Ist John Cleese ein Rassist?

Der englische Komiker schockiert mit seiner Bemerkung: London sei keine englische Stadt mehr.

Im Interview mit der BBC erklärt John Cleese, wieso ihn britische Zeitungen auf die Antillen getrieben haben. Quelle: Youtube


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Haben wir uns alle getäuscht? War das von ihm gar nicht als Witz gemeint gewesen, damals? In einem frühen Sketch der Monty Python’s «Flying Circus» spielt John Cleese einen sadistischen Moderator, der auf die Bemerkung einer stupiden, von Terry Jones wie immer hinreissend lustig gespielten Frau – «I don’t like darkies», ich mag keine Dunkelhäutigen – mit der Antwort reagiert: «Who does?» Wer mag die schon?

Seit einigen Tagen gibt John Cleese mit einer Bemerkung weltweit zu reden, die dem Witz von damals eine beklemmende Aktualität verleiht. London sei keine englische Stadt mehr, twitterte der Komiker, der selber in den Bahamas lebt. Seinen Umzug vor einem Jahr begründete er nicht mit den steuertechnischen Gründen, die ihm seine Kritiker unterstellen, sondern mit dem Umgang seines Landes mit dem Brexit-Entscheid. John Cleese war für diesen Entscheid, den er seither vehement verteidigt. Und der ihm von seinem ehemaligen Python-Kollegen Terry Gilliam, dem in England eingebürgerten Amerikaner, einen fassungslosen «Arschloch»-Kommentar einbrachte.

Der Millionär in den Bahamas

Nun darf Cleese selbstverständlich seine Meinung haben und vertreten. Und Gilliams Empörung ist übertrieben. Aber London, eine der internationalsten Städte der Welt und die einstige Hauptstadt eines Weltreiches, der Überfremdung zu bezichtigen – das ist jenseits von bizarr und exzentrisch: Es ist ahistorisch, soziologisch falsch und ausgesprochen dumm. Und verlogen von einem Millionär, der als Immigrant in den Bahamas lebt.

Als Reaktion auf die aufbrausende Kritik versuchte sich Cleese in einem Stilmittel, von dem er sonst mehr versteht: der Ironie. «Ich sollte mich wohl für die Zuneigung für meine englische Erziehung entschuldigen, aber ich fand dieses Englischsein ruhiger, höflicher, humorvoller, weniger boulevardiger und geldgetrieben als das heutige.» Als Beleg für seine These nennt er den Umstand, dass 60 Prozent der Londonerinnen und Londoner gegen den Brexit Grossbritanniens gestimmt haben.

Wie eine seiner Figuren

Das ist insoweit beruhigend, als Cleese seine Kritik nicht mit der Multikulturalität von London begründet, sondern mit ihrem Mehrheitsentscheid gegen den EU-Austritt. Es ist insofern kurz gedacht, als andere britische Städte wie Edinburgh, Bristol, Manchester oder Glasgow noch viel deutlicher für den Verbleib in der EU gestimmt haben. Es ist auch kurz gedacht, was Cleeses künstlerische Biografie betrifft: In den Siebzigerjahren erfand er nämlich den Hotelbesitzer Basil Fawlty, die Parodie eines herzlosen, fremdenfeindlichen Kleinbürgers.

So sieht ihn jetzt auch Sadiq Khan, der muslimische Bürgermeister von London: «Seine Kommentare klingen so, als sei John Cleese noch immer in der Rolle von Basil Fawlty unterwegs.»

Wenn ein Politiker die bessere Pointe macht, sollte ein Komiker seine eigenen überdenken.

Erstellt: 05.06.2019, 15:26 Uhr

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