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In Kurdistan flattern die Schmetterlinge der Liebe

Bachtyar Alis Roman «Perwanas Abend» führt in ein von Krieg und Fundamentalismus verheertes Land – und in eine Liebesutopie.

Trügerische Idylle: Kurdische Landschaft im Irak mit dem Berg Halgurd im Hintergrund. Foto: Lam Duc Hien (Agence VU)
Trügerische Idylle: Kurdische Landschaft im Irak mit dem Berg Halgurd im Hintergrund. Foto: Lam Duc Hien (Agence VU)

Die türkische Armee hat gegen die Kurden in Nordsyrien losgeschlagen. Schon wieder ein Krieg gegen ein Volk, das über vier Staaten verteilt lebt, von denen jeder den zaghaftesten kurdischen Versuch, mehr Selbstbestimmung anzustreben, als Attacke auf die eigene Souveränität begreift und mit Repressionen beantwortet. Nur im Irak haben sich die Kurden im Norden seit 1992 eine quasi autonome Zone erstritten, erst gegen Saddam Hussein und im Schutz einer von den Amerikanern eingerichteten Flugverbotszone, später verteidigt in heftigen Kämpfen gegen den «Islamischen Staat». Eine Zeit lang hatte dieses «Kurdistan» sogar eine eigene Währung, den «Schweizer Dinar» (der deshalb so hiess, weil er auf Schweizer Druckplatten hergestellt wurde).

1994 kam es zu einem Bürgerkrieg zwischen den beiden rivalisierenden kurdischen Parteien. In dieser Zeit verliess Bachtyar Ali das Land und liess sich in Deutschland nieder. Er war Herausgeber einer Zeitschrift, die manche Politiker «sehr verärgert» hatte. Das Risiko, diesen Ärger ausbaden zu müssen, wollte er nicht eingehen. 1983 war er als 17-Jähriger bei einer Demonstration gegen das Saddam-Regime verletzt worden.

Bachtyar Ali ist im kurdischen Irak, den er heute wieder regelmässig besucht, ein viel gelesener Schriftsteller, mit so hohen Auflagen, dass er vom Schreiben leben kann. Im deutschsprachigen Raum war er lange unbekannt – weil unübersetzt. Für seine Sprache, das Sorani, gibt es wenig Spezialisten. Inzwischen hat sich das geändert, «Perwanas Abend» ist der dritte Roman Alis, der im Zürcher Unionsverlag erschienen ist (geschrieben hat er ihn 1998).

Kurdistan, ein Land immer im Ausnahmezustand

Thema seiner Romane, auch des (für uns) neuen, ist natürlich sein Land, «ein Land immer im Ausnahmezustand», wie Ali in einem Interview gesagt hat. Immer wieder ist auch in «Perwanas Abend» von Kämpfen an den Grenzen die Rede, von Massakern im Innern, von Giftgas (wie es Saddam Hussein tatsächlich über der kurdischen Stadt Halabja regnen liess), von Auseinandersetzungen zwischen feindlichen Milizen. Aber es geht Ali nicht um konkrete Kriegshandlungen, sondern um das, was Unsicherheit und allgegenwärtige Gewalt in der Gesellschaft anrichten. Sie treiben die einen ins Exil, die anderen zur inneren Verhärtung. Auch das eine Flucht, auch das Gewalt: in Form einer rigorosen Religionspraxis, wie man sie so drastisch selten in der Literatur dargestellt findet.

Komplexe Charaktere, durchkomponierte Symbolik: Der kurdische Autor Bachtyar Ali. Foto: PD
Komplexe Charaktere, durchkomponierte Symbolik: Der kurdische Autor Bachtyar Ali. Foto: PD

Sie äussert sich im Kult einer Reinheit, die ständig bedroht ist und, einmal befleckt, nicht nur der Betroffenen – es geht natürlich immer nur um Frauen – Schande macht, sondern ihrem gesamten Umfeld. «Jede befleckte Ehre ist unser aller befleckte Ehre», sagt einer dieser Ehr-Besessenen, eine ins Perverse gesteigerte Variante des an sich vernünftigen Prinzips «Jeder Mensch ist für seine Mitmenschen verantwortlich».

Zentraler «Schandfleck» des Romans ist die titelgebende Perwana, eine junge Frau, die sich aus Verzweiflung über die Beschränktheit und Trostlosigkeit ihres Lebens einem Mann nach dem anderen an den Hals wirft und schliesslich mit Fareydun, einem verbummelten Künstlertyp, durchbrennt.

Von den Brüdern halb tot geprügelt

Büssen muss das ihre kleine Schwester Khandan, die Ich-Erzählerin des Romans. Erst von den Brüdern halb tot geprügelt – sie könnte ja den Aufenthalt Perwanas kennen –, kommt sie in die Obhut ihrer fanatischen Tante. Die Tante hat acht Töchter, allesamt Bettnässerinnen und «stumm wie die Fische», die das Haus nur verlassen dürfen, um die Moschee zu besuchen. Khandan schickt die Tante in eine «Schule der reumütigen Schwestern», in der Angehörige von «Verworfenen» deren Sünden büssen müssen.

Die Sünde besteht nach dieser kranken Logik bereits in der Existenz als Frau, einem ständigen Quell der Sünde. «Der Satan hat nirgendwo sonst so raffiniert gearbeitet wie am Körper der Frau», lernen Khandan und ihre Leidensgenossinnen. «Ein Beben der Brüste kann alle Gesetze und Weisheiten ins Wanken bringen. Die Rundungen einer Frau können verheerender sein als ein Wirbelsturm.»

Es ist der geistige und reale Horror des Fundamentalismus, den Bachtyar Ali hier vorführt, die islamistische Version von Margaret Atwoods Gilead-Dystopie. Aber der Autor schenkt seinen Figuren wenigstens die Utopie des Gegenteils: das «Tal der Liebenden», eine Schlucht, die nur über 1000 Stufen einer Leiter aus Hanf zu erreichen ist, aber eigentlich «jenseits von Raum und Zeit» liegt (mit anderen Worten: an einem Nicht-Ort, wie alle Utopien). Hierhin haben sich Perwana und Fareydun geflüchtet, hier leben sie mit anderen freien Paaren in bukolischer Idylle, selbst die Natur berauscht sich am Glück der Liebenden.

Ein Mob auf dem «Marsch des Glaubens»

Aber es währt nicht lange, der Druck der Gesellschaft zersetzt auch deren Gefühle. Perwana will weiterziehen, Fareydun nur noch im Kopf reisen. Auch andere Paare zerbrechen, die Natur begreift und lässt das Laub welken. Als sich ein wütender Mob auf dem «Marsch des Glaubens» nähert, ist es mit der Illusion vorbei, auf Erden einen Ort zu haben, an dem man so leben kann, wie man möchte.

Die Liebe ist in «Perwanas Abend» einerseits genau und differenziert gezeichnete psychische Realität, aber auch eine Chiffre: für eine freie, lebenswerte Existenz. Gewalt von aussen und Unterdrückung im Innern machen sie unmöglich. Bei Khandan, der kleinen Schwester, führen die Jahre der Demütigung allerdings nicht dazu, dass sie ihren Unterdrückern ähnlich wird, sondern zum Zweifel an deren Gottesbild. Einen Gott, der «blutige Strafen für schlichte menschliche Sehnsüchte» vorsehe, will sie sich nicht vorstellen, ihr Gott muss für Vielfalt sein, sonst hätte er sie ja nicht erschaffen.

Bachtyar Alis Roman lebt vom ins Zeitlose und Grundsätzliche transponierten Gegensatz zwischen Freiheit und Despotie, Liebe und Islamismus. Der Gefahr eines gewissen Schematismus entgeht er durch die komplexen Charaktere seiner Personen sowie durch eine durchkomponierte Symbolik. Reichlich fliesst das Blut – der geopferten Stiere zu Beginn, der geschlagenen Frauen, der getöteten Rebellen am Schluss –, und überall flattern die Schmetterlinge. Sie stehen für die Zerbrechlichkeit alles Schönen, aber auch für Unsterblichkeit. Der Staub von Tausenden ihrer Flügel erhebt sich, als Perwana unter den Kugeln des Exekutionskommandos fällt.

Bachtyar Ali: Perwanas Abend. Roman. Aus dem Sorani von Ute Cantera-Lang und Rawezh Salim. Unionsverlag, Zürich 2019. 280 S., ca. 34 Fr.

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