«Ich weiss, was mit Ihrer Schwester geschehen ist»

Krimi der Woche: In «Lieblingskind» lässt Autorin C. J. Tudor Kinder verschwinden. Als sie wieder auftauchen, sind sie völlig verstört.

C. J. Tudor hat ein Idol: Stephen King. Dieser wiederum findet ihr Bücher so gut, dass er sie weiterempfiehlt.

C. J. Tudor hat ein Idol: Stephen King. Dieser wiederum findet ihr Bücher so gut, dass er sie weiterempfiehlt. Bild: Bill Waters

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Der erste Satz
Noch bevor er das Haus betritt, weiss Gary, hier stimmt was nicht.

Das Buch
Als Lehrer kehrt Joe Thorne nach über 20 Jahren zurück an den Ort, in dem er aufgewachsen ist, an die Schule, die er besucht hatte. Arnhill ist ein Dorf irgendwo im Norden Englands, wo früher Kohle abgebaut wurde. Sowohl die Gemeinde wie die Schule sind Orte, an die kaum jemand, der die Wahl hat, kommen will. Joe kehrt zurück, weil er eine anonyme E-Mail-Nachricht bekommen hatte: «Ich weiss, was mit Ihrer Schwester geschehen ist. Es geschieht wieder.» So beginnt «Lieblingskind», der zweite Thriller der englischen Autorin C. J. Tudor.

Joes Schwester Annie war eines Tages verschwunden. Als sie 48 Stunden später wieder auftauchte, war sie ein anderer Mensch. Sie hatte ihre Fröhlichkeit verloren, zeigte zunehmend bizarres Verhalten. Wenig später wurde sie bei einem Autounfall getötet. Zurück in Arnhill stösst Joe auf andere Fälle von verschwundenen Kindern. Im Haus, das er gemietet hat, wurde ein solches Kind von seiner Mutter getötet, bevor sich diese selbst das Leben nahm. Eigentlich weiss Joe, dass er besser nicht zurückblicken sollte. Aber: «Lass die Vergangenheit ruhen. Das ist natürlich leichter gesagt als getan. Die Vergangenheit kommt immer wieder hoch. Wie ein schlechtes Curry.»

C. J. Tudor beherrscht das Erzählhandwerk. Sie versteht es, den Kleinstadtmief spürbar zu machen, und wie sie die prekären Verhältnisse an der Schule schildert, hat das Zeug zu einem packenden Sozialdrama. Sie erzählt zudem mit einem angenehm trockenen Humor. Sie kann Figuren in wenigen Sätzen präzis charakterisieren. Mit Joe schuf sie einen vielschichtigen Protagonisten: Er ist gerne Lehrer, setzt sich ein für die Jugendlichen, er ist aber auch ein Sprücheklopfer und Trinker. Und ein Grund für sein Abtauchen in die Provinz sind auch seine Spielschulden. Joe ist ein Filou: «Man sagt, ich hätte ein ehrliches Gesicht. Was nur beweist, wie wenig die Leute wissen.»

Das grosse Vorbild der Autorin ist erklärtermassen Stephen King. Umgekehrt empfiehlt der amerikanische Starautor ihre Werke. Und wie in Kings Romanen spielen auch in Tudors zweitem Thriller übersinnliche Phänomene eine gewisse Rolle. Man kann das mögen. Ich kann damit wenig anfangen; ich ziehe die Auseinandersetzung mit realistischen Verbrechen vor. Doch der Plot ist durchaus geschickt aufgebaut, und das erzählerische Talent der Autorin und ihr Humor machen «Lieblingskind» zu einer unterhaltsamen Lektüre. Am meisten gefällt dabei, wie empathisch und realitätsnah C. J. Tudor das Leben – und das Sterben – in der trostlosen Provinz beschreibt.

Die Wertung

Die Autorin
C. J. Tudor – «mein erster Vorname ist Caroline, aber die meisten Leute nennen mich Caz» – ist in Salisbury im Süden Englands geboren, aufgewachsen ist sie in Nottingham in den Midlands. Sie habe die Schule mit 16 verlassen und eine Menge Jobs gehabt, darunter Kellnerin, Reporterin, Radioautorin und Sprecherin, sagte sie in einem Interview, und sie habe einen Hundespazierdienst betrieben. Sie hat immer gerne geschrieben, aber es dauerte zehn Jahre, bis sie ihr erstes Buch veröffentlichen konnte. Als wichtigen Einfluss nennt sie Stephen King. «The Chalk Man» («Der Kreidemann») war ihr erster Roman; er wurde rasch in zahlreiche Länder verkauft. «Lieblingskind» («The Taking of Annie Thorne») ist ihr zweites Buch, ihr drittes, «The Other People», erscheint in England im Januar 2020. Sie lebt mit ihrem Partner und einer Tochter in Nottingham.

C. J. Tudor: «Lieblingskind» (Original: «The Taking of Annie Thorne», Michael Joseph, London 2019). Aus dem Englischen von Werner Schmitz. Goldmann, München 2019. 430 S., ca. 23 Fr.

Alle weiteren Besprechungen finden Sie in der Collection «Krimi der Woche».

Erstellt: 07.08.2019, 14:50 Uhr

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