Im Würgegriff von Mrs Whiting

Richard Russo? Kaum jemand kennt diesen grossartigen amerikanischen Autor. Für «Empire Falls» erhielt er 2002 den Pulitzer-Preis. Jetzt kann man den Roman endlich auf Deutsch lesen.

Die Fabrik ist geschlossen, das Dorf abgehängt: Richard Russos Geschichte spielt in einer heruntergewirschafteten amerikanischen Kleinstadt. Foto: Rick Gershon (Getty Images)

Die Fabrik ist geschlossen, das Dorf abgehängt: Richard Russos Geschichte spielt in einer heruntergewirschafteten amerikanischen Kleinstadt. Foto: Rick Gershon (Getty Images)

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«Tragisch» ist ein häufig missbrauchtes Adjektiv. Verunfallt ein Töff-Fahrer, ist das schlimm, schrecklich, eine Katastrophe für ihn und die Angehörigen. Aber nicht tragisch. Das Tragische definiert sich entweder dadurch, dass eine Person vor einer Wahl steht und gleich, für welche Alternative sie sich entscheidet, ins Unglück gerät. Oder dadurch, dass jemand gerade indem er die Katastrophe zu vermeiden sucht, sie herbeiführt. Dies ist etwa der Fall bei der Ödipus-Sage – und auch bei Miles Roby, dem Helden von Richard Russos Roman «Empire Falls» («Diese gottverdammten Träume» auf Deutsch).

Miles Roby ist, nach Ansicht seiner Umgebung, «der liebste und traurigste», ausserdem der «durchschaubarste» Mensch in Empire Falls, einer heruntergewirtschafteten Kleinstadt im nordöstlichen US-Bundesstaat Maine, in der die örtliche Textilfabrik mitsamt Hemdenmanufaktur von einem Investor erst ruiniert und dann geschlossen wurde, in der die öffentliche Verwaltung «quasi zum Stillstand gekommen» ist und die Buslinie im Nachbarort endet. Der fiktive Ort mit dem hochtrabenden Namen ist ein von Umgebung, Wirtschaft und Fortschritt abgehängtes Kaff, das man eigentlich schleunigst verlassen müsste.

Ein verheerender Deal

Und hier liegt die Tragik des Miles Roby. Er leitet den Empire Grill, ein recht und schlecht laufendes Restaurant, das, wie fast alles im Ort, der reichen Francine Whiting gehört, die es gewohnt ist, Menschen herumzuschieben, zu kaufen und wieder abzustossen wie Immobilien. Den armen Miles hält sie in einer speziellen Abhängigkeit, wie eine Python, die ihren Würgegriff genau so dosiert, dass dem Opfer gerade noch etwas Luft zum Atmen bleibt.

Gekommen ist das so: Miles’ Mutter Grace hatte ihn zum Studieren geschickt, weit weg von Empire Falls. Das College regte ihn intellektuell an, er schrieb für die Universitätszeitschrift und spürte, was ein Leben sein könnte, das er führen wollen würde. Dann erkrankte Grace an Krebs, und Mrs Whiting machte einen Deal mit Miles: Er kehrt zurück, übernimmt den Diner, dafür bezahlt Mrs Whiting alles, was die Mutter an Therapien braucht.

Richard Russo kann beides: scharf konturierte Figuren zeichnen und Dialoge schreiben, die sitzen.

Ob Grace am Krebs starb oder aus Verzweiflung darüber, dass die Spinne Whiting, um ein anderes Bild aus dem Tierreich zu wählen, ihren Sohn zurück in ihr Netz gelockt hatte, lässt der Autor offen. Er zeigt aber, wie die Mutter bereits im selben Würgegriff zappelte: Sie hatte einst ein Verhältnis mit Whitings seit langem verstorbenem Mann, für beide ein Ausbruchsversuch, den sie sich letztlich selbst verboten. Dass Grace, die überaus gläubige Katholikin, dann in den Dienst der betrogenen Witwe trat (und das Studiengeld für Miles akzeptierte), war für beide ein komplexer Motivmix aus Sühne und Machttrieb, Wohltat und Rache.

Egoismus gegen Altruismus

Grace’ Opfer galt ihrem Sohn, und dass der, durchtränkt von ihrem rigorosen Moralismus, nun seinerseits am Gängelband der Whiting hängt und ein Leben führt, das er nie führen wollte, zieht die Tragik in die zweite Generation weiter. Es ist indes eine Tragik der Sackgasse, der alltäglichen Mühsal, des Sich-abfindens und Sicheinrichtens, und Russos Roman ist alles andere als ein trübseliges Buch. Im Empire Grill, wo der Roman überwiegend spielt, geht es sehr munter und unterhaltsam zu, was an des Autors doppelter Gabe liegt, scharf konturierte Figuren zu schaffen (bis in die zweite Reihe) und Dialoge zu schreiben, die sitzen.

Die wohl besten Screwballs lässt er zwischen Miles und seinem Vater Max hin- und herfliegen. Max, das vollständige Gegenteil von Mutter und Sohn, ist ein überzeugter Amoralist, der davon ausgeht, die Welt sei einzig dazu da, seine Bedürfnisse zu erfüllen: Alkohol und Geld. Miles durchschaut den Alten vollkommen, fällt aber immer wieder auf ihn rein, und seine Versuche, den Schlawiner mit Logik auszutricksen oder gar mit Vorhaltungen auf einen besseren Weg zu bringen, sind gerade in ihrem Scheitern brüllend komisch. Max hat jedenfalls bei den Lesern die Lacher auf seiner Seite, und im Wettkampf zweier Grossweltsichten – Egoismus gegen Altruismus – ist er auch lebenspraktisch immer auf der Siegerseite.

Eine andere unvergessliche Figur ist Miles’ Frau Janine, eine amerikanische Kleinstadt-Bovary auf der krampfhaften Suche nach dem «ihr zustehenden» Lebensglück, die immer zu spät merkt, dass sie gerade wieder eine falsche Entscheidung getroffen hat. Etwa die, den gutmütigen, aber erotisch unattraktiven Miles für den «Silver Fox» Walt zu verlassen. Ein windiges Grossmaul, das Janine zwar sexuell erweckt, aber ansonsten, vor allem in finanzieller Hinsicht, aus heisser Luft besteht.

Reich an Details

Weiter ist da Tick, Miles’ und Janines 16-jährige Tochter, mit der Richard Russo vorführt, was für eine Hölle die Highschool sein kann, wenn man es sich mit den Alphatieren und Tonangebern verdorben hat. All ihre Schlauheit und Schlagfertigkeit reicht gerade hin, nicht völlig unterzugehen – wie es dem Underdog John Voss ergeht, mit dem der in seinem epischen Flussbett meist ruhig dahinströmende Roman am Ende eine hochdramatische Wendung vollzieht.

An Beschreibungsfülle, Detailfreude und psychologischer Einfühlung reicht Russo an den grossen John Updike heran, und man fragt sich, warum dieser Autor mit Jahrgang 1949, der immerhin acht Romane geschrieben hat, bei uns bisher so wenig wahrgenommen wurde. Es hat, wie so oft, etwas mit der inkonsequenten Betreuung durch die deutschen Verlage zu tun. Russo erschien hier erst bei Lübbe und Heyne, nicht eben Häuser der Hochliteratur. 2010 nahm ihn dann Dumont ins Programm und stellte fest, dass ausgerechnet «Empire Falls» noch nicht übersetzt war. Der Roman hat immerhin den Pulitzer-Preis bekommen – 2002! Das ist seltsam in einer Branche, die für den jeweils gehypten Newcomer von jenseits des Atlantiks hohe Lizenzgebühren zu zahlen bereit ist.

Manche Romane veralten, dieser nicht. Was Russo über die Fressgewohnheiten von «Heuschrecken» erzählt, die um des kurzfristigen Gewinns willen gesunde Unternehmen aussaugen, leere Hüllen abstossen und die Angestellten ins Nichts entlassen, ist nach der Finanzkrise so gültig wie davor. Nicht mal frisches Geld, ein neuer Investor, ein kleiner Aufschwung können Empire Falls wirklich helfen: «Dieselben Häuser, die sie letztes Jahr nicht verkauft bekamen, würden sich die Leute nächstes Jahr nicht mehr leisten können.» Der Würgegriff, in dem die Kleinstädter zappeln, ist der des entfesselten Kapitalismus.

Richard Russo: Diese gottverdammten Träume. Roman. Aus dem Englischen von Monika Köpfer. Dumont-Verlag, Köln 2016. 750 S., ca. 36 Fr.

Erstellt: 13.06.2016, 17:56 Uhr

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