Im korrupten Sumpf von Politik und Finanzwelt

Krimi der Woche: «Das Schlangenmaul» und andere Titel von Jörg Fauser werden neu aufgelegt. Erst nach dem Tod des Autors erkannte man seine Bedeutung.

Jörg Fauser wurde mit nur 43 Jahren auf einer Autobahn überfahren.

Jörg Fauser wurde mit nur 43 Jahren auf einer Autobahn überfahren. Bild: Archiv Gabriele Fauser

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Der erste Satz
Als die Presslufthämmer mich weckten, träumte ich gerade vom Krieg.

Das Buch
Er ist über den Jordan gegangen, als wäre es in einem seiner Romane: Nach durchzechter Nacht wurde er am Morgen nach seinem 43. Geburtstag als Fussgänger auf der Autobahn von einem Laster erfasst. Mehr als dreissig Jahre ist das her; heuer, am 16. Juli, würde Jörg Fauser 75 Jahre alt. Der Zürcher Diogenes-Verlag startet aus diesem Anlass dieser Tage eine Neuedition der Werke dieses lange verkannten deutschen Schriftstellers.

Neben dem autobiografischen Roman «Rohstoff» (1984) liegt aktuell auch der Krimi «Das Schlangenmaul» (1985) neu auf, Fausers zweitletzter Roman. Seit seinem bekanntesten, erfolgreich verfilmten Krimi «Der Schneemann» (1981) hatte sich Fauser stark weiterentwickelt. Viele Dialoge, kaum noch Adjektive: Fauser hatte die amerikanischen Vorbilder, über die er in Zeitungen und Magazinen immer wieder schrieb, genau studiert. Doch schon seit Anfang der 1970er-Jahre hatten Fausers Werke einen ganz eigenen Ton, der mich auf Anhieb faszinierte, ob er Gedichte, Geschichten, Reportagen, Essays oder Songs schrieb.

«Das Schlangenmaul» spielt im Berlin vor dem Mauerfall. Heinz Harder, bisher Journalist, bietet sich als «Bergungsexperte für aussergewöhnliche Fälle» an. Die Suche nach einer angeblich vermissten jungen Frau führt ihn in einen korrupten Sumpf von Politik und Finanzwelt und zu einer mysteriösen Schlangen-Sekte. Gute Kriminalliteratur zeigte für Fauser letztlich, was in dieser Gesellschaft wirklich los sei. Politische Statements waren aber nicht seine Sache, sondern das Darstellen von Macht: «Wer hat die Macht, wie wirkt sie sich aus.»

In erster Linie war Fauser ein grosser Melancholiker. Und ein begnadeter Stilist. Das liest sich in «Das Schlangenmaul» etwa so: «An so einem Nachmittag wirst du mal krepieren, dachte ich, in so einem Appartement, während sie über dir die Hitparade hören und nebenan ficken und unter dir jammern, dass an allem die SPD schuld ist, und Polizeisirenen heulen und der Himmel sich verfinstert, aber nicht wegen dir, denn die Sirenen heulen, weil keiner sie mehr abstellen kann, und der Himmel verfinstert sich, weil es Abend wird. Aber es würde noch ein netter Tod sein verglichen mit dem, den Nuchali gehabt hat.»

Heute ist klar, dass Fauser, der noch 1984 beim Bachmannpreis in Klagenfurt von Reich-Ranicki geradezu unflätig abgekanzelt wurde, einer der wichtigsten Wegbereiter für eine Erneuerung der deutschsprachigen Literatur weit über das Krimigenre hinaus war. Er war seiner Zeit literarisch voraus. Wer Fausers Werk bisher nicht kannte, kann das jetzt überprüfen. Und das ist purer Lesespass.

Die Wertung

Der Autor
Jörg Fauser, geboren 1944 in Bad Schwalbach im Taunus, gestorben 1987 auf der A 94 zwischen Feldkirchen und München-Riem, war der Sohn der Schauspielerin Maria Razum und des bildenden Künstlers Arthur Fauser (1911–1990). Nach dem Abitur in Frankfurt hat er 1965 ein Ethnologie- und Anglistik-Studium an der Goethe-Universität aufgenommen, das er 1966 wieder abbrach. Während dem Ersatzdienst in einem Spital in Heidelberg wurde er abhängig von Heroin, liess den Dienst sausen und lebte mehr als ein Jahr in Istanbul. Im Herbst 1968 zog er nach Berlin, wo er einen Drogenentzug machte. Seine neue Droge wurde das Schreiben. Daneben arbeitete er in verschiedenen Jobs, ab etwa 1974 lebte er vom Schreiben. Er veröffentlichte unzählige Texte in literarischen Magazinen, Zeitungen und Zeitschriften. Zunächst schrieb er vor allem für Underground- und Alternativmagazine. Seine ersten Bücher, darunter «Tophane» über sein Leben in Istanbul, erschienen Anfang der 1970er-Jahre in Kleinverlagen in Deutschland und in der Schweiz. Unter anderem veröffentlichte er 1978 die Biografie «Marlon Brando. Der versilberte Rebell», 1979 die Erzählung «Alles wird gut» und im gleichen Jahr den Gedichtband «Trotzki, Goethe und das Glück».

Mit seinem neuen, von amerikanischen Vorbildern wie Charles Bukowski und William Burroughs, aber auch Dashiell Hammett und Raymond Chandler geprägten Stil eckte er im damaligen Kulturbetrieb der Bundesrepublik gehörig an, hatte daneben aber schnell eine treue Gefolgschaft. Sein erster grösserer Erfolg war 1981 der Kriminalroman «Der Schneemann», der auch erfolgreich verfilmt wurde. Fauser schrieb auch Hörspiele und Songtexte, insbesondere für Achim Reichel, für den er unter anderem alle Songs des Albums «Blues in Blond» (1981) schrieb. Mit dem autobiografischen Roman «Rohstoff» (1984) und den Kriminalromanen «Das Schlangenmaul» (1985) und «Kant» (1987) hatte sich Fauser literarisch vielversprechend weiterentwickelt. Doch in den frühen Morgenstunden des 17. Juli 1987, dem Tag nach seinem 43. Geburtstag, starb er auf einer Autobahn bei München; er war zu Fuss unterwegs und wurde von einem Lastwagen erfasst. Erst nach seinem Tod erlangte sein Werk breitere Anerkennung. 1988 wurde ihm postum der Friedrich-Glauser-Preis verliehen. Es erschienen dann gleich mehrere Werkausgaben (1990–1994 bei Rogner & Bernhard, Hamburg; 2004–2009 beim Alexander-Verlag, Berlin; 2009 bei Diogenes, Zürich). Der Zürcher Diogenes-Verlag legt jetzt zu seinem 75. Geburtstag die Werke Fausers neu auf.

Jörg Fauser: «Das Schlangenmaul» (Originalausgabe: Ullstein-Verlag, Berlin 1985). Diogenes, Zürich 2019. 306 S., ca. 32 Fr.

Alle weiteren Besprechungen finden Sie in der Collection «Krimi der Woche».

Erstellt: 22.05.2019, 13:37 Uhr

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