«Ich erlebe einen Superstarkult, ohne behelligt zu werden»

Die Comicserie «Blake und Mortimer» gibts seit 1946. Der heutige Autor Yves Sente sagt, wie er die Serie veränderte und was er von «Tim und Struppi» hält.

Eine Seite aus «Das Tal der Unsterblichen», dem 25. Band von «Blake und Mortimer». Foto: Éditions Blake & Mortimer (Carlsen Verlag)

Eine Seite aus «Das Tal der Unsterblichen», dem 25. Band von «Blake und Mortimer». Foto: Éditions Blake & Mortimer (Carlsen Verlag)

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In Frankreich und Belgien sind die Comic-Helden Blake und Mortimer fester Bestandteil der literarischen Landschaft. Jedes neue Heft über den Atomphysiker Professor Mortimer und Hauptmann Blake, Chef des britischen Geheimdienstes MI5, ist ein Ereignis.

Anders als bei Hergés «Tim und Struppi» wurde die Serie nach dem Tod ihres belgischen Schöpfers Edgar P. Jacobs 1987 unter der Obhut wechselnder Zeichnerteams weitergeführt. Seit 2014 schreibt der heute 56-jährige belgische Texter Yves Sente die neuen «Blake und Mortimer»-Abenteuer. Zuletzt erschien nicht nur der 752-seitige Band «Gesammelte Abenteuer» mit allen von Jacobs gezeichneten Folgen, sondern auch der mittlerweile 25. Band der Serie, das von Sente und den Zeichnern Teun Berserik und Peter van Dongen verfasste Abenteuer «Das Tal der Unsterblichen».

Seit den Neunzigern für «Blake und Mortimer» tätig: Comicautor Yves Sente. Foto: Alamy Stock Photo

Monsieur Sente, Blake und Mortimer sind in Frankreich und Belgien so etwas wie Popstars. In welcher Grössenordnung muss man sich diese Prominenz vorstellen?
Nun, in Frankreich, wo auch Erwachsene Comics lesen, werden von jedem Band mindestens 200 000 Exemplare verkauft. «Das Testament des William S.» lief 2017 besser als jedes Buch. Der französischsprachige Comic-Markt ist ein Bestseller-Geschäft mit allem, was dazugehört: Erfolgsdruck, Aufmerksamkeit, Anerkennung.

Behandelt man Zeichner und Texter von Comics dort besser als in anderen Ländern?
Die Belgier sind auf jeden Fall sehr stolz auf Hergé, auf Jacobs, auf den «Gaston»-, «Marsupilami»- und «Spirou und Fantasio»-Schöpfer André Franquin, oder auf Peyo, der die Schlümpfe erfunden hat.

«Der französischsprachige Comic-Markt ist ein Bestseller-Geschäft mit allem, was dazugehört: Erfolgsdruck, Aufmerksamkeit, Anerkennung.»Yves Sente

Das sind erstaunlich viele Comic-Genies für ein kleines Land wie Belgien.
Allerdings sind ihre Figuren die eigentlichen Stars. Auch auf Dinnerpartys in Brüssel muss ich erst verraten, dass ich «Blake und Mortimer» schreibe, damit sich Leute für mich interessieren. Das ist mir aber ganz recht, ich erlebe einen Superstarkult hautnah, werde aber selbst nicht behelligt davon.

Was sind die Starqualitäten von Blake und Mortimer?
Sie sind hartgesotten und stehen doch ganz im Leben. Mortimer ist Atomphysiker. Er ist kultiviert, gut aussehend und liebt das schöne Leben. Blake ist ein Offizier des MI5 und lebt nach strengen Regeln. Zugleich ist er Aristokrat, walisischer Adel.

Müssen Comic-Helden auf Schablonen reduzierbar sein?
Eine gute Comicfigur erkennen Sie an ihrer Silhouette. Und es tut jedem Comic-Helden gut, wenn auch der Charakter nicht zu komplex ist. Vor allem aber sind Blake und Mortimer Edgar P. Jacobs Geschöpfe. Wir können sie nicht einfach verändern.

«Es tut jedem Comic-Helden gut, wenn der Charakter nicht zu komplex ist.» Yves Sente

Die Geschichten haben Sie aber heutigen Lesegewohnheiten angepasst.
Absolut! Würde ich die alten Abenteuer von Blake und Mortimer heute als junger Leser entdecken, wäre mir vielleicht das Innenleben der Protagonisten etwas unterkomplex. Ausserdem sind aus heutiger Sicht einige ihrer Spezialwaffen veraltet. Als Jacobs die Serie 1946 in Hergés Tintin-Magazin zu veröffentlichen begann, war der Zweite Weltkrieg noch nicht lange vorbei, es gab ungeschriebene Regeln: keine Vulgarität, keine Nacktheit, keine überharte Gewalt, keine allzu existenziellen Grübeleien. Zensiert zu werden, konnte sich Jacobs nicht leisten, also ging er Kompromisse ein, die ich heute nicht mehr machen muss.

Als Sie die Serie Ende der Neunziger übernahmen, liessen sie die beiden handeln wie immer, dichteten aber Jugenderinnerungen, Biografien und psychologische Erklärungen ihres Handelns hinzu. Was hätte Jacobs davon gehalten?
Schwer zu sagen. Aber wir haben nicht ins Blaue fabuliert, sondern die Notizen verwendet, die Jacobs in seinen Memoiren niedergeschrieben, aber nie in die eigenen Abenteuer eingearbeitet hatte, zum Beispiel, wie sich Blake und Mortimer in ihrer Jugend in Indien kennengelernt haben.

Wie haben die Leser darauf reagiert?
Sie waren begeistert. Die Kritiker übrigens auch. Es ging ihnen wie uns: Sie wollten mehr über die beiden erfahren.

Im neuen Abenteuer «Das Tal der Unsterblichen» reisen Blake und Mortimer nach Hongkong. Wie erfahren Sie selbst mehr über die beiden?
Am Anfang steht immer ein Berg von Notizen. Ich wollte alles über das Hongkong von 1949 erfahren, also die Zeit, die direkt nach den Ereignissen von «Der Kampf um die Welt» stattfindet. Ich habe mich als Fan immer gefragt: Wie entkamen sie der Schlussszene, um dann Jahre später «Das Geheimnis der grossen Pyramide» zu lösen.

Wie kamen Sie auf Hongkong?
Blake und Mortimer waren noch nie in China, und das China der 40er-Jahre ist sehr faszinierend. Ich liebe diese Art von Zeitreisen in eine Welt, die langsamer, fokussierter und vielleicht auch existenzialistischer war als unsere schnelllebige, abgelenkte Gegenwart. Alles erscheint schöner – die Häuser, die Autos, die Kleidung. Ich ertappe mich hin und wieder dabei, selbst lieber in der Vergangenheit leben zu wollen. Ich liebe Tim und Struppis Abenteuer «Der blaue Lotus». Beide Serien sind sich sehr ähnlich, auch wenn die eine Serie eher humorvoll ist und die andere realistischer.

«Ich ertappe mich hin und wieder dabei, selbst lieber in der Vergangenheit leben zu wollen.»Yves Sente

Blake und Mortimer sind Tim und Struppi in erwachsen, oder?
Ja, absolut. Und ich sage Ihnen eines: Wenn ich im Universum von Edgar P. Jacobs keine Referenz zu einer Idee finde, blättere ich in den Abenteuern von «Tim und Struppi». Taucht diese Referenz dort auf, weiss ich, dass ich mich in der richtigen Gedankenwelt bewege.

Haben Sie 2011 Steven Spielbergs «Tim und Struppi»-Verfilmung gesehen?
Selbstverständlich! Ich mochte seine Liebe zu den Details. Auch wenn es für mein Empfinden in den Strassenszenen zu viel Autoverkehr gibt für die damalige Zeit. Mir gefiel vor allem, wie Tims Apartment von Spielberg zum Leben erweckt wurde.

Es gibt in den «Tim und Struppi»-Comics nur sehr wenige Einzelbilder, in denen seine Wohnung von innen zu sehen ist.
Eben, wir wissen eigentlich nicht, wie Tim lebt. Aber Spielberg wollte in den Geist und in die Seele von Tim eindringen und richtete ihm ein eigenes Apartment ein, das Struppi dann verwüsten darf.

Wird es eines Tages auch einen «Blake und Mortimer»-Film geben?
Seit 30 Jahren kommen und gehen Produzenten, die sich die Filmrechte für «Das gelbe M» sichern, um dann doch zu scheitern. Es scheint nicht leicht zu sein, eine Finanzierung für dieses Projekt zu bekommen.

Spielbergs «Tim und Struppi»-Verfilmung kostete 130 Millionen Dollar.
Richtig, und ich sehe nicht, wie man «Blake und Mortimer» günstiger realisieren will. Allein die Special Effects und die Kostüme werden Unsummen verschlingen. Ich sage daher: Entweder ein richtig guter Film — oder gar keiner. Das ist übrigens das Grandiose am Comic: Sie können eine verlorene Welt sehr anschaulich wiederauferstehen lassen, ohne erst mal Abermillionen investieren zu müssen.

Yves Sente: Das Tal der Unsterblichen. Blake & Mortimer, Band 22. Carlsen Verlag, Hamburg 2019. 64 Seiten, ca. 20 Fr.

Erstellt: 31.07.2019, 20:31 Uhr

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