In der eigenen Hölle

«Kommt ein Pferd in die Bar»: In seinem neuen Roman lässt David Grossman einen Comedian eine Selbstentblössungs- und Selbstbestrafungsperformance absolvieren.

Grelle Lichtkegel auf die Beschädigung einer ganzen Gesellschaft: David Grossman. Foto: Joost van den Broek (Hollandse Hoogte)

Grelle Lichtkegel auf die Beschädigung einer ganzen Gesellschaft: David Grossman. Foto: Joost van den Broek (Hollandse Hoogte)

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In William Styrons Roman «Sophie’s Choice» sieht sich eine junge Mutter im KZ von einem Aufseher vor eine grauenhafte Alternative gestellt: Er zwingt sie, von ihren beiden kleinen Kindern eines für die Gaskammer zu bestimmen. Eine Entscheidung, über die sie nie hinwegkommen wird (Meryl Streep hat für diese Rolle in der Filmfassung einen Oscar bekommen). Unweigerlich muss man bei der ­Lektüre von David Grossmans neuem Roman an diese Szene denken. Seine Hauptfigur Dovele Grinstein stand, als er noch ein Kind war, vor einer ähnlichen Entscheidung – er stellte sich gar selbst vor sie: Wer soll tot sein, Vater oder Mutter?

Als ob er darüber zu befinden hätte! Es ist ein Akt magischen Denkens, an den er sich klammert, als er in einer halsbrecherischen Tour von einem ­Fahrer von seinem Jugendlager nach ­Jerusalem gebracht wird. Zur Beerdigung. Nur hat man in der Eile vergessen, ihm zu sagen, wer von seine Eltern gestorben sei. Fast zerspringt ihm der Kopf, dem Dovele, in dem Vater und Mutter um Raum kämpfen, in dem er selbst um Gerechtigkeit für beide ringt und dieser zerebrale Überlebenswettstreit schliesslich umkippt in eine «schmutzige Abrechnung» mit beiden. Schliesslich erreicht er den Friedhof, gestorben ist die Mutter, und der Vater, meint Dovele, sieht ihm an, was er da eben angerichtet hat, und verflucht ihn.

Es darf krachen auf der Bühne

Natürlich geht es hier nicht um Schuld, sondern um ein tiefes Trauma, das Doveles Leben nicht erst von diesem Moment an bestimmt – bis zu jenem Abend, an dem er es sich von der Seele reden und spielen wird und dem wir als Leser beiwohnen. Dovele ist Stand-up-Comedian geworden, und an diesem Abend, seinem 57. Geburtstag, gibt er in der Küstenstadt Netanya eine besondere Vorstellung. Eine befremdliche Vorstellung für ein gemischtes Publikum, das sich auf entspannte Unterhaltung eingestellt hat mit Witzen und Sketchen, durchaus auch scharfer Kost; die israelische Gesellschaft lebt in einer Atmosphäre ständiger Bedrohung, das erzeugt Gereiztheit und Aggressivität; da darf es auch krachen auf der Bühne.

Aber so? Witze erzählt Dovele durchaus, und David Grossman liefert seinen Lesern ein gutes Dutzend davon, bessere und schlechtere, auch vulgäre, zotige; über die einen brüllt das Publikum vor Vergnügen, mit anderen Bemerkungen trifft der Comedian gezielt daneben – spricht er Auschwitz oder die Unterdrückung der Palästinenser in den besetzten Gebieten an, murrt der Saal, später leert er sich. Da ist Dovele schon bei seinem eigentlichen Anliegen angekommen, seiner Beichte, die er dem Voyeurismus des Publikums blank serviert – nichts ist schliesslich faszinierender als der Einblick in die Hölle eines anderen.

David Grossmans Roman ist formal ­raffiniert, komplex konstruiert und in seiner psychologischen Tiefe nahezu unauslotbar. Der Autor spielt auf der Klaviatur unserer Rezeptoren wie der Comedian auf den Nerven seines Publikums. Timing, Tonlage, Dramaturgie: das alles muss sitzen, und es sitzt bei ­Dovele ebenso wie bei Grossman.

Mit uns im Saal sitzt Avishai Lazar, ein pensionierter Richter, einst Doveles Kindheitsfreund, Gefährte in müh­samen Mathe-Nachhilfestunden und in Stunden des freien Gesprächs. Lazar hat ihn verraten und vergessen, «ausradiert» aus seinem Gedächtnis: Für ihn wird der Abend eine Wiederbegegnung und eine Generalabrechnung mit sich selbst. Er muss sich eingestehen, dass ihn sein Gerechtigkeitsfanatismus die Menschlichkeit gekostet hat, selbst seiner geliebten Tamara ist er fremd geworden. Und dem Freund stand er nicht bei – nicht gegen die Quälgeister, nicht einmal mit der Frage «Was hast du?», als der Fahrer ihn aus dem Jugendlager abholt. Ein ­israelischer Parzival.

Was aber hat Dovele abzubitten, warum diese grelle Selbstentblössung und Selbstkasteiung? (Letzteres ist wörtlich zu nehmen: Bei jedem vergeigten Gag schlägt sich der Comedian ins Gesicht, bis er blutet.) Dafür gibt es keine rationale Erklärung, nur den Gang mit ihm in traumatische Abgründe.

Humor als Waffe

Doveles ganze Biografie ist schwer geschädigt; der Holocaust schlägt, wie so oft in David Grossmans Romanen, seine Zähne auch in die nächste Generation. Seine Mutter hatte, wie er auf der Bühne sarkastisch formuliert, «die Shoah absolviert» wie eine Universität: Damals in Polen hatten sie drei Lokführer ein halbes Jahr lang «beschützt» – nämlich bei sich versteckt und abwechselnd missbraucht – und sie schliesslich, als sie ­ihrer überdrüssig waren, «direkt an der Rampe abgeliefert».

Die Mutter hat die Selektion und das Vernichtungslager überlebt, aber nur als Schatten ihrer selbst; «sie huschte ­immer schnell an Zäunen und Mauern entlang, damit ja niemand Gott verraten konnte, dass sie noch am Leben war», wie Grossman in einer seiner herzzerreissenden Formulierungen schreibt. An dieser schattenhaften Mutter hat ­Dovele sein komödiantisches Talent entdeckt und geübt, hat sie Abend für Abend unterhalten, sogar zum Lächeln gebracht. So hat er Humor als Waffe gegen die Verzweiflung einzusetzen gelernt – auch gegen die eigene, denn ­Dovele war das klassische Mobbingopfer – in der Schule und auch später im Jugendlager. Wenn ihn die Jungen schlugen und quälten, in einen Sack packten und einander zuwarfen, lachte er – unter Tränen.

Und genau das tut er bei seinem grossen Auftritt in Netanya, seiner Selbstentblössung, der Selbstbezichtigung als «Hunderthurenmonster», der Verwendung der Auschwitz-Vokabel «Selektion» für jene halluzinatorischen Minuten, in denen er sich zum kindlichen Todes­engel machte. In dieser schwarzen ­Performance fusionieren Trauma und Tragödie, Psychodrama und Show zu einer explosiven Mischung.

Mit Doveles Auftritt wirft Grossman grelle Lichtkegel auf die Beschädigungen einer ganzen Gesellschaft: beschädigt durch die – ins wievielte Glied? – weiterwirkenden Zerstörungen des Holocaust, aber auch durch die Ver­rohung, die das Besatzungsregime mit sich bringt. Erst im Frieden, hat der Autor kürzlich gesagt, kann das Beste eines Volkes zum Tragen kommen. Der neue Roman, der nur in einem Saal in Netanya spielt, in den aber alles hineinragt, was Israel an ungelösten Problemen quält, führt vor, wie unendlich, wie fast unerreichbar fern diese Zeit noch ist.

David Grossman: Kommt ein Pferd in die Bar. Roman. Aus dem Hebräischen von Anne Birkenhauer. Hanser, München 2016. 252 S., ca. 32 Fr.

Am 20. 4. 20 Uhr stellt David Grossman seinen Roman im Kaufleuten vor.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 01.02.2016, 18:09 Uhr

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