist darin die Rede. Im jüngsten Buch macht Louis die sozialen Verhältnisse für das Verhalten seines Vaters verantwortlich. Bei den Protesten der Gelbwesten marschiert Louis mit einem Komitee, das Gerechtigkeit für Adama Traoré fordert, der im Juli 2016 in einer Pariser Polizeistation starb. Traoré sei ein Opfer von Polizeigewalt geworden, sagt das Komitee. (atob)

Am 7. 2. liest der Autor im Kaufleuten in Zürich. Edouard Louis: Wer hat meinen Vater umgebracht.

S. Fischer 2019, 80 S., ca. 23 Fr.

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