«Im Grunde wissen wir, wie unfair es ist»

Das Schweizer Durchschnittsleben sei ausbeuterisch, sagt Soziologe Stephan Lessenich.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Texte gegen die Ungleichheit seien heute allzu oft «cheap-» oder «piss-talk», schreiben Sie in Ihrem Buch – unnützes Geschwätz oder gar bewusste Veräppelung. Was machen Sie anders?
Nach der Veröffentlichung von Thomas Pikettys «Kapital im 21. Jahrhundert» wurde es unter Ökonomen üblich, die Bedeutung der globalen Ungleichheit kleinzureden. Hier will ich einen Kontrapunkt setzen und die Strukturen aufzeigen, die dafür sorgen, dass die Chancen und Risiken im Welthandel weiterhin sehr ungleich verteilt sind. Und ich will zeigen, dass es die massiven Ungleichheiten, die Piketty innerhalb verschiedener Gesellschaften aufzeigt, ganz ähnlich zwischen den verschiedenen Gesellschaften gibt.

Sie sagen: Jeder gewöhnliche Westler trägt zu dieser Ungleichheitsstruktur bei. Selbst wenn er nicht zum Shoppen nach New York jettet oder einen Billiganzug aus Bangladesh trägt.
Das ist so. Ein Schweizer Durchschnittsleben ist immer ausbeuterisch. Appelle auf Konsumverzicht reichen nicht. Man muss die Regeln des Welthandels und dessen Institutionen ändern.

Zum Beispiel?
Zum Beispiel das Weltklima-Regime. Der Energieverbrauch ist im Norden deutlich grösser als im Süden. Dennoch hat der Norden häufig eine intaktere Umwelt. Das geht nur, weil wir verschmutzende Industrieproduktionen in den Süden auslagern. Der Norden plündert die Ölfelder Nigerias und hinterlässt eine Verwüstung, nutzt das Öl und schafft den dabei entstandenen Müll wieder zurück. Oder die Monokulturen, die von westlichen Grosskonzernen in Südamerika kultiviert werden: Sie sind nur auf die Bedürfnisse westlicher Nationen ausgerichtet – mit der Folge, dass sich das ökonomische, aber auch das soziale Gefüge der Länder verschiebt. Nur deshalb gibt es südamerikanische Grossgrundbesitzer, die den Reichtum ihrer Länder an sich reissen können. Ich nenne solche Prozesse «Externalisierung». Die Ängste, die die Flüchtlingskrise nun auslöst, haben nicht zuletzt mit der allmählich einsetzenden Erkenntnis zu tun, dass diese Externalisierungsprozesse nun langsam auf uns zurückfallen. Im Grunde wissen wir, wie unfair es ist, dass es im einen Teil der Welt immer weiter bergauf gehen soll, und im andern Teil der Welt die Menschen im besten Fall nicht vorankommen.

Fortschritt bleibe für viele Länder ein Traum. Sie sagen, für sie sei «der Zug abgefahren». Warum diese düstere Diagnose?
Ohne eine grundlegende Änderung des kapitalistischen Weltsystems wird in Regionen wie Zentralafrika oder Teilen Südostasiens der Lebensstandard nie steigen können. Sie sind massiv benachteiligt durch die kolonial geprägten Strukturen. Die Wirtschaft eines Landes wie Bangladesh ist allein auf den billigen Export ins Ausland ausgerichtet. Diese verhängnisvolle Spezialisierung wird es ihm nie erlauben, nur im Ansatz an den westlichen Lebensstandard heranzukommen.

Und warum sollte Bangladesh seine Wirtschaft nicht neu ausrichten und so den Aufstieg doch noch schaffen können?
Weil es erwiesenermassen planetare Grenzen gibt, die den ökonomischen Aufstieg einschränken. Das zeigt gerade Chinas gewaltsamer, massiv umweltschädlicher Weg zur Hochindustrialisierung. Und auch wenn sich die hoch entwickelten Länder zugleich zu sogenannten Wissens- und Dienstleistungsgesellschaften entwickeln, beanspruchen sie deswegen nicht weniger Ressourcen. Wenn alle so leben würden wie wir, lebten wir alle nicht mehr lange. Die Idee, dass jedes Land prosperieren könne, wenn es nur entsprechende politische Massnahmen trifft, ist letztlich nicht mehr als ein Beruhigungsmantra für die westliche Bevölkerung.

Sie beschreiben die Umweltbeschädigungen des Kapitalismus. Das Problem ist doch: Es gibt kaum Umweltbewusstsein, geschweige denn eines, das übers eigene Land hinausgehen würde. Das zeigt das politische Schicksal der Grünen, die bestenfalls stagnieren. Die Leute wollen Wohlstand.
Die heutige Umweltvergessenheit war nicht immer schon da. Es ist die Vorstellung, dass ein erfolgreiches Leben auf materiellem Erfolg beruhen und die Wirtschaft wachsen muss, die das Umweltbewusstsein als zweitrangig erscheinen lässt. Profitökonomie und richtiger Umweltschutz schliessen sich aus.

Bleibt die Rettung der Welt durch Technologie.
Das ist eine Illusion. Die Idee der Green Economy ist ja vor allem deshalb so verlockend, weil sie uns verspricht, wir müssten unser Leben nicht ändern. Ein Innovationsdurchbruch, der den Ressourcenverbrauch drastisch im nötigen Ausmass senkt, ist total unrealistisch. Auch die Computertechnologie wird uns nicht retten. Die Idee des papierlosen Büros etwa hat sich ja bekanntlich nur teilweise durchgesetzt und nicht für die erhoffte Entlastung gesorgt.

Wer soll Abhilfe schaffen? Sie hoffen auf ein Erstarken der Linken?
Klar, die Linken. Vor allem aber wird der Wandel vom globalen Süden ausgehen – von jenen also, die unter den strukturellen Ungleichheiten leiden. Sie werden für Bewegung sorgen, ob wir wollen oder nicht.

Aber vielleicht kommen Ihre Verbündeten ja aus einer ganz anderen Ecke: Marine Le Pen, Viktor Orban oder Frauke Petry sind doch für Merkantilismus durchaus zu haben.
Wohl kaum. Die Rechtskonservativen sind ja jene, die sich am heftigsten gegen Veränderungen sträuben und die Ungleichheiten konservieren wollen, die überhaupt kein Problem haben mit dieser Ungleichheit. Dass es nun bei der Bekämpfung der Freihandelsabkommen zu Allianzen mit den Linken kommt, sollte uns nicht darüber hinwegtäuschen. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 02.11.2016, 21:41 Uhr

Stephan Lessenich (*1965) ist Professor für Soziologie an der Ludwig-Maximilians-Universität in München. (Bild: Youtube)

Stephan Lessenich: Neben uns die Sintflut. Die Externalisierungsgesellschaft und ihr Preis. Hanser-Verlag, München 2016. 224 Seiten, ca. 30 Franken.

Artikel zum Thema

Die Kosten des Kolonialismus

Never Mind the Markets Wie stark profitierten westliche Mächte wirtschaftlich von ihren Kolonialreichen? Die Meinungen unter Experten gehen auseinander. Zum Blog

Der böse Kolonialismus der Dänen

Der Schriftsteller Kim Leine führt in die Abgründe der Menschenwelt des 18. Jahrhunderts und nach Grönland hinaus. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Kommentare

Die Welt in Bildern

Eingewickelt in Bananenblätter: Ein «Schlammmensch» nimmt auf den Philippinen am Taong Putik Festival teil. (24. Juni 2019)
(Bild: Ezra Acayan) Mehr...