Zum Hauptinhalt springen

«Ich huste, also bin ich»

Der bald 90-jährige Martin Walser schreibt in «Statt etwas oder Der letzte Rank» sein Lebensresümee. Ein rundum versöhnliches Buch ist es nicht geworden. Aber wer wünscht sich schon einen versöhnten Martin Walser?

Ein Roman als Meditation über ein langes Leben: Martin Walser. Foto: Heike Grasser (Ex-Press)
Ein Roman als Meditation über ein langes Leben: Martin Walser. Foto: Heike Grasser (Ex-Press)

Martin Walser, das liesse sich ohne allzu grosse Übertreibung behaupten, hat, auch wo er von etwas ganz anderem zu sprechen schien, zuletzt immer von sich selbst gesprochen. Als hierfür bevorzugtes Mittel hatte er den Roman verwendet, dessen jeweiliger Protagonist gegenüber dem vom letzten Buch ungefähr im selben Mass älter wurde, wie auch sein Autor gealtert war. So ist das nun schon sechzig Jahre lang gegangen; und Walsers Bücher haben dabei immer persönlicheren Charakter angenommen.

Sie entwickelten sich zu einer Privatliteratur, einem widersprüchlichen Begriff, denn zur Literatur gehört ja immer die mitgedachte Öffentlichkeit. Diese bestand zwar formal fort, insofern Walser seine Werke in den Druck gab. Aber eigentlich handelte es sich bei diesen Büchern zunehmend um Selbst­gespräche, die nicht mehr nahmen, was der seiner eigenen Einschätzung nach «zustimmungssüchtige» Autor viel zu lang genommen hatte: Rücksicht auf die anderen. Die Öffentlichkeit durfte zu­hören, wenn sie wollte; doch sie wurde nicht ermutigt, etwas zu erwidern. Das musste der Leser akzeptieren oder ablehnen. Literarische Kritik im landläufigen Sinn läuft hier ins Leere.

Wie die göttliche Dreifaltigkeit

Walsers neuestes Buch geht nun einen Schritt weiter. Die äussere Form des Romans, der immerhin noch tat, als befasse er sich mit den Schicksalen eines Dritten, hat es abgestreift und sagt nun unumwunden «ich», zuweilen auch, mit verschobenem Aspekt, «du» oder «er» – die schreibende Instanz tritt in drei Personen auseinander wie die göttliche Dreifaltigkeit, die dennoch ein einziges Wesen bleibt. Aber eine Autobiografie ist es auch nicht, denn das erzählende Element wird völlig zurückgedrängt; eher eine Meditation über ein langes Leben und über die Haltung, die dieses Ich an dessen Ende beziehen möchte.

Die immer wieder in Erinnerung gerufene Ausgangssituation besteht darin, dass das Ich auf eine musterlose Wand blickt. Angestrebt wird also Entleerung und dadurch Befriedung des Geistes, wie die Lehre vom Zen sie praktiziert. Doch wer lang genug ins Musterlose sieht, dem drängen sich darin Figuren auf, unwiderstehlich. So wenigstens ergeht es dem eigensinnigen Walser, dem immer wieder ein alter Groll den Weg ins lächelnde Nichts versperrt: das wohlbekannte walsersche Ressentiment. Walser hat seinem Buch den nirwanahaften Titel «Statt etwas» gegeben, jedoch nicht, ohne sogleich im Untertitel anzuschliessen: «oder Der letzte Rank».

Falls jemand diesen alten Singular zu «Ränke» nicht kennen sollte, wird er aus dem «Grimmschen Wörterbuch» belehrt: ein Trick sei es, speziell der Haken, den der Hase schlägt, um die Hunde abzuschütteln. Gleichmut ist List im ungleichen Kampf. Wer meditiert, braucht ein Mantra, um das er die Gedanken kreisen lässt. Im Fall Walsers lautet es, gleich am Anfang: «Mir geht es ein bisschen zu gut.» Damit ist einbekannt, dass bei diesem Exerzitium auch der Übermut seine Rolle spielt, das Gegenteil also der eigentlich erforderten Demut.

Zen ohne Demut – kann das funktionieren? Für den Leser, der aus der Ferne teilnimmt, ergibt diese eigentümliche Vermischung der Sphären jedenfalls eine anregendere Lektüre, als wenn es hier von allgemeinen Sentenzen säuselte. Das ist nicht ohne Komik, wenn sich die Brummtöne in die Versenkung mischen; aber ebenso nicht ohne Humor, in dem zuletzt Besinnung die Oberhand behält. Zum Buddha wird Walser dabei bestimmt nicht. «Ich huste, also bin ich»: Das ist ein ebenso origineller wie schlagender Existenzbeweis, überzeugender gewiss als das cartesianische «Ich denke, also bin ich», denn nichts besitzt ja solche Daseins-Evidenz wie das lästige physische Widerfahrnis, das den ganzen Körper ergreift.

Doch gerade dies, das Beharren auf der eigenen Existenz, entfernt den Sprecher dieser Worte so weit wie denkbar vom Horizont der Mystik. Die Feinde (auch FEINDE geschrieben), nicht namentlich genannt, aber im Einzelnen durchaus erahnbar, nehmen grösseren Raum ein, als bei einem solchen Projekt wohl am Platz wäre. «Wer immer sich einbildet, mein Feind sein zu müssen, er darf zur Kenntnis nehmen, dass ich nicht mehr einholbar bin.» Das mag zutreffen; aber indem das Ich sich nach dem abgehängten Verfolger umsieht, bleibt es doch auf ihn bezogen. «Der mir bescherte Feind rasierte sich nicht mehr elektrisch. In Interviews erfuhren wir nicht, dass er sich nicht mehr elektrisch rasiert, er teilte uns mit, er rasiere sich nass. Ich glaube, jetzt sieht jeder, was ich sagen will.»

Gegenteil eines Opportunisten

Tatsächlich, man sieht es, wie in diesem scheinbar belanglosen Detail der Selbstdarstellung ein Charakter mehr und Ungünstigeres von sich preisgibt, als er glaubt. In dieser Bemerkung oszilliert das räsonierende Ich zwischen einer Unfreiheit, die nicht vom verhassten Thema loskommt, und dem befreienden Witz, den es darüber zu machen vermag. Walser lässt auch in diesem Buch die starke Neigung erkennen, sich selber recht zu geben. Das ist verständlich und notwendig, denn sonst tut es keiner.

Man darf Walser mit Fug und Recht das Gegenteil eines Opportunisten nennen. In der Adenauer-Zeit erregte er Anstoss, weil er den Kommunisten nahestand; nach erfolgtem sozialdemokratischem Umbau der Gesellschaft wurde er als Reaktionär beschimpft, ja, nach seiner verunglückten Paulskirchenrede von 1998, als Antisemit – er, der in den Sechzigerjahren, als in Deutschland noch niemand was davon wissen wollte, als Beobachter des Auschwitz-Prozesses seine Zeitgenossen dazu zwang, dem Holocaust ins Gesicht zu sehen.

Anders als sein Antipode Günter Grass, der sich oppositionell gerierte und dabei immer im Mainstream schwamm, fiel Walser nie auf die Füsse, sondern verfing sich in teilweise selbstgestellten Fallen; schwer zu sagen, was daran Prinzipientreue war und was taktisches Ungeschick. Die schmerzlichen Reflexe auf all diese Vorgänge durchzucken das Buch dicht unter der Haut seiner behaupteten Gelassenheit. Und dann natürlich das Kapitel: Walser und die Frauen. Hier bietet sich dem Leser, obschon in anonymisierter und anekdotisierter Form, doch so etwas wie die Erinnerung an konkrete Erlebnisse dar.

Bezwingender Egoismus

Es ist nicht müssig, sich anzuhören, was Walser zu seiner Verteidigung zu sagen hat, denn die Einsichten über Exklusivität und Teilbarkeit von Liebe, über das Verhältnis von Wahrheit und Lüge sind bemerkenswert. «Ich wusste, ich kann nur denen glauben, die mich belügen. Das heisst, die mir zuliebe die Unwahrheit sagen. Durch Lüge kommt so viel Wahrheit in die Welt wie durch Wahrheit.» Das ist keine abstrakte Maxime, sie trägt die unmittelbare schmerzhafte Nutzanwendung in sich: «Wer darüber hinaus glaubte, einen Anspruch zu haben, musste lernen, unglücklich zu sein.» Meint er sich selbst oder den je anderen? Das lässt sich zum Glück nicht entscheiden. Am Ende möchte Walser doch in Richtung Nirwana einbiegen. «Ich bin, was Himmel und Erde wollen. Ich bin das Innerste dieser Welt. Und ich bin das Umfassendste. Ich blühe in jeder Blume. Ich töne in jedem Vogelgesang.»

Das könnte auch manch anderer geschrieben haben. Nicht hingegen das Folgende, mag er es auch nur in der distanzierten dritten Person über die Lippen bringen: «Er kannte keine Gegenseitigkeit. Er wollte einseitig aufgenommen und bevorzugt werden. Er wollte nichts geben. Alle sollten seine Eltern sein. Alle seine Mutter. Sie sollten sich darum reissen, seine Mutter sein zu dürfen.» Das ist in seinem geradlinigen Egoismus von einer bezwingenden Kindlichkeit. Es einzugestehen und zu formulieren, stellt hingegen die späte erwachsene Leistung dar. Ja, zwischen diesen beiden Polen hat sich wohl Walsers ganzes, nunmehr bald neunzigjähriges Leben vollzogen. Es ist, als unvollkommenes, aber höchstpersönliches Resümee, interessanter als alle Weisheit des Brahmanen. Ein rundum versöhnliches Buch ist es dann doch nicht geworden. Aber wer wünscht sich schon einen versöhnten Walser?

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch