«Viele Menschen haben Angst vor der Stille»

Der Norweger Erling Kagge hat ein Buch über die Stille geschrieben: Weil er seine Töchter davon überzeugen wollte, dass Chatten nicht alles ist.

Nicht einmal ein Weisses Rauschen: Die Stille am Südpol macht auch die Gedanken leiser. Foto: Getty Images

Nicht einmal ein Weisses Rauschen: Die Stille am Südpol macht auch die Gedanken leiser. Foto: Getty Images

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Er war am Nordpol und am Südpol, bestieg den Mount Everest und wanderte durch das New Yorker Kanalsystem. Der Norweger Erling Kagge (55), Rechtsanwalt und Verleger, ist ein ruheloser Abenteurer. Dass ausgerechnet er ein Buch über die Stille schreibt, hat seine Fans zunächst überrascht.

Doch Kagges «Wegweiser» entwickelte sich seit seinem Erscheinen vor einem halben Jahr zu einem leisen Bestseller und wurde in 33 Sprachen übersetzt. Bald kommt der Autor und Forscher nach Ascona, um im Rahmen des Festivals «Eventi letterari» sein eigenwilliges Konzept der Stille auf dem legendären Monte Verità zu erläutern.

Erling Kagge, sollen wir zuerst ein wenig schweigen?
Bitte sehr. (Es vergeht eine halbe Minute)

Schweigen Sie gerne?
Ich habe nichts dagegen, aber ich spreche auch gern. Ich gelte als guter Unterhalter.

Sie erzählen in Ihrem Buch «Stille», dass Ihnen die Idee dazu beim Nachtessen mit Ihren drei Teenager-Töchtern kam. Waren die Mädchen zu schwatzhaft?
Es ging eher ums Chatten als ums schwatzen. Sie waren imstande, während der ganzen Mahlzeit Telefongespräche zu führen oder Textnachrichten mit Freunden auszutauschen. Und wenn man sagte: «Handys weg!», lagen die Dinger neben dem Teller, Bildschirm nach oben, und die Augen wanderten ständig dorthin.

Diese Situation kennen wohl viele Eltern.
Ist das nicht ein Jammer? Die Leben dieser jungen Menschen besteht nur aus einem chaotischem Rauschen. Ich wollte meinen Töchtern die Bedeutung der Stille erklären, doch sie lachten mich aus und sagten: Stille, das ist doch nichts. Ich setzte mich daraufhin für anderthalb Jahre an den Schreibtisch, um meinen Mädchen, aber auch anderen Menschen das Konzept näherzubringen, dass Stille doch etwas ist. Etwas sehr wichtiges.

Um es vorwegzunehmen: Haben Sie die Töchter mit dem Buch überzeugt?
Die zwei Älteren schon. Sie sind jetzt 18 und 21 Jahre alt und fanden mein Buch einleuchtend und interessant, sie haben es sogar ihren Freunden zu Weihnachten geschenkt. Die jüngste, die jetzt 15 Jahre alt ist, kam nicht über die ersten Seiten hinaus. Meine Überlegungen zu lesen kam ihr wie eine Zeitverschwendung vor.

Der englische Titel Ihres Buchs lautet: «Silence in the Age of Noise». Ist unsere Zeit wirklich so laut?
Ja, das ist sie. Vielleicht nicht, was den Geräuschpegel anbelangt – wahrscheinlich war die industrielle Revolution mit ihrem Maschinengedröhn lauter. Auch die extravertierten 50er-Jahre nach dem Krieg waren laut. Doch mit dem, was man auf englisch «noise» nennt, meine ich nicht nur Geräusche, sondern eher ein konstantes Rauschen, dem wir gegenwärtig ausgesetzt sind. Jeder hat seinen Computer, das Smartphone ist immer dabei, im Hintergrund läuft an vielen Orten eine undefinierbare Musik. Auch wenn die Geräte still sind und nicht vibrieren, piepsen oder klingeln – was selten ist –, verursachen sie Lärm im Kopf.

«Mehr Stille könnte uns helfen, ab und zu laute Geräusche besser zu ertragen.»

Es geht Ihnen also nicht nur um den akustischen Lärm?
Auch um diesen, aber nicht nur. Auch Licht ist Lärm: An vielen Orten unserer Erde können Menschen den Sternenhimmel gar nicht mehr sehen, weil es nicht dunkel genug wird in der Nacht. Die neuen Autos sind leiser als die alten, und doch verursacht die Allgegenwart des Verkehrs einen diffusen Lärm, der ablenkt.

Gleichzeitig sind die Menschen sehr empfindlich geworden, in der Schweiz wird wegen der Lärmbelästigung nicht selten sogar Polizei gerufen.
Es ist eigentlich nur logisch, dass die stete Anspannung, der wir 24 Stunden pro Tag ausgesetzt sind, nervös und empfindlich macht. Mehr Stille könnte uns helfen, ab und zu laute Geräusche besser zu ertragen.

Es geht also auch um einen inneren Zustand der Ruhe?
Es gibt eine Verbindung zwischen Innen und Aussen. Ich kenne die Stille, weil ich sie ganz konkret erlebt habe. Sie ergreift mich immer bei der Begegnung mit der Natur. Segelnd auf dem Meer, zu Fuss oder auf den Skiern in den Bergen, auf meinem 50-tägigen einsamen Marsch zum Südpol ohne jeden Radarkontakt habe ich die Erfahrung einer inneren und äusseren Stille gemacht, die mein Leben verändert hat. Diese wollte ich teilen.

Ihre Begegnungen mit der Natur fanden oft in extremen Situationen statt. Nicht alle könnten bei Temperaturen von Minus 40 Grad und ohne jede Unterstützung zum Südpol laufen.
Das stimmt, ich habe in extremer Abgeschiedenheit etwas über die Stille gelernt. Unter anderem auch, dass man keine Ausnahmesituation braucht, um sie zu erleben. Die Stille kann sich auch beim Stricken einstellen.

Sie stricken?
Ich nicht, aber es ist eine Tätigkeit, die es einem erlaubt, sich für einige Stunden von der Familie zu entfernen und still für sich zu sein. Natürlich geht das auch mit Meditation, Yoga, was immer für eine Person gut ist.

Jetzt stapeln Sie aber tief! Stricken und Yoga sind nicht das Gleiche wie menschenleere Antarktis und kein Kontakt zur Zivilisation während länger als einem Monat!
Natürlich nicht. Aber ebenfalls nützlich. Die Erfahrung in der Antarktis war selbstverständlich tiefgreifender. Ich bin ja eigentlich ein sozialer Mensch und fasse meine Gedanken stets in Worte, ob ich vorhabe, sie mitzuteilen oder nicht. In der Antarktis wurde mein Kopf aber ganz leer, ich dachte ohne Worte, oder dachte ich gar nicht mehr? Schwer zu sagen. Es war eine erstaunliche und ganzheitliche Erfahrung.

Ist es am Südpol überhaupt still?
Nicht hundertprozentig, aber fast.

Das Eis knistert nicht?
Doch, schon ein wenig. Der Wind pfeift und man hört eigene Schritte. Aber das ist es dann auch schon. Das Eis am Südpol ist übrigens viel leiser und hat einen tieferen, angenehmeren Klang als das Eis am Nordpol.

Warum?
Die Antarktis ist ein Kontinent, der vom Meer umgeben ist. Und die Arktis ist ein Meer, umgeben von Kontinenten. Das Eis am Nordpol steht darum unter grösserer Spannung als das in der Antarktis – darum ist das Knacken am Nordpol schriller.

«In New York gibt es immer und überall Lärm.»

Von all den ungewöhnlichen Orten, die Sie schon erforscht haben, wo war es am Lautesten?
Das war wohl in New York. Dort gibt es immer und überall Lärm. New Yorks Kultur dreht sich ums Geld, und Geldmachen ist eine sehr laute Angelegenheit.

Sie hatten ja die ungewöhnliche Idee, mit Ihrem Freund, dem Historiker und Fotografen Steve Duncan gemeinsam durch die Abwasserkanäle New Yorks zu wandern. In fünf Tagen haben Sie die Kanalisation von Manhattan durchquert. Wie kommt man auf die Idee, durch die Kloake zu waten?
Es ist wie eine Reise ins Unterbewusstsein der Stadt. Ich habe dort so etwas wie eine negative Schönheit erlebt. Es ist eine gefährliche Welt, mit ansteigenden Fluten und giftigen Gasen. Der Lärm New Yorks ist auch in der Unterwelt allgegenwärtig. Aber natürlich kann man auch dort seine stillen Momente erleben. Auf dem Mount Everest fällt es einem aber leichter, zugegeben.

Sind Naturgeräusche angenehmer als jene, die Zivilisation hervorbringt?
Für mich – vielleicht ist es für alle Menschen so – sind natürliche Geräusche kein Lärm. Sie beruhigen anstatt aufzuregen.

Warum hört man dennoch von Menschen, die in der Ödnis mit sich selbst reden, weil ihnen das Sprachlose der Natur Angst macht? Hatten Sie den Drang nie?
Manchmal, wenn ich in eine Eisspalte gestolpert bin in der Antarktis oder ein Manöver bei der extremen Kälte schief ging, hatte ich den Impuls zu fluchen. Ich habe ihn aber unterdrückt.

Warum?
Es fühlte sich nicht natürlich an. Zudem kam ich schneller auf die Lösung des jeweiligen Problems, wenn ich nicht fluchte.

Haben Sie nie gesungen, zum Beispiel um sich Mut zu machen?
Ich habe damit eine schlechte Erfahrung gemacht, als einmal am Nordpol ein Ohrwurm in meinen Kopf gekrochen ist und mir keine Ruhe liess. Ich wiederholte die Melodie ständig in Gedanken, das war eher quälend.

Welcher Song war das?
Ein norwegischer Song des Sängers Alf Prøysen, der Text heisst in etwa: «Morgen wird ein schöner Tag sein». Es ist ein schöner, optimistischer Song aus den 60er-Jahren, aber die obsessive Wiederholung im Kopf hat mich gestört. Seither versuchte ich, Songs von mir fernzuhalten.

«Das ununterbrochene Rauschen schützt vor der Konfrontation mit seinem Selbst.»

Die Stille wird auch mit Trauer in Zusammenhang gebracht.
Ja, die Stille kann auch negativ sein. Als ich ein Kind war, war die Stille für mich gleichbedeutend mit ausgeschlossen sein, keine Spielkameraden haben, mit Einsamkeit, Traurigkeit, Langeweile.

Die ultimative Stille ist der Tod. Vielleicht haben viele Menschen deswegen Angst vor ihr?
Ich vermute eher, dass die Menschen Angst vor der Stille haben, weil sie die Begegnung mit ihrem eigenen Selbst fürchten. Das ununterbrochene Rauschen schützt vor dieser Konfrontation. Die Entscheidung für die innere Stille ist nicht einfach. Es ist bestimmt leichter, mehrmals täglich die News zu checken.

Sind Extremexpeditionen nicht auch eine Flucht vor sich selbst?
In meinem Fall war die konzentrierte Isolation, die solche Unternehmungen mit sich bringen, ein bewusstes Ziel. Mein Marsch zum Südpol dauerte 50 Tage, und jeden Tag kam ich auch mir selber näher.

Planen Sie weitere Expeditionen?
Im Moment nicht. Doch ich bin überzeugt, dass das Bedürfnis nach dieser Art von Welterkundung einem in die Wiege gelegt wird, somit gibt es dafür weder einen Anfang noch ein Ende. Es könnte mich jederzeit wieder packen. Auch meine Bücher führen mich immer weiter.

Was kommt nach der «Stille»?
Das «Gehen». Es ist gerade auf Norwegisch herausgekommen.

Was meinen Sie mit Gehen?
Der englische Titel heisst «Walking», es geht darin genau um das, die ursprünglichste Art der Welterkundung.

Sie sind ja nicht nur Jurist, Forscher und Autor, sondern auch Verleger. Viele Verlage klagen zur Zeit über schlechte Ertragslage, wie geht es dem «Kagge Forlag»?
Gute Bücher haben immer Konjuktur. Auch hier geht es darum, seinen eigenen Ideen und nicht immer dem Trend zu folgen.

Haben denn alle Ideen? In der «Stille» geben Sie den Unternehmer Elon Musk als ein Beispiel für jemanden an, der in der Stille die Kraft findet, gegen den Strom zu schwimmen. Kann jeder Elon Musk werden?
Keinesfalls! Musk ist ein Genie und wir sind es nicht. Die gute Nachricht aber ist: Jeder findet etwas in der Stille. Vielleicht sogar den eigenen Südpol.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 14.03.2018, 23:20 Uhr

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Erling Kagge

Der 55-jährige Norweger ist Rechtsanwalt, Verleger und Abenteurer. Er erreichte als erster Mensch die drei Extrempunkte Nordpol (1990), Südpol (1993) und Mount Everest (1994).

Buch

Erling Kagge: Stille. Ein Wegweiser. Aus dem Norwegischen von Ulrich Sonnenberg. Insel-Verlag, Berlin 2017. 140 S., ca. 24 Fr.
Leseprobe und mehr

Eventi letterari

Utopie und Natur

Die sechste Ausgabe der Eventi letterari Monte Verità vom 22. bis 25. März in Ascona ist dem Thema «Utopie und Natur» gewidmet. Es lesen die italienischen Autoren Erri De Luca und Paolo Cognetti und der Philosoph Remo Bodei. Aus Deutschland kommen der Klimaforscher Hans Joachim Schelln­huber und die Schriftstellerin Judith Schalansky. Valentina Lodovini und Bruno Ganz werden historische Texte vortragen. Erling Kagges Lesung findet am Freitag, 23. März, um 21 Uhr auf dem Monte Verità statt. (Red)
eventiletterari.swiss

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