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«Ich liebe Menschen, nicht Geschlechter»

Alice Schwarzer stellt in einem «Spiegel»-Interview zu ihrer Autobiografie einige Dinge klar. Und sie äussert sich über Politik, den Auftrag ihrer Grossmutter, Charlotte Roche sowie ihre Liebe zu Frauen und Männern.

Alice Schwarzer gehört zu den prägenden Figuren der intellektuellen Debatte in Deutschland.
Alice Schwarzer gehört zu den prägenden Figuren der intellektuellen Debatte in Deutschland.
Keystone
Im Vergewaltigungsprozess gegen Jörg Kachelmann berichtete Schwarzer für die «Bild»-Zeitung.
Im Vergewaltigungsprozess gegen Jörg Kachelmann berichtete Schwarzer für die «Bild»-Zeitung.
Keystone
In einer Talksendung im Jahr 1975 streitet sich Schwarzer («Der kleine Unterschied und seine grossen Folgen») mit der Autorin Esther Vilar («Der dressierte Mann»).
In einer Talksendung im Jahr 1975 streitet sich Schwarzer («Der kleine Unterschied und seine grossen Folgen») mit der Autorin Esther Vilar («Der dressierte Mann»).
Keystone
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Obwohl sie seit Jahrzehnten in der Öffentlichkeit steht, hat Alice Schwarzer bisher sehr wenig bis gar nichts über ihr Privatleben preisgegeben. Mit der Autobiografie «Lebenslauf», die diese Woche veröffentlicht wird, ist dies nun anders. Angesichts der vielen Klischees über ihre Person hatte Alice Schwarzer das Bedürfnis nach einem «Befreiungsschlag», wie sie in einem Interview mit dem «Spiegel» sagt (Artikel online nicht verfügbar). «Bei meinem Ruf ist die eigentliche Überraschung vermutlich meine Beziehung zu Männern.» Die 68-jährige Feministin hatte zwei grosse Liebschaften zu Männern. Seit vielen Jahren lebt sie jedoch in lesbischen Beziehungen. Dennoch vermeidet sie es, sich als lesbisch zu bezeichnen. «Weil ich es nicht bin», sagt Schwarzer. «Ich verliebe mich in Menschen, nicht in Geschlechter.»

Die «Emma»-Herausgeberin, die als «Schwanz-ab-Schwarzer» verunglimpft wurde, sagt weiter über sich, «dass mir Männer immer sehr nahe waren und ich ein sehr vertrauensvolles Verhältnis zu ihnen hatte». Trotzdem schloss sich Schwarzer, die Anfang 20 nach Paris zog, der Frauenbewegung an. «Die Welt war zu eng für uns Frauen.» Als anarchische und stolze Frau sei sie ziemlich schnell an Grenzen gestossen.

«Gehe raus in die Welt, werde selbständig, misch dich ein»

Das Talent zur Polemik habe mit ihrem familiären Hintergrund zu tun, sagt die Frau, die 1975 mit dem Buch «Der kleine Unterschied» Berühmtheit erlangte. Die Grossmutter habe ihr sozusagen einen Auftrag fürs Leben mitgegeben: «Gehe raus in die Welt, werde selbständig, misch dich ein. Was ich ja getan habe.» Schwarzer wurde von den Grosseltern grossgezogen, die Mutter hatte sie gleich nach der Geburt weggegeben. «Meine Grossmutter war sehr politisch, sie hätte rausgehört in die Welt.» Schwarzer gehört zu den prägenden Figuren der intellektuellen Debatte in Deutschland.

Die «Emma»-Herausgeberin mag den heftigen Schlagabtausch. «Wenn mich jemand anmacht, gibt mir das einen Adrenalinstoss», sagt sie im «Spiegel»-Interview. «Da erfüllt sich wieder der Auftrag der Grossmutter: Alice, räche uns.» Zuletzt mischte sich Schwarzer in die Debatte um das neuste Buch von Charlotte Roche («Schossgebete)» ein. «Was uns hier im Namen eines sogenannten neuen Feminismus als verwegen und sündig verkauft wird, ist in Wahrheit ziemlich spiessig und arm.»

«Feministisch korrekten Sex stelle ich mir total abtörnend vor»

Auf die «Spiegel»-Frage, wie feministisch korrekter Sex aussieht, antwortet Schwarzer: «Das stelle ich mir total abtörnend vor. Schliesslich ist die sexuelle Befreiung von Feministinnen wie mir angezettelt worden.» Es sei nicht ohne Komik, dass nun ausgerechnet sie die Zuchtmeisterin sein solle. Der «Spiegel» fragt weiter: Geht ein Blowjob aus Ihrer Sicht in Ordnung? «Von mir aus können Sie sich nackt an den Kronleuchter hängen», sagt Schwarzer. Die Gleichberechtigung von Mann und Frau sei eine Frage von gesellschaftlichen Stellungen, nicht von körperlichen.

Im Interview äussert sich Schwarzer nicht zuletzt zu ihrer Nachfolge bei der Frauenzeitschrift Emma. «Wenn die Schwarzer mal nicht mehr sein sollte, weil sie sich nach Frankreich verdrückt hat oder in den Rhein gefallen ist - ja, dann bleibt ihr Stuhl leer. Das ist nämlich der Stuhl von Alice», sagt die 68-jährige Feministin. Sie habe lange nach einer Chefredakteurin gesucht, aber keine geeignete Person gefunden. Auf die Frage, ob sie zu dominant sei, meint sie: «Hinter diesem ganzen Gerede steckt doch in Wahrheit etwas anderes: der Neid einiger mitteljunger Frauen auf meine Position.»

Alice Schwarzer: «Lebenslauf». Kiepenheuer & Witsch, 352 Seiten, 19,99 Euro. Das Buch erscheint am 15. September.

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