«Als Teenager wäre ich vermutlich wie Greta»

Verständnis für die Jungen, Ärger über Roger Köppel: Gespräch mit «Weltwoche»-Autor Alex Baur, der gerade ein wuchtiges Buch geschrieben hat.

Alex Baur, hier am «Weltwoche»-Prozess von Milo Rau, 2013.

Alex Baur, hier am «Weltwoche»-Prozess von Milo Rau, 2013. Bild: Keystone

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Haben Sie etwas gegen die Demokratie?
(lacht) Gar nicht, im Gegenteil. Wie kommen Sie darauf?

Die Demokratie ist eine Realität gewordene Vision, die allen zugutekommt. Aber so etwas gibt es Ihrer Weltsicht nach gar nicht, eine geglückte Utopie.
Falsch. Die Demokratie ist – anders als etwa der Kommunismus oder andere Utopien – organisch gewachsen, aus der praktischen Erfahrung heraus entstanden. Sie hat sich bewährt. Die Französische Revolution kam keinesfalls aus dem Nichts, sie war eine logische Folge der Aufklärung und der Industriellen Revolution, die eine Bourgeoisie erschaffen hatte. Jemand muss in einem Staat das letzte Wort haben, und in der Demokratie ists eben die Mehrheit. Diese Mehrheit kann sich irren, aber sie kann Fehler auch korrigieren. Entscheidend ist auch, dass demokratische Entscheide eine hohe Akzeptanz haben.

Sie schreiben in Ihrem Buch viel über Zentral- und Südamerika. Wie eine Regierung in Guatemala die Justiz neu organisiert, wie ein Politiker in Peru mit seiner Wirtschaftsstrategie Probleme bekommt usw. Wen interessiert das?
Wir können aus diesen konkreten Beispielen sehr viel lernen. Lateinamerika ist eine Art Labor, in dem immer wieder sehr radikale Änderungen durchgezogen wurden. Als etwa Alberto Fujimori 1992 in Peru radikale Wirtschaftsreformen anordnete, war das zuerst hart für die Bevölkerung. Doch heute profitieren alle Peruaner davon, die Armutsquote ging während zweier Jahrzehnte von mehr als 50 auf unter 20 Prozent zurück. In Europa und ganz besonders in der Schweiz passieren Veränderungen sehr langsam. Wir profitieren heute von dem, was unsere Vorfahren vor vielleicht 50 oder 100 Jahren richtig gemacht haben. Und die Fehler, die wir heute begehen, werden erst unsere Enkel so richtig zu spüren bekommen. Der sogenannte Neoliberalismus ist besser als sein Ruf – ich zeige die andere Seite auf, anhand von ganz konkreten Beispielen.

Am Beispiel von Fujimori versuchen Sie zu zeigen, dass es in Notsituationen manchmal einen Diktator braucht, der tüchtig durchgreift.
Ich finde das auch schwer erträglich. Aber so ist nun mal die Realität. Zuerst kommt das Fressen, dann die Demokratie. Es gibt statistische Untersuchungen, die ganz klar zeigen, dass bei einem tiefen Bruttosozialprodukt die Demokratie schlechte Überlebenschancen hat. Die Menschen setzen andere Prioritäten, wenn es ihnen schlecht geht, suchen einen starken Führer. Das grosse Problem ist: Ein Autokrat kann ein Land auch in den Abgrund reissen, wie etwa das Beispiel Venezuela zeigt. Und da ist dann keiner, der den Diktator stoppt. Ich bin durch und durch Demokrat, doch manchmal muss die Überwindung der Diktatur warten, bis die wirtschaftliche Basis für die Demokratie gefestigt ist.

Prägte Peru mit harter Hand: Fujimori im Jahr 2000. (Keystone)

Sie kritisieren Che Guevara, Jean Ziegler, Greta Thunberg und viele weitere vermeintliche oder echte Weltverbesserer. Um bei Thunberg zu bleiben: Was ist genau Ihr Problem? Die Frau vertritt einfach die Meinung der Wissenschaft. Nicht mehr, nicht weniger.
Als Teenager wäre ich vermutlich wie Greta. Ich zog übrigens in den 1970er-Jahren als Halbwüchsiger gegen das AKW Gösgen durch die Strassen, wobei ich im Rückblick sagen muss: Ich hatte keine Ahnung, wie ein AKW überhaupt funktioniert, dafür eine umso grössere Klappe. Aber ich störe mich nicht an Greta und der Klimajugend. Im Gegenteil, ich finde es super, wenn sich die Jungen für die Politik interessieren. Sehr wohl rege ich mich aber auf über die Erwachsenen, welche die Postulate und Forderungen von Teenagern völlig unkritisch übernehmen, als wären sie der Weisheit letzter Schluss, und dem Greta-Kult huldigen, als handle es sich um eine biblische Offenbarung. Diese Bedenken hege ich allerdings auch gegenüber dem Weltklimarat, auf den sich Greta Thunberg beruft.

Die Wahrscheinlichkeit, dass Sie sich irren, ist allerdings ein wenig grösser.
Ich zweifle ständig, auch an mir selber (lacht). Das Klima ist etwas vom Kompliziertesten, was es gibt, es hat sich in der Vergangenheit ständig geändert, es gab Zeiten, in denen es viel kälter oder auch viel wärmer war als heute, und wir wissen nicht wirklich, warum. Es gibt viele Thesen, nichts ist gesichert. Wie sollen wir nun die Zukunft voraussagen, wenn wir nicht einmal die Vergangenheit richtig erklären können? Der Wissenschaft wird eine Verbindlichkeit zugemutet, die sie schlicht nicht erfüllen kann. Und vergessen wir nicht: Die UNO ist eine politische Institution. Der IPCC stützt sich zwar auf wissenschaftliche Untersuchungen, doch die Berichte werden stark von politischen Kriterien beeinflusst.

Greta Thunberg am WEF 2019. (Keystone)

Sie ärgern sich über den Atomausstieg, mit dem sich die Schweiz einer zuverlässigen Energiequelle beraube. Wie viele neue AKW sollten wir bauen?
So viele wie nur möglich. Am besten sollten wir alle fossilen Energieträger durch Kernenergie ersetzen. Wir müssen uns einfach entscheiden: Wenn das CO2 ein Problem ist, dann können wir nicht auf die Kernenergie verzichten, die eine fast unschlagbare CO2-Bilanz ausweist. Die Schweiz sollte alle ihre alten AKW durch neue, grössere AKW ersetzen. 2011, kurz vor Fukushima, hat die Berner Stimmbevölkerung einem Neubau von Mühleberg zugestimmt, wobei die Zustimmung in der Standortgemeinde rund 70 Prozent betragen hat. Mühleberg ist keine Ausnahme. In sämtlichen Standortgemeinden, das haben alle Anti-Atom-Initiativen gezeigt, ist die Akzeptanz der Kernenergie ähnlich gross. Ich sehe nicht ein, warum wir darauf verzichten sollten.

Weil AKW gefährlich sind?
Ich war zweimal in der Sperrzone von Fukushima, als einer von ganz wenigen Journalisten weltweit war ich sogar in den AKW-Ruinen drin. Ich habe auch Nagasaki besucht, habe mit Überlebenden der Atombombe und Strahlenexperten gesprochen. Und stets zeigte sich aufs Neue: Die atomare Gefahr wird von den Medien auf eine geradezu groteske Weise übertrieben, von den Vorteilen der Kernenergie liest man selten etwas. Wenn man vor Ort geht – und das habe ich als Reporter immer versucht –, sieht vieles ganz anders aus.

Neue Schweizer AKW also. Sollten wir uns auch noch die Atombombe zulegen? Sie betonen in Ihrem Buch ja immer wieder, was für ein gnadenloser Ort die Welt doch ist.
Bis in die 1960er-Jahre plante die Schweiz sogar ihre eigene Bombe. Aber nein, das steht nicht zur Debatte. Das, was ich das «atomares Paradox» nenne, bleibt indes bestehen: Die Atombombe ist die fürchterlichste Waffe, die Menschen je gebaut haben, doch sie hat uns einen dauerhaften Frieden beschert, weil sie den Krieg sinnlos gemacht hat. Ein Atomkrieg lässt sich nicht gewinnen, es gab denn auch keine Kriege mehr zwischen Atommächten. Nach dem Kalten Krieg rüsteten die Supermächte ab, das war sinnvoll, doch eine totale nukleare Abrüstung wäre unverantwortlich, eine Katastrophe. Es wäre geradezu eine Einladung an die Tyrannen dieser Welt, ihre eigene Bombe zu bauen. Man kann eine Erfindung nicht mehr rückgängig machen, wie Dürrenmatt in seinem grossartigen Stück «Die Physiker» bereits feststellte.

Sie schreiben für die «Weltwoche». Wie viele SVP-Nationalräte arbeiten da nochmals? Man verliert so leicht die Übersicht.
(lacht) Kommt draufan, ob Sie die ehemaligen mitzählen. Es ist öffentlich bekannt, dass ich das politische Engagement von Roger Köppel ablehne. Nicht weil es die SVP oder sonst irgendeine Partei ist, sondern weil man nicht gleichzeitig Akteur und Beobachter sein kann. Diese politische Bindung schadet der «Weltwoche» meines Erachtens, und das ist tragisch.

Warum sind Sie dann noch dabei?
Weil ich bei keinem anderen Medium je so viele Freiheiten hatte wie heute bei der «Weltwoche». Und weil mir dieses Blatt am Herzen liegt. Ich darf schreiben, was mir richtig erscheint. Nehmen Sie den «Fall Carlos» – viele waren bass erstaunt, als ich mich damals für den Burschen einsetzte, der rechtswidrig weggesperrt wurde. Als nach dem Kindermord in Flaach alle auf die Kesb einprügelten – was aus meiner Sicht grotesk war –, verteidigte ich die Kesb. Ich schrieb in der «Weltwoche» eine Titelgeschichte gegen die Durchsetzungsinitiative, ich sprach mich gegen die Verwahrungs- oder etwa die Pädophilen-Vorlage aus und so weiter, alles total gegen die Linie der SVP. Das war nie ein Problem.

Nationalrat und Chefredaktor: Roger Köppel. (Keystone)

Aber weshalb kommen rechte Utopien in Ihrem Buch nicht vor? Zum Beispiel Trumps Ex-Berater Steve Bannon und sein Traum von der rechten Internationalen? Bei Ihnen sind immer die Linken die Gwagglifrösche.
Ich kann weder mit Bannon noch mit Trump viel anfangen. Da sind völlig abgehobene ideologische Grabenkämpfe im Gange, die mich kaltlassen, die journalistisch nichts mehr hergeben. Bannon ist kein Journalist, er ist ein Propagandist, über Trump wird dereinst die Geschichte urteilen. In den 1990er-Jahren war ich öfters für das Magazin «Stern» in den USA unterwegs, das Land blieb mir immer fremd. Mein Herz schlägt für Lateinamerika. Letztlich sind es ja die sozialen, eigentlich von den Linken besetzten Themen, die mich interessieren. Es ist im Übrigen nicht so, dass ich den Sozialismus rundum ablehne. Gerade das Schweizer System ist sehr auf sozialen Ausgleich ausgelegt. Die Schweiz ist das einzige Land auf der Welt, in dem der Kommunismus je funktionierte. Eigentlich muss hier keiner arbeiten. Wenn einer nicht vorsorgt für das Alter und alles verjubelt, dann springt der Staat ein mit Ergänzungsleistungen, die höher sind als die ordentlichen Renten in jedem anderen Land. Ich stelle das infrage, weil ich grundsätzlich alles infrage stelle, am liebsten das, was man nicht infrage stellen sollte. Die meisten meiner Freunde stehen übrigens eher links bis ganz weit links. Es gibt für mich nichts Langweiligeres als ein Gespräch unter Gleichgesinnten.

Erstellt: 22.11.2019, 11:12 Uhr

Zur Person

Alex Baur (*1961) arbeitet seit 2005 für die «Weltwoche». Vorher schrieb der gebürtige Luzerner unter anderem für die NZZ, das «Geo» und den «Stern». 2014 erhielt er den renommierten Zürcher Journalistenpreis.

Alex Baur: Der Fluch des Guten. Münster-Verlag, Basel 2019. 330 Seiten, ca. 30 Franken.

Baurs Buch basiert auf den aufwendigen Reportagen, die ihn zu einem der bekanntesten Schweizer Journalisten gemacht haben. Der Autor destilliert seine Recherchen in den doch sehr unterschiedlichen Bereichen der Atomwirtschaft, der lateinamerikanischen Politik und der Schweizer Justiz zu einem nicht ganz überraschenden Fazit: Linke Rezepte und Weltbesserungsversuche führten zuverlässig ins Elend. (lsch)

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