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Im Geheimdienst Ihrer Majestät: Vor allem Routine

Während des Ersten Weltkriegs war der Erfolgsautor Agentenführer in der Schweiz. W. Somerset Maughams Erzählungen inspirierten auch Bond- Erfinder Ian Fleming.

Residierte in der Schweiz meistens im Grandhotel d’Angleterre: Amateur-Agent W. Somerset Maugham.
Residierte in der Schweiz meistens im Grandhotel d’Angleterre: Amateur-Agent W. Somerset Maugham.
Keystone

William Somerset Maugham (1874–1965) war als Bühnen- und Prosaautor einer der erfolgreichsten Schriftsteller seiner Zeit, ziemlich sicher jedenfalls der reichste. Heute ist man sich nicht ganz sicher, ob es sich um einen grossartigen Erzähler, Humanisten und Stilkönner handelt oder bloss um einen Unterhalter mit Geschmack. Ohne Zweifel hatte er viel zu erzählen, was an den qualvollen Anfängen seiner Biografie liegt (er war Waise, Stotterer, homosexuell und für einen Mann zu klein), vor allem aber an seiner Begabung für Begegnungen und eigenen Erlebnissen.

Hotellobby als unverfänglicher Treffpunkt

Sein Erzählband «Ashenden» etwa (1928 veröffentlicht) geht ganz auf seine Erfahrungen als Agentenführer in der Schweiz von Oktober 1915 bis Mai 1916 zurück. Er residierte meist in Genf im Grandhotel d’Angleterre am Seeufer. Die neutrale Schweiz war während des Ersten Weltkriegs ein Tummelplatz für Spione aus aller Herren Ländern, viele nutzten die Hotellobby als unverfänglichen Treffpunkt. Die Schweizer Polizei sah dem Treiben allerdings nicht gnädig zu, sondern suchte jeden Agenten zu demaskieren und zu verhaften. Mit einigem Erfolg; Major Wallinger (in «Ashenden» heisst er «Oberst R.» und «teilt die ganze Menschheit in Narren und Schurken ein»), der das britische Netz in der Schweiz leitete, hatte bereits einige Leute verloren, sie sassen im Gefängnis, waren ausgewiesen oder hatten die Nerven verloren, wie Somerset Maughams Vorgänger. Der berühmte Schriftsteller kam Wallinger (der ihn über seine Frau kennen gelernt hatte) sehr recht, besass er doch die perfekte «Legende»: Er wolle sich fern vom Kriegstrubel dem Schreiben widmen.

Das tat er tatsächlich, in Genf entstand unter anderem sein Theaterstück «Caroline», das bald in London mit riesigem Erfolg lief. Zeit hatte er genug, die Agentenarbeit füllte ihn bei weitem nicht aus. «Ashendens Dienst war im Allgemeinen so gleichförmig wie der eines städtischen Angestellten. Er traf sich in regelmässigen Abständen mit seinen Spitzeln und zahlte ihnen die vereinbarte Vergütung; wenn er einen geeigneten neuen Mann fand, engagierte er ihn, gab ihm seine Anweisungen und schickte ihn nach Deutschland. Dann wartete er die Informationen ab und gab sie weiter; er selbst fuhr einmal wöchentlich nach Frankreich zwecks Besprechung mit dem Kollegen jenseits der Grenze, von dem er dann auch direkte Befehle aus London empfing; an Markttagen holte er sich die Botschaften, die seine alte Butterverkäuferin vom anderen Seeufer mitbrachte; im Übrigen hielt er Augen und Ohren offen und schrieb lange Berichte, von denen er überzeugt war, dass sie kein Mensch las, bis ihm einmal ein unbeabsichtigter Witz unterlief und er sofort einen scharfen Verweis erhielt.

Ehrensache ohne Bezahlung

So war es meistens, keine Spur von Abenteuern à la James Bond. Das Gefährlichste für den lungenkranken Autor waren die Schifffahrten zum anderen Seeufer, die er aus Sicherheitsgründen am zugigen Deck absolvierte, auch im Winter. Ein paar Sonderaufgaben boten ein bisschen Abwechslung: Somerset Maugham überführte in Basel einen Agenten, der «mustergültige Berichte» aus Deutschland lieferte, bis sich herausstellte, dass er gar nicht über die Grenze fuhr, sondern seine Informationen aus Zeitungen und Basler Kneipen bezog. In Luzern liess er einen Briten auffliegen, der für die Deutschen spionierte. Und er war beteiligt bei der Ausschaltung eines indischen Nationalisten, an den die Agenten durch Erpressung seiner Geliebten herankamen.

Somerset Maugham verstand seinen Dienst am Vaterland als Ehrensache; er lehnte jede Bezahlung ab und erfuhr erst später, dass er der Einzige war, der so handelte. Die Effektivität des britischen Netzes in der Schweiz war begrenzt; ein Vorgesetzter fand, wie die Biografin Selina Hastings schreibt, die ganze Wallinger-Gruppe «useless» und «a waste of money». Für den Autor war es jedenfalls keine Zeitverschwendung; den unterkühlten Ton, den er für das Agentenwesen entwickelte, nahmen sich Eric Ambler, John le Carré und Ian Fleming zum Vorbild.

1916 kam es dann zur einvernehmlichen Trennung; einerseits langweilte sich der «agent de liaison» wohl doch zu sehr, andrerseits war er durch die spektakuläre Scheidung seiner künftigen Frau Syrie (ein Versuch, seiner Homosexualität zu entgehen) auch zu sehr Objekt öffentlichen Interesses geworden, um noch unauffällig arbeiten zu können. Sehr viel aufregender geriet dann die zweite Agentenphase Somerset Maughams. Nach einer langen USA- und Südsee-Reise wurde er in New York von William Wiseman, Agent des britischen Secret Service in Amerika, rekrutiert und 1917 nach Petrograd geschickt, ins Herz der Russischen Revolution.

Chance gegen Lenin & Co.

Dort zeigte sich, dass der Amateuragent in der Schweiz doch eine Menge gelernt haben musste. Ausgestattet mit 21'000 Dollar Bargeld, damals eine horrende Summe, die er am Körper trug, sollte er die bürgerliche Regierung Kerenski, die aus der Februarrevolution hervorgegangen war, stützen, die Machtübernahme der Bolschewiken verhindern und Russland im Krieg halten. Das gelang alles nicht; Somerset Maugham, der Kerenski einmal die Woche traf, begriff schnell, dass der eine schwache Figur war und keine Chance gegen Lenin & Co. hatte. Diese zutreffende Einschätzung gab er nach New York und London weiter. Er war, nach Einschätzung des MI6-Historikers Keith Jeffery, für Engländer wie Amerikaner der Top-Agent in Petrograd. Allerdings nur für kurze Zeit, am 22. Oktober verliess er die Stadt, gerade noch rechtzeitig. Zu Hause bekam er gleich einen Termin beim Premierminister, was auch James Bond nur ausnahmsweise vergönnt war. Dann war Somerset Maughams Geheimdienstkarriere beendet; seine Tuberkulose hatte sich so verschlimmert, dass er viele Monate lang in einem schottischen Sanatorium verschwand. Seine Erzählsammlung «Ashenden» hat die Atmosphäre der nervösen Untätigkeit, das Abchecken und Täuschen, das Spiel mit falschen Identitäten und die wenigen dramatischen Zuspitzungen meisterhaft umgesetzt. Teilweise mit beissendem Sarkasmus: Die Schweizer «führen ihre Neutralität wie einen Dackel spazieren», heisst es da und «Selbst die Gebildeten können nicht dialektfrei sprechen». Und ganz nah an der Realität; der Held trägt sogar denselben Tarnnamen wie der Autor: «Somerville».

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