Ignoranz ist Stärke

Donald Trump schafft alternative Fakten. Viele Amerikaner lesen «1984» nach, den Roman von George Orwell über den totalen Überwachungsstaat. Passt das zusammen?

Freiheit ist Sklaverei: Szenenbild aus der Verfilmung von «1984» aus dem Jahr 1955. Foto: AKG Images.

Freiheit ist Sklaverei: Szenenbild aus der Verfilmung von «1984» aus dem Jahr 1955. Foto: AKG Images.

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Geschwächt von der Tuberkulose, die ihn umbringen sollte, erschüttert über den Zweiten Weltkrieg, die Atombombe und den Stalinismus, desillusioniert von seinen Erfahrungen im Spanischen Bürgerkrieg, vollendete George Orwell im November 1948 seinen Roman über ein Regime, das seine Bürger kontrolliert, den Krieg zum Prinzip erhebt, die Vergangenheit reformuliert und eine Abrichtungssprache vorschreibt. «1984» erschien im Jahr darauf und geriet zum Welterfolg. Der Titel wurde zum Synonym für den Überwachungsstaat. Und «Big Brother Is Watching You» zu dessen Slogan.

Seit der Inauguration von Donald Trump wollen immer mehr Amerikanerinnen und Amerikaner Orwells Dystopie nachlesen. «1984» führt die Verkaufsliste von Amazon.com an, in vielen amerikanischen Buchhandlungen ist es ausverkauft, auch im Ausland bestellen es auffällig viele. Die Ironie wäre Orwell nicht entgangen: dass jeder Onlinekauf seines Romans, das den totalen Überwachungsstaat beschreibt, eine Datenspur hinterlässt. Seit Edward Snowden das Vorgehen der amerikanischen Geheimdienste öffentlich gemacht hat, wonach jedes Mail, jeder Anruf, jedes SMS, jeder Kauf, jeder Facebook-Eintrag von den Geheimdiensten auch ohne Verdacht aufgezeichnet werden kann, muss allen klar sein, dass auch das Lesen dieses ­Buchs registriert wird. Ob das Folgen hat, ist hier nicht relevant; entscheidend ist, dass es möglich ist.

Eine Warnung, keine Anleitung

Schon vor drei Jahren, als der «Guardian» Daten des amerikanischen Nachrichtendienstes publizierte, die Edward Snowden bei seinem Arbeitgeber zu Hunderttausenden kopiert hatte, schnellte «1984» auf der Bestellungsliste von Amazon nach oben: von Platz 13 074 auf 193. Jetzt wird der Roman wieder aktuell durch die Auftritte des neuen Präsidenten und seiner Leute. Donald Trump twittert täglich seine eigene Realität. Sein Berater Steve Bannon hasst die Demokratie und macht sich daran, seinen Hass zu Politik zu verarbeiten. Trumps Beraterin Kellyanne Conway sprach von «alternativen Fakten», nachdem Präsidentensprecher Sean Spicer bei seinem ersten Auftritt wiederholt ge­logen hatte. Man solle Conway und Spicer wissen lassen, twitterte darauf die afroamerikanische ­Autorin Joy-Ann Reid, «dass Orwells ‹1984› eine Warnung ist, keine Anleitung».

Die Verfilmung von «1984» mit John Hurt und Richard Burton, Regie: Michael Radford (Trailer). Quelle: Youtube

Auch angelsächsische Medien vergleichen Orwells Sicht mit Trumps Ansichten. «Trumps Behauptungen sind das Echo von Orwells dystopischer Welt», schreibt der englische «Telegraph». «Die Dystopie in George Orwells fast 70 Jahre altem Roman fühlt sich plötzlich sehr vertraut an», notiert die «New York Times». Und die «Washington Post» wendet Zitate aus dem Buch auf den neuen Präsidenten und seine Leute an; das geht leicht.

Das Tagebuch als Widerstand

Dabei hat Orwells Roman kaum etwas mit der amerikanischen Realität zu tun. Er beschreibt den Terrorstaat Ozeanien, der das Individuum und das freie Denken verfolgt; der eine Angstkultur und ein Denunziantentum betreibt; der seine Bürger überwacht und ihnen Feindbilder projiziert, mit denen er seine eigene Brutalität ­legitimiert.

Dagegen revoltiert der scheue, einsame Winston Smith, ein unbedeutendes Mitglied der Einheitspartei. Seine erste Widerstandshandlung besteht darin, ein Tagebuch anzufangen. Später verbündet er sich mit seiner Arbeitskollegin Julia, verliebt sich in sie und glaubt, dass auch sein Vorgesetzter O’Brien auf ihrer Seite steht. Dabei gehört O’Brien als Kader zum System. Winston und Julia werden denunziert, verhaftet, eingesperrt und so lange gefoltert, bis sie einander verraten und dadurch gebrochen werden. Zuletzt glaubt Winston aufrichtig, was die Partei sagt, dass nämlich zwei und zwei fünf ergeben. Mit dem Satz «He loved Big Brother» endet der Roman.

«1984» war als literarische Analyse von Nationalsozialismus und Stalinismus angelegt, Letzteren hatte Orwell bereits in seiner Parabel «Animal Farm» satirisch gebannt. Selbstverständlich lassen sich diese Herrschaftssysteme nicht auf die Vereinigten Staaten von heute übertragen, denn das hiesse, ihren Terror zu verharmlosen und die amerikanische Demokratie zu diffamieren. Dennoch werden die neuen Leserinen und Leser bei der ­Lektüre von «1984» mit Vorgängen konfrontiert, die ihnen vertraut vorkommen werden.

Winston Smith im Folterraum «101» (aus dem Film von Michael Radford). Quelle: Youtube

In jedem Haushalt von Ozeanien steht der Telescreen, ein obligatorisches, nicht abstellbares Fernsehgerät, das sendet und gleichzeitig empfängt. Dasselbe tun auch die heutigen Computer, Fernseher und Handys. Technisch gesehen sei die heutige Überwachung derjenigen von Orwells Welt weit überlegen, sagt Edward Snowden: «Wir tragen Sensoren mit uns, die jeden unserer Schritte überwachen.» Unsere Handys senden, wo und neben wem wir stehen, mit welcher Gruppe wir uns treffen, was wir mit anderen besprechen.

Der Parteibegriff «Newspeak», Neusprech, bezeichnet das Sparvokabular von Orwells Einheitspartei. Über die Simplifizierung der Sprache will sie das Denken ihrer Mitglieder so weit kanalisieren, dass diese gar nichts Subversives mehr formulieren können, weil ihnen dafür die Worte fehlen. So gibt es auf Neusprech kein Wort für Wissenschaft, und das Wort «frei» wird nur noch im Sinne von «dieses Feld ist frei von Unkraut» verwendet. Orwell hatte sich anfänglich sehr für «Basic English» interessiert, das Projekt des Linguisten Charles Kay Ogden zur Vereinfachung der Sprache. Bis er die Folgen durchschaute und sie in «1984» in ihre letzte Konsequenz überführte. Schon in seinem Essay «Politics and the English Language» hatte er vor der «Invasion unseres Verstandes» durch Fertigphrasen gewarnt; jede von ihnen anästhesiere einen Teil unseres Gehirns.

Dokumentarfilm der BBC über und mit George Orwell (englisch, 2003). Quelle: Youtube

Passt Orwells Analyse nicht zum Vokabular des neuen Präsidenten, das klingt wie von einem 13-Jährigen? Passt sie nicht zu einem Begriff wie «alt-right», alternative Rechte, mit dem Rechtsextreme, Antisemiten und andere Rassisten neuerdings bezeichnet werden, als sei der Extremismus keine Radikalisierung des Konservatismus, sondern eine Alternative dazu?

Die Lüge, eine Variante der Wahrheit

Winston Smith arbeitet subaltern im «Ministerium für Wahrheit». Dort verbringt er seine Tage damit, Zeitungsartikel aus der Vergangenheit so umzuschreiben, dass sie die jeweils herrschende Meinung der Partei bestätigen. Donald Trump hat seit dem ersten Tag seiner Kampagne so häufig gelogen, dass jede neue Lüge die Enttarnung der vorhergehenden überflüssig machte. Damit wurde die Wahrheit nicht zum Gegenteil der Lüge, sondern zu einer Variante davon.

Als Präsident lügt er weiter, und seine Leute lügen mit. Ohne einen Beleg zu erbringen, erklärt Trump seine Niederlage bei den Wählerstimmen mit einer Manipulation mithilfe illegal eingeschleuster Wähler. Obwohl jedes Helikopterbild über Washington das Gegenteil bewies, sprach sein Sprecher von der grössten Menschenmenge, die je einer Inauguration beigewohnt habe. Der Präsident hat einen Umweltminister bestimmt, der nicht an das Umweltproblem glaubt. Er macht sich daran, den Klimawandel als Thema zum Verschwinden zu bringen. Obwohl er keine politische Erfahrung und kaum Sachkompetenz hat, meint er zu allem etwas, das ihm gerade einfällt. «Ignoranz ist Stärke», heisst ein Parteidekret von George Orwell. Bei ­Donald Trump wird der Slogan zur Strategie.

Und doch: Orwells Big Brother lässt sich nicht mit Donald Trump und Ozeanien nicht mit Amerika vergleichen. Erstens ist die postfaktische Politik kein neues Phänomen, sondern eine Funktion der Macht, sie war es immer. Zweitens hat George Orwell in seinem Roman das kommunistische System literarisiert, nicht das kapitalistische. Darum bietet sich als Parallele zu seinem Regime am ehesten Nordkorea an, der graue Einparteienstaat mit seinem grotesken Personenkult, seiner Überwachung und seinem permanenten Kriegszustand. Ein grimmiges Regime nimmt seine Bevölkerung in Geiselhaft und verfolgt jeden Protest.

Die Kontroverse um die «alternativen Fakten» von Trump-Beraterin Kellyanne Conway, NBC News, 22. Januar 2017. Quelle: Youtube

Um zu verstehen, wie der Kapitalismus seine Bürger reguliert, muss man eine andere Dystopie konsultieren. Sie stammt von Orwells Schriftstellerkollegen Aldous Huxley, dem hochgebildeten und elitären Engländer. «Brave New World» wurde ähnlich bekannt und ist heute ähnlich wieder gefragt. Huxley schrieb das Buch in den frühen 30er-Jahren als Satire auf den Kapitalismus. In seinem Roman, der im mittleren dritten Jahrtausend spielt, wird die Unterdrückung der Bürger nicht durch Überwachen und Strafen garantiert, sondern durch Mutation und Sedierung. Es gibt Werbung statt Propaganda, Unterhaltung statt Traktate, Konditionierung statt Gehirnwäsche, Drogen statt Folter, Sex statt Haft. Der Kapitalismus werde sich gegen den Kommunismus durchsetzen, sagte Huxley in «Brave New World Revisited» voraus, dem Vergleich seiner Prognose mit der Diagnose von Orwell: weil er seine Subjekte für ihren Gehorsam belohne, statt sie für ihren Ungehorsam zu strafen. Sein Essay erschien 1958.

Die freiwillige Unterwerfung

Hatte Aldous Huxley nicht recht? Die amerikanischen Bürgerinnen und Bürger müssen Donald Trump nicht zuhören, sie tun es freiwillig. Ihr Präsident ist ein Unterhaltungsstar, darin liegt sein grösstes Talent. Die Bürger wehren sich nicht gegen ihre Überwachung, sie machen sie erst möglich. Sie teilen über Facebook mit, mit wem sie zu tun haben. Sie tragen ihre Handys herum, diese ambulanten Abhörmaschinen. Sie verschicken intime Mails und SMS, obwohl sie wissen, dass diese eingesehen werden können. Keine Verschlüsselungsfirma darf einen Code entwickeln, den der amerikanische Nachrichtendienst nicht dechiffrieren kann. Die Grossvernetzer Facebook, Apple und Google kooperieren mit der amerikanischen Regierung und verraten ihre Kunden. Sie nennen es Mitarbeit.

George Orwells Roman ist selbst in die Vergnügungsindustrie eingegangen. «Big Brother» steht für niederländisches Reality-Fernsehen, «1984» wurde zu einem Werbespot für Apple. Und der Folterraum «Room 101», in dem Winston Smith mit seiner grössten Angst konfrontiert wird, ist der Name einer englischen Unterhaltungsserie. Spass durch Freude.

Erstellt: 02.02.2017, 17:48 Uhr

George Orwell
Schriftsteller, Journalist, Kämpfer.
Foto: Keystone

George Orwell, eigentlich Eric Arthur Blair, wurde 1903 als Sohn eines Kolonialbeamten im damals britischen Bengalen geboren und kam als Einjähriger nach England. Nach der Schulzeit war er fünf Jahre lang Polizist in Burma. 1927 kehrte er nach England zurück, arbeitete als Lehrer und Journalist, veröffentlichte Reportage­bücher wie «Erledigt in Paris und London» sowie Romane. 1937 kämpfte er im Spanischen Bürgerkrieg in einer trotzkistischen Einheit gegen die franquistischen ­Putschisten und wurde schwer verwundet. Während des Zweiten Weltkriegs arbeitete er für die BBC, dann als Literaturredaktor für eine linke Wochenzeitung. Nach dem Krieg erschienen seine erfolgreichsten Bücher, «Animal Farm» und «1984». Nach längeren Sanatoriumsaufent­halten starb er 1950 in einem Londoner Spital an Tuberkulose, 46 Jahre alt. (jmb)

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