«Ich war der einzige, der meiner Mutter im Altersheim zuhörte»

Didier Eribon ist der Starintellektuelle Frankreichs. Er will für jene sprechen, die keine politische Stimme haben – etwa für seine Mutter, die allein im Altersheim starb.

«Stark ist nur, wer gemeinsam handeln kann»: Der 65-jährige Didier Eribon. Foto: Kostas Maros

«Stark ist nur, wer gemeinsam handeln kann»: Der 65-jährige Didier Eribon. Foto: Kostas Maros

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Sie touren noch immer mit Ihrem Bestseller «Rückkehr nach Reims», der im Original vor zehn Jahren erschienen ist. Woran arbeiten Sie zurzeit?
Meine Mutter starb vor einem Jahr und sechs Monaten. In einem neuen Buch versuche ich am Beispiel ihrer Biografie, die Strukturen der Gesellschaft zu beschreiben, also ausgehend von ihren Jobs und den Fabriken, in denen sie arbeitete. Das neue Projekt ist vergleichbar mit ­meinem Buch «Rückkehr nach Reims», das ich nach dem Tod meines Vaters schrieb: Ich analysiere darin die soziale Gewalt, um zu zeigen, wie die Gesellschaft uns zu gewissen Jobs, zu einer Art des Lebens verurteilt.

Ihre Mutter wurde von der Gesellschaft verurteilt?
Meine Eltern wurden in Milieus hineingeboren, die von Armut bestimmt waren: Meine Mutter musste sich mit 14 Jahren als Hausmädchen verdingen. Mein Vater begann, in einer Fabrik zu arbeiten, als er noch nicht mal 14 war. Das ist das, was ich mit Begriffen wie der sozialen Gewalt zu fassen versuche: Meine Mutter hatte keine Möglichkeiten, weiterführende Schulen zu besuchen. Und selbstverständlich kommen Arme nicht in die gleichen Altersheimen wie Reiche.

Viele gehen heute von einer grossen sozialen Mobilität aus und einer Mittelschicht, der alle angehören können, die arbeiten und sich Mühe geben.
Damit wird so getan, als würden soziale Klassen nicht mehr existieren. Kürzlich habe ich für einen Film nochmals die Orte ­besucht, an denen ich aufwuchs: Als ich ein Kind war, lebten meine Eltern, meine Brüder und ich in einer Art Zementbox. Auch heute sieht man an diesen Orten meiner Kindheit, wie die Gesellschaft geteilt ist, wie sie von sozialen Klassen bestimmt ist.

Aber Ihnen ist es gelungen, diesem Milieu zu entkommen. Heute sind Sie ein erfolgreicher Autor, ein gefeierter Soziologe!
Aber dafür musste ich meine ­Familie verlassen. Ich musste aus Reims fliehen, um mich freier zu fühlen, um in Paris ein Leben als schwuler Mann und Intellektu­eller führen zu können. Als ich meine Familie verliess, war ich so glücklich, jemand zu werden, der Bücher lesen und selbst welche schreiben kann. Damals kam es mir nicht in den Sinn, über mein Herkunftsmilieu zu schreiben, obwohl ich immer ein engagierter Linker war, der die Streiks der Arbeiter unterstützte. Aber Bücher schrieb ich, weil ich in der Lage war, mit meinem ­Milieu zu brechen. Es war eine Art Verdrängung. Erst als mein Vater starb, verstand ich, dass man seine Herkunft niemals komplett vergisst.

Es gab Vorbilder beim Schreiben von «Rückkehr nach Reims».
Ja, die Autorin Annie Ernaux, die als Arbeiterkind in der Normandie aufwuchs. Sie war 40 Jahre alt, als sie das Buch «Der Platz» schrieb, das für mich sehr wichtig war. Es erschien auf Französisch bereits 1983, ich brauchte mehr Zeit. Nach dem Tod meines Vaters besuchte ich meine Mutter und begann, «Rückkehr nach Reims» zu schreiben. Mit dem Soziologen Pierre Bourdieu könnte es als eine Art ­soziale Psychoanalyse beschrieben werden.

«Scham kann auch als etwas 
Ermächtigendes genutzt werden.»

Das Gefühl der Scham ist in dieser Analyse zentral. Warum?
Ausgehend von der Scham, konnte ich über soziale Hierarchien nachdenken: Wenn man – wie ich – in der kulturellen und intellektuellen Mittelklasse einer Grossstadt wie Paris lebt, aber sich wegen seiner Herkunft schämt, dann bedeutet dies, dass es eine soziale Hierarchie gibt. Und die ist selbstverständlich nicht subjektiv. Sie ist objektiv. Deshalb ist Scham nicht nur ein persönliches, sondern auch ein soziales Gefühl: Sie kann als Werkzeug genutzt werden, um zu analysieren, wie die sozialen Strukturen funktionieren, die von Dominanz und Marginalisierung geprägt sind. Scham ist aber nicht nur unterdrückend, sie kann auch als etwas Ermächtigendes genutzt werden.

Kann man sich von Scham lösen?
Nein, wir können nicht so tun, als würde sie nicht existieren, denn schliesslich sind es die gesellschaftlichen Strukturen, die sich in uns einschreiben, wenn wir Scham empfinden: Jede Beschimpfung erinnert daran, dass man als etwas Minderwertiges gilt, als etwas Stigmatisierbares, wie der kanadische Soziologe ­Erving Goffman sagen würde. Man kann Scham aber in etwas anderes verwandeln. Viele ­soziale Bewegungen nutzen denn auch herabsetzende Begriffe, um sie in ihr Gegenteil zu verkehren: «Ich bin das, was du sagst – und ich bin sehr glücklich darüber, dass ich es bin.» Ein Beispiel dafür ist der Slogan «Black Is Beautiful» aus den 60er-Jahren, der von den Schwarzen für eine kollektive Selbstaffirmation genutzt wurde: «Wir sind stolz auf das, was wir sind.» So ist das auch bei Bewegungen wie der Gay Pride oder der Lesbian Pride.

Eine Verwandlung von Scham in Stolz ist nur in einer grösseren Gruppe möglich?
Ja, die Transformation ist auch kein simpler Vorgang. Es gibt Rückschläge. Mein Fokus auf die Scham ist kein Plädoyer, den ­Status eines Opfers für sich in Anspruch zu nehmen. Vielmehr sollen, ausgehend vom empfundenen Schamgefühl, die gesellschaftlichen Strukturen analysiert und verändert werden. In meinem Buch «Gesellschaft als Urteil» zitiere ich am Ende den jungen Marx, dem zufolge Scham der Grund einer Revolution sein kann. Tatsächlich bin ich überzeugt, dass man durch Scham eine Revolution machen kann. Vielleicht nicht im marxistischen Sinn, aber man kann Scham als Affekt nutzen, mit dem eine ­Gesellschaft verändert werden kann.

Für Ihre Mutter war eine solche Revolution nicht möglich, als sie im Altersheim war.
Nein, meine Mutter war allein und isoliert. Ich war der Einzige, der ihr zuhörte, als sie im Altersheim war. Sie telefonierte mit mir, hinterliess mir Nachrichten, in denen sie sich beklagte: «Ich kann hier nicht bleiben, ich will hier nicht bleiben.» Ich hätte gerne über ihre Situation geschrieben, als sie noch lebte, aber sie starb, zwei Monate nachdem sie ins Altersheim gezogen war, was sehr oft geschieht: Menschen kommen ins Heim und sterben dann ein oder zwei Monate später, weil sie diese Veränderung nicht verkraften. Das ist auch der Grund, ­warum ich ­gerade das Buch «Über die Einsamkeit der Sterbenden» des ­Soziologen Norbert Elias lese.

Viele alte Menschen sterben allein. Ihre Mutter hatte mit Ihnen immerhin einen Sohn, der für sie da war.
Aber es war ihr nicht möglich, sich zu organisieren, um ihre Situation zu verbessern, geschweige denn, auf der Strasse zu demonstrieren oder Mitglied einer Vereinigung zu werden, die sich für ihre Anliegen eingesetzt hätte. Im Altersheim konnte sich meine Mutter nicht mehr bewegen, sie war in einem kleinen Zimmer an ihr Bett gebunden und beschwerte sich über ihren Zustand. Ich war der Einzige, der hören konnte, was sie über ihre Situation sagte.

Wenn man isoliert ist, hat man keine politische Kraft.
Genau, stark ist nur, wer gemeinsam handeln, also ein Kollektiv bilden kann. Das gilt nicht nur für Bewohner von Altersheimen, sondern auch für jüngere Menschen in prekären Verhältnissen. Als meine Eltern in der Fabrik arbeiteten, waren viele Arbeiter Mitglied einer Gewerkschaft, die mit der Kommunistischen Partei in Verbindung stand und die sehr mächtig war, da sie die Leute mobilisieren konnte. Heute sind die Fabriken geschlossen, es gibt keine Gewerkschaften mehr. Die Kinder meiner Elterngeneration sind arbeitslos, leben von temporären oder prekären Jobs.

Sie können kein Kollektiv bilden.
Nein, heute protestieren sie durch ihre Stimme für nationalistische Parteien wie den Front National. Dieser Wandel kann ebenfalls am Beispiel meiner ­Eltern beschrieben werden: Erst waren sie Anhänger der Kommunistischen Partei, dann bewegten sie sich hin zur extremen Rechten. Nach dem Tod meines Vaters begann ich, meine Mutter regelmässig zu besuchen, was für mich sehr schwierig war, weil es mich daran erinnerte, warum ich es so lange nicht getan hatte: Wenn ich den Nachmittag mit meiner Mutter verbrachte, schaute sie dabei ihre Fernsehsendung. Sie ­konnte damit nicht aufhören, obwohl ich sie bat, die Kiste auszumachen. Sie machte den Ton aus, aber das Bild liess sie an. Ebenso ­obsessiv wie ihr Fernsehkonsum war ihr Rassismus.

Wie können alte, isolierte Menschen kämpfen?
Darüber will ich in meinem ­neuen Buch nachdenken: wie ein «Wir» möglich ist, wenn Menschen nicht sprechen oder handeln können. Es gibt den berühmten Aufsatz von Gayatri Spivak: «Can the Subaltern ­Speak?» Bezogen auf das Altersheim, ist die Antwort klar: Menschen, die ihre körperliche Autonomie ­verloren haben, können nicht öffentlich sprechen und handeln. Sie sind abhängig vom Personal des Heims. Es gibt mit «Das ­Alter» ein wunderbares Buch von Simone de Beauvoir, in dem sie sagt: Ich werde diesen Leuten eine Stimme geben, die keine haben. Das Gleiche will ich machen: Ich will denen eine Stimme geben, die keine haben, also keine politische oder öffentlich ­hörbare Stimme. Es ist sehr seltsam, das zu sagen, aber ich will ein Sprecher meiner Mutter sein – und der Leute, die in der gleichen ­Situation sind, wie sie es war, kurz bevor sie starb.

Wie verträgt sich das mit dem Anliegen, dass Betroffene für sich selbst sprechen können?
Ich will niemanden seiner Stimme berauben, aber Themen ansprechen, die Menschen nicht ­sehen oder formulieren können, die sich in einer bestimmten ­Situation befinden. Ich bin mir nicht sicher, was meine Mutter über ihre Situation gesagt hätte, wenn sie öffentlich hätte sprechen können. Und ob sie politisch genauer gewesen wäre, als ich es aufgrund von theoretischen Analysen sein kann. ­Meine Mutter hätte sich wahrscheinlich beschwert – was wichtig ist, da dies ein Ausgangspunkt für einen politischen Wandel sein kann. Aber das genügt nicht. Man muss eine Situation auch reflektieren, und da sind die Intellektuellen gefragt.

Ihr neues Buch wird auch ein Plädoyer für die Rolle des Intellektuellen sein?
Die Rolle des Intellektuellen ist sehr wichtig. Wir müssen sie verteidigen und aufleben lassen, auch weil alle nationalistischen Trends von Rechtsaussen-Intellektuellen gerahmt werden, die jeden Tag in Talkshows zu sehen sind. Als Intellektuelle haben wir eine Verantwortung, das Vokabular der Rechten zu bekämpfen und andere Rahmen zu setzen, die uns Situationen verstehen lassen – und die deutlich machen, was auf dem Spiel steht.

Erstellt: 29.04.2019, 13:27 Uhr

Der Philosoph der Scham

Didier Eribon, geboren 1953 in Reims, wurde mit einer Biografie des Philosophen Michel Foucault bekannt. Sein Buch «Rückkehr nach Reims» über seine Herkunft aus dem Arbeitermilieu – und die damit verbundene Scham – ist ein internationaler Bestseller. Es wurde von Thomas Ostermeier für die Bühne adaptiert (vom 28. Mai bis 15. Juni wieder am Théâtre Vidy in Lausanne zu sehen). Eribon war am Dokumentartheater-Festival It’s the Real Thing in Basel zu Gast und sprach über eine «Politik der Scham». (atob)

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