Ist der Riese wirklich ängstlich?

Gestern wählte Nordrhein-Westfalen, im September wählt ganz Deutschland. Adrian Arnold, Berlin-Korrespondent von SRF, legt dazu ein politisches Buch vor. Es ist leider ein Schnellschuss.

Unter Angela Merkel soll der Riese Deutschland nach den Wahlen im September seine Angst ablegen und in Europa wieder führen. Wohin weiss Adrian Arnold auch nicht.

Unter Angela Merkel soll der Riese Deutschland nach den Wahlen im September seine Angst ablegen und in Europa wieder führen. Wohin weiss Adrian Arnold auch nicht. Bild: Britta Pedersen/Keystone

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Wolfgang Koydl wurde in Rekordzeit zum Schweiz-Kenner: Ein paar Monate Korrespondent der «Süddeutschen Zeitung» in Zürich, und schon war ein Schweiz-Buch fertig. Adrian Arnold, seit Sommer 2014 der SRF-Mann in Berlin, hat aus immerhin zweieinhalb Jahren Erfahrung schöpfen können für sein Deutschland-Buch, das kurz vor der Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen erschienen ist, aber natürlich den Blick auf die Bundestagswahl im September richtet.

In diesen zweieinhalb Jahren hat Arnold mit vielen Menschen gesprochen, im letzten Kapitel zählt er sie auf: «Milchbauern, Getreideproduzenten, Senioren, Kommunalpolitiker, Bürgermeister, Minister, Fraktionschefs, Mediensprecher, Sekretärinnen, Konzernchefs...» Manches Politiker-Interview haben die Schweizer Fernsehzuschauer gesehen – hier dürfen sie sie noch einmal nachlesen, Wort für Wort, jede Frage, jede Antwort.

Arnolds Eindruck: Deutschland ist ein «ängstlicher Riese», die von Angela Merkel seit fast zwölf Jahren regierte Republik «verunsichert». Dabei geht es dem Land ökonomisch glänzend, es hat eine im EU-Vergleich niedrige Arbeitslosenquote und derzeit sogar Haushaltsüberschüsse. Verunsichert sei es durch den starken Zustrom an Flüchtlingen und die Frage, ob ihre Integration in Wirtschaft und Gesellschaft gelingen kann. Die Wahlerfolge der AfD sind eine unmittelbare Folge dieser Verunsicherung, was wiederum die Mehrheitsbildung in den Parlamenten erschwert.

Wer könnte regieren in Berlin nach dem 24. September? Arnold spielt mögliche Koalitionen durch und prophezeit ein Jamaika-Bündnis aus CDU, FDP und Grünen als wahrscheinlichste Konstellation. Und dieser neuen Regierung, wieder unter Angela Merkel, gibt Arnold eine Aufgabe: Sie soll «führen» in Europa. Der Riese soll seine Angst ablegen. Die Angst rühre von der NS-Vergangenheit her und sei verständlich, aber, so Arnold in einer dialektischen Volte, gerade weil Deutschland seine Vergangenheit vorbildlich aufgearbeitet habe, sei es prädestiniert für eine Führung, die nicht auf Befehl und Gehorsam beruht, sondern die anderen mitnimmt.

Führen, aber wohin?

So weit Befund und Forderung des SRF-Korrespondenten – und mit dieser Zusammenfassung ist das 200-Seiten-Buch auch schon erschöpfend beschrieben. Denn Arnold wiederholt sich zwar ständig, erklärt aber nicht, was er mit «führen» genau meint, und vor allem nicht, wohin geführt werden soll. Und stimmt denn die These vom «ängstlichen Riesen» überhaupt? Beklagen sich nicht viele EU-Staaten über die deutsche Dominanz? Und sind nicht durch die EU-Institutionen den Möglichkeiten eines Landes sowieso Grenzen gesetzt?

Nimmt man also dem zentralen Anliegen des Autors die Luft raus, bleibt nicht mehr viel, was die Lektüre des Buches lohnen würde. Vielfach liest es sich wie eine Mischung aus Tagebuch, Arbeitsnachweis und Verschriftlichung von gesendeten Beiträgen. Der Mann, der in TV-Beiträgen natürlich immer im Bild ist, stellt sich auch im Buch in den Mittelpunkt. «Ich dachte», «ich erinnerte mich», «ich staunte», «erfuhr ich hautnah», lesen wir: Aber aus dieser Hautnähe macht er wenig. Gewiss sorgt die Ich-Form für Authentizität, aber auch für den Eindruck, dass weniger der Gedanke, das vorgetragene Argument zählt als vielmehr, dass der Autor ihn in diesem Moment gedacht oder später diesen Schluss daraus gezogen hat.

Reporter-Alltag ist für andere nur dann interessant, wenn es die Ergebnisse sind. Das sind sie bei Arnold meist nicht. Seine Gesprächspartner, deren Weisheiten er stolz und ausführlich referiert, gehören eher nicht zu den für Deutschlands Politik entscheidenden Machern und Denkern. Es sind Ex-Politiker wie Hans-Dietrich Genscher oder Franz Müntefering oder der ehemalige Kohl-Berater Peter Radunski. Von dem erfährt Arnold, Kohl habe immer zuerst mit den «Kleinen» gesprochen – den kleineren europäischen Ländern –, was Adrian Arnold gleich als Ratschlag an Angela Merkel weiterreicht. (In einem späteren Kapitel beschreibt er dann, dass sie genau das tut: mit Tschechen und Ungarn etwa Einzelgespräche führen.)

Der Teufel im Detail

Widersprüche fallen auch in anderen Punkten ins Auge. So lobt der Korrespondent Deutschlands Wirtschaftskraft, stellt aber zugleich einen Reformstau fest und fordert, die Wirtschaft flexibler und krisenresistenter zu machen; es folgen Allerweltsmassnahmen, die zum Teil schon realisiert sind (wie die Erhöhung des Renteneintrittsalters). Über die EU weiss Arnold wenig zu sagen; dass er die «Gurkennorm» als Beispiel für den Regulierungswahn bringt, belegt seine Ignoranz: Die wurde schon 2009 abgeschafft.

Politische Bücher, die Momentaufnahmen in Voraussagen und Handlungsanweisungen umwandeln, haben einen Feind: den Redaktionsschluss. Der des «Ängstlichen Riesen» war im Januar. Seither ist viel passiert, das die Befunde nicht unbedingt stützt. François Fillon, den Arnold schon fast als Präsidenten handelt (weil er ein Interview bekam, das die Leser dann auch in extenso bekommen?), ist Vergangenheit. Merkels Beliebtheitswerte sind gestiegen, der Schulz-Effekt ist nach zwei Landtagswahlen verpufft. Das ist nicht Arnolds Schuld, legt aber die Grundschwäche des Buches bloss: Es basiert nicht auf tiefer Kenntnis und gründlicher Analyse, sondern auf der Wahrnehmung des Politikbetriebs mit seinen Eilmeldungen und Sensatiönchen.

Dazu kommt, dass der TV-Journalist kein Meister der geschriebenen Sprache ist (und der als Co-Autor geführte Journalist Carsten Tergast auch nicht). So hagelt es banale Bilder und Stereotypen, dazu Füllwörter und Verunklärungspartikel wie «wohl» und «vielleicht», die verraten, dass sich der Autor seiner Sache so sicher doch nicht ist. Dass «scheinbar» etwas anderes als «anscheinend» ist, weiss er nicht, und kein Lektor hat es ihm gesagt. Auch nicht, dass der Brexit nicht «vollzogen» ist, sondern erst bevorsteht. Oder dass das Land, für dessen fortgeschrittene Digitalisierung sich Angela Merkel so begeistert, nicht Lettland heisst, sondern Estland. Nun ja, solch kleine Länder kann man schon mal verwechseln. Andern geht das mit der Schweiz und Schweden ja auch so.

Adrian Arnold: Deutschland – der ängstliche Riese. Merkel und die verunsicherte Republik
Orell Füssli, Zürich 2017. 191 S., ca. 27 Fr.
(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 15.05.2017, 16:30 Uhr

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