«Ich hatte mächtige Schutzengel»

Heute wird Hansjörg Schneider 80 Jahre alt. Der Erfinder des Kommissärs Hunkeler hat jetzt seine Autobiografie geschrieben.

«Aus Zufriedenheit wird man gewiss kein Schriftsteller»: Hansjörg Schneider. Foto: Sabina Bobst

«Aus Zufriedenheit wird man gewiss kein Schriftsteller»: Hansjörg Schneider. Foto: Sabina Bobst

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Wird man 80, sagen einem die Leute, das sei noch gar kein Alter, das sei heute das neue 60. Aber gar kein Alter ist es ja auch nicht. Haben Sie jetzt Ihre Autobiografie geschrieben, weil es Sie drängt, Ihre Erinnerungen festzuhalten?
Zunächst mal ist klar, ich bin ein alter Mann, und ich akzeptiere das, es bleibt einem ja auch nichts anderes übrig. Ich denke sogar, ich habe Glück gehabt mit meinem Alter, man hat andere früher gehen sehen. Und damit hängen nun die Erinnerungen sehr stark zusammen. Sie werden tatsächlich immer wichtiger, wenn man alt wird, weil das Leben im Augenblick, also das richtige Leben, karger wird. Seine Möglichkeiten nehmen ab. Ich zum Beispiel reise nicht mehr gern. Kollegen, Kolleginnen, Freunde sterben. Man wird einsamer, und umso mehr begibt man sich in die Erinnerung. Sie wird zum eigentlichen Leben. Das ist halt normal, man muss nicht Schrift­steller sein, um es so zu empfinden.

Wenn Sie sich im Buch erinnern, beschreiben Sie allerdings auch den Weg, wie Sie Schriftsteller wurden. Da gehts um Ihre Herkunft im Aargau, aber auch um christliche Sagen. War diese Kombination aus Bodenständigem und Mythischem immer eine literarische Inspiration?
Ich habe gar nicht geplant, dass das eine Geschichte wird von einem, der in kleinbürgerlichen Verhältnissen aufwächst, im Weltkrieg, dann im Kalten Krieg, und der immer mehr zum Schreiber wird. Es ergab sich, weil es mir immer wichtiger wurde. Und was das Mythische betrifft: Wahrscheinlich tragen es die meisten Menschen in sich. Vielleicht realisieren sie es nur nicht, dass man auch bestimmt wird von Geschichten, die an Landschaften hängen und sich über ­alles legen. Wissen Sie, dieser Aargau, jedenfalls das erweiterte Aaretal, wo ich aufwuchs, das ist halt schon ein Land der Flüsse und ihrer Gottheiten. Die heilige Verena, die auf einem Stein die Aare hinunterfuhr und bei Koblenz sogar ein Stück rheinaufwärts, um in Zurzach zu wirken, das ist doch die typische Geschichte einer Wassergöttin, und sie ist auch in mir.

Der Aargau hat eine interessante Geschichte der Konfessionskämpfe. Welche Rolle spielten der Glaube und seine Geschichten für Sie?
Eine zentrale Rolle in meiner Jugend. Die Kirche und das Christentum, das war ja alles noch nicht so verflattert wie heute. Wir sind religiös erzogen worden, in meinem Fall protestantisch, fast ein wenig pietistisch. Meine Grossmutter mütterlicherseits war überzeugt, das bringe sie dann einmal in den Himmel. Dass der reformierte liebe Gott alles sieht, war ganz klar. Und andererseits auf der Vaterseite nannte mich die katholische Tante Marie aus Würenlingen einen Heiden. Die schlug über allem das Kreuz mit einem felsenfesten Glauben. Das war die Wirklichkeit, und das prägte und hatte auch etwas Grossartiges.

«Wird man aus Wut Schriftsteller? Also aus Zufriedenheit wird man es gewiss nicht.»

Die Schweizer Geschichte ist in vielen Ihrer Stücke und auch in den Hunkeler-Romanen ein Thema. Auch in «Kind der Aare». Es scheint, Sie seien ein ganz stolzer Schweizer.
Der Stolz erstaunt mich selbst immer wieder, aber es ist so. Vor allem das 19. Jahrhundert, um 1848, war eine grosse Schweizer Epoche. Wo sonst hat die liberale Revolution derart funktioniert? Wenn es eine anständige Geschichte ist, in der man steht, darf man auch stolz sein. Deutsche Kollegen mit Jahrgang 1938 hätten es da natürlich schwerer, sie haben andere Biografien. Ich darf stolz darauf sein, dass die Schweiz meiner Kindheit weitgehend unverführbar war, bei den einfachen Leuten hatte Hitler keine Chance, man vergisst das manchmal. Man muss natürlich heute auch über die Schandflecke reden, über den Judenstempel, über die Fakten im Bergier-Bericht. Aber: Mein Vater hat sich 1938 eine Browning-Waffe gekauft, und wenn es später zum deutschen Einmarsch gekommen wäre, hätte er diese Browning geholt und versucht, drei stadtbekannte Zofinger Nazis zu erschiessen. Und dafür hätte er sich an die Wand stellen lassen. Das hat er mir erzählt, und ich glaubs.

Sie haben mal dem General Guisan die Hand gegeben . . .
Er mir. Das ist aber keine mythische Erinnerung. Da fuhren Offiziere in Zofingen vor, und wir Kinder standen da, und der General schüttelte Händchen. Und der stärkste Eindruck war, der trug feine Lederhandschuhe mitten im Sommer, wo das doch gar nicht nötig war.

Sie beschreiben den Vater, der Sie stolz macht. Da ist aber auch Wut gegen die Lehrer und den Vater, den Sie einen Diktator nennen. Wird man auch aus Wut Schriftsteller?
Ich möchte ein wenig allgemein antworten zuerst. Tatsächlich ist die Schweiz im Krieg quasi eingefroren worden, das alles hat erst 1968 angefangen aufzubrechen. Da waren Väter und Lehrer, die zu befehlen und zu verbieten hatten und die der Meinung waren, Buben müssten von Natur aus gezüchtigt und gedrillt werden. Weil sie von Natur aus frech seien. Das war das normale System, eigentlich für alle. Ich bin nicht allein mit meiner Wut, und ich will jetzt nicht den Charakter und das Unrecht dieser normalen Schweiz meiner Jugend auf eine Person laden. – Wird man aus Wut Schriftsteller? Also aus Zufriedenheit wird man es gewiss nicht. Unzufriedenheit ist ein Antrieb, nicht allein natürlich, aus der reinen Wut entsteht wahrscheinlich miserable Literatur. Ein Teil Menschenliebe muss schon dabei sein.

Beruhigt man sich denn, wenn man die Wut einmal autobiografisch beschrieben hat?
Sicher. Das Schreiben hat immer etwas von Bannen. Ich sehe das gern so. Die Schreiberei ist ein magischer Bannvorgang. Wissen Sie, ich bin ein grosser Träumer, und ich habe viele Träume aufgeschrieben und auch darüber geredet. Früher waren es oft Angstträume, die einen ja grausam packen können, so, dass man sie von der Wirklichkeit gar nicht mehr unterscheiden kann. Aber wenn ich die Energie hatte, mitten in der Nacht aus so einer Angst und so einem Traum auszusteigen und ihn zu notieren und zu fixieren in zwei, drei Sätzen, dann kam er nicht mehr. Verständlich benannt, gebannt und entschärft, das war immer so. Sie gehört zum Menschen, diese Fähigkeit, mit Worten und Bildern etwas zu bannen, es muss gar nichts Furchterregendes sein. Ich war einmal tief in der Höhle von Niaux in Frankreich mit ihren steinzeitlichen, wunderbar stilisierten Tierdarstellungen oben an der Decke. Man fragt sich dort: Warum haben die das gemacht vor dreizehntausend Jahren, die hatten doch noch anderes zu tun? Und man ahnt dann plötzlich, dass es etwas mit Kunst als einem einzigartigen menschlichen Merkmal zu tun hat. Mit dem Willen, etwas darzustellen und Wirklichkeit zu erfinden. Und das ist es, was blieb von den Menschen von Niaux.

Ein Satz im Buch, der mich berührt hat, lautet: «Ich hatte mächtige Schutzengel». Alle weiblich, manche sind lang tot, Ihre Mutter, Ihre Frau. Da ist viel Traurigkeit . . .
Die wird auch nie verschwinden.

«Als es dann im Fernsehen kam, wurde es grauslich.»

In dieser Trauer wird Ihre Sprache still und lakonisch. Sehr diskret.
Weil auch in einer Autobiografie nicht alle alles angeht. Auch die Entscheidung, etwas zu verschweigen, gehört zur autobiografischen Arbeit. Ich habe ausgespart, ich rede kaum über meine Frau, rede nicht über meine Kinder. Ich schreibe viel Persönliches von mir, aber da ist ein Unterschied zwischen «persönlich» und «privat». Es gibt dazwischen eine individuelle Schamgrenze.

Sie schreiben gar nicht so viel über Ihre Werke. Darüber sollten wir aber schon noch reden. Mit dem «Sennentuntschi» hatten Sie ja 1972 Ihren ersten dramatischen Auftritt. Und plötzlich waren Sie der Sauniggel der Nation.
Ich staune immer noch. Ich schrieb das so nebenbei in einer knappen Woche und hätte doch nie gedacht, dass jemand das aufführen würde. Im Theater war der Stunk, den es machte, ja noch positiv. Als es dann im Fernsehen kam, wurde es grauslich. Die haben mich gehasst, all diese Bünzli. Die waren so verletzt, dass in ihrem Wohnzimmer und in ihrem teuren Fernsehkasten so wider­liche Wörter vorkamen.

Ist es wahr, dass man Ihnen zwei Pfund geruchsdicht verpackten Scheissdreck zugeschickt hat? Ich würde es auch als ironische Erfindung akzeptieren . . .
So etwas erfinde ich doch nicht!

Der erste «Hunkeler»-Band erschien 1993, und aus den Romanen wurde über die Jahre Fernsehen. Nehmen Sie mir das übel, wenn ich sage, ich kann an die Romane nicht denken, ohne dass ich an Matthias Gnädinger denke? Eine Harmonie von Fernsehen und Literatur?
Ich verstehe das. Und das mit der Harmonie ist schön gesagt und freut mich enorm. Denn es ist für mich auch so. Ich unterscheide ja nicht zwischen höherer Kunst und niederer Kunst. Was immer ich schreibe, ich schreibe es mit der gleichen Intensität. Die «Hunkeler»-Romane habe ich gern und mit grossem Einsatz geschrieben. Ich schätze sie sehr und schätze die sechs Verfilmungen, und dass ich den Gnädinger als Hunkeler bekam, war ein Glücksfall. Da ist auch kein bisschen Frustration, dass ein Roman im Film halt nicht ganz erhalten werden kann. Die Filme werden immer wieder gezeigt, sie wurden nach Deutschland verkauft, für einen Autor ist das grossartig. Es hätte ja noch einen siebten Film gegeben, «Hunkelers Geheimnis», das Drehbuch war schon da. Aber dann ist uns der Matthias einfach so gestorben.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 26.03.2018, 17:44 Uhr

Hansjörg Schneider

Schriftsteller

Geboren 1938 in Aarau, aufgewachsen in Zofingen, Studium in Basel. 1972 brachte es eine Fernsehinszenierung seines Stücks «Sennentuntschi» gleich zum Skandal. Die Sage von drei Sennen, die sich ein Sexual­objekt aus Fetzen und Stroh basteln, rief hässlichen Zorn hervor. Trotzdem hat Schneider sein Leben lang viel geschrieben – und alles «mit der gleichen Inbrunst»: viel gespielte Dramen, Romane, in Szenen gesetzte Schweizer Geschichte für Landschaftsbühnen, journalistische Arbeiten. Wirklich berühmt machten ihn in den letzten 25 Jahren seine «Hunkeler»-Romane: Ermittlungen des Kommissärs Peter Hunkeler, Aargauer in Basel und ein grandioser Chnorzi. Sechs Hunkeler-Geschichten hat das Schweizer Fernsehen verfilmt, in der Hauptrolle der 2015 verstorbene Matthias Gnädinger. (csr)

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