In der Romankutsche

William Boyds neuer Roman «Blinde Liebe» schickt einen Klavierstimmer auf die Flucht quer durch Europa.

Der doppelte Autor: William Boyd ist auch ein Meister der Spiegelfechterei.

Der doppelte Autor: William Boyd ist auch ein Meister der Spiegelfechterei. Bild: Keystone

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So wie es Kostümfilme gibt – sie haben nicht den besten Ruf, aber ein treues Publikum –, so gibt es auch Kostümromane. William Boyd hat einen solchen geschrieben. Der schottische Autor ist produktiv und vielseitig; wir verdanken ihm etwa den rasend spannenden Spionagethriller «Ruhelos» und die brillante Erfindung des Künstlers «Nat Tate», dem der halbe Kunstbetrieb auf den Leim ging.

Mit «Blinde Liebe» nimmt sich Boyd eines Genres an, das eher zur Gebrauchs- und Verschlingliteratur gehört, und adelt es auf seine Weise. Im Zentrum steht Brodie Moncur, ein Klavierstimmer aus Schottland mit absolutem Gehör und Geschäftssinn. Sein Chef, Inhaber der Flügelfabrik Channon, schickt ihn im Jahr 1895 nach Paris, in die dortige Filiale, wo er John Kilbarron, den «irischen Liszt», als Aushängeschild für die Marke gewinnt und damit viel Geld in die Kassen spült, das der missratene Sohn des Chefs indes verjubelt. Brodie wird Opfer einer Intrige und geht mit Kilbarron, dessen dämonischem Bruder Malachi und Kilbarrons Geliebter, der Sopranistin Lika Blum, auf Tournee.

Finale auf den Andamanen

Die titelgebende «Blinde Liebe» Brodies zu Lika treibt fortan die Handlung voran. Die Sängerin hat ein dünnes Stimmchen und allerlei Geheimnisse; ist Brodies Liebe blind, weil er nur das Licht sieht – oder ist genau das eben Liebe? Wie auch immer: Das Paar muss sich verstecken, wird entdeckt, erpresst, flieht durch halb Europa, wird immer wieder aufgespürt und schliesslich getrennt.

William Boyd: Blinde Liebe.
Roman. Aus dem Englischen von Ulrike Thiesmeyer.
Kampa, Zürich 2019. 506 S., ca. 36 Fr.

Die Schauplätze der Verfolgungsjagd sind St. Petersburg, Nizza, Edinburgh, Biarritz, Triest und Graz, seinen letzten Aufenthalt nimmt der Klavierstimmer auf den Andamanen im indischen Ozean, als Assistent einer Ethnologin.

Die Adjektive, mit denen der Klappentext den Stoff anpreist – «verführerisch» und «schicksalhaft» –, machen misstrauisch. Tatsächlich ist «Blinde Liebe» vor allem ein richtiger Schmöker. Er gefällt und verliert sich in Details wie der Menüfolge des Restaurants Laurent an den Champs-Elysées oder der Therapie eines Tuberkulosekranken. Die Lust des Autors, das ausgehende 19. Jahrhundert so präzis wie möglich nachzustellen, bremst das Erzähltempo merklich, sodass auch der Leser wie in einer Kutsche gemächlich durch einen Roman zuckelt, in dem sich die Personen auf die gleiche Weise fortbewegen.

Ein russisches Duell

Dagegen ist wenig zu sagen, zumal Boyd seinem beleseneren Publikum augenzwinkernd mitteilt, was seine Vorbilder sind: «Es mutet an wie eine Szene aus einem russischen Roman, dachte er: Tolstoi oder Turgenjew», heisst es an einer Stelle. Und so gibt es im russischen Kapitel erwartungsgemäss ein Duell im Morgengrauen, das immerhin – die Kunst der Überraschung beherrscht Boyd meisterhaft – ganz anders ausgeht.

Von William Boyd hätte man doch etwas mehr erwartet.

Und wie der Kostümfilm mit dem Aufwand imponiert, der zugunsten der historischen Treue betrieben wird, so bewundert man hier die Darstellung des Musiklebens der Zeit, von Details des Klavierbaus über Finanzfragen bis hin zur Komposition (es kommt gar ein Nonenakkord in des-Moll vor).

Ja, warum sich nicht einmal 130 Jahre zurückschmökern, mit Liebesfreud und Trennungsleid vor opulenten Kulissen? Alles recht. Nur: Von William Boyd, diesem Meister der literarischen Spiegelfechterei, hätte man doch etwas mehr erwartet.

Erstellt: 03.06.2019, 16:37 Uhr

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