Jede Demenz ist anders

David Wagner erzählt vom Selbstverlust seines Vaters in Dialogen, die das Leben festhalten sollen.

2013 hat David Wagner den Preis der Leipziger Buchmesse bekommen für seinen Roman «Leben». Foto: Hendrik Schmidt (Keystone)

2013 hat David Wagner den Preis der Leipziger Buchmesse bekommen für seinen Roman «Leben». Foto: Hendrik Schmidt (Keystone)

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Jedes Buch über einen dementen Angehörigen steht im Schatten eines Riesen: «Der alte König in seinem Exil» von Arno Geiger über seinen Vater hat eine breite Öffentlichkeit für das Thema sensibilisiert, Scharen von Lesern zum Nachdenken gebracht und zu Tränen gerührt. Aber nicht nur betrachtet jeder Autor den gleichen Gegenstand auf ganz eigene Weise, auch jede Demenz verläuft anders. Und so ist «Der vergessliche Riese» von David Wagner ein ganz besonderes, ein einzigartiges Leseerlebnis.

Wagner, Jahrgang 1971, hat 2013 den Preis der Leipziger Buchmesse für den Roman «Leben» bekommen, den Bericht über seine Lebertransplantation, aber auch über das Spital-Universum und seine Bewohner.

Ganz nah am eigenen Leben entlang ist auch das neue Buch geschrieben. Die Kindheit in der Kleinstadt Andernach am Rhein, die nicht konfliktfreien Familienverhältnisse, die halbwüchsige Tochter, die Existenz als reisender Schriftsteller: Das ist der reale David Wagner und doch, sobald eine Erzählerfigur daraus wird, eben nicht mehr.

«Woher kommst du?», ist immer die Begrüssungsfrage.

Vor allem tritt der Ich-Erzähler hier meist als Gesprächspartner auf. Das Buch besteht überwiegend aus Dialogen zwischen Vater und Sohn. Sie dokumentieren über vier Jahre die Abnahme der geistigen Fähigkeiten, das Schwinden der Vergangenheit, den Orientierungsverlust. Und sie dienen auch der Vergewisserung dessen, was noch vorhanden ist.

«Woher kommst du?», ist immer die Begrüssungsfrage bei jedem Besuch, die zum Abschied: «Wohin fährst du?» Dazwischen wird, auf Spaziergängen, bei langen Autofahrten (immer zu einem Begräbnis), bei gemeinsamen Mahlzeiten rekapituliert: welche Autos man gefahren hat, wann er mit welchen Frauen verheiratet war (es waren zwei), wie die Enkelin heisst.

«Ich muss ja schwer auszuhalten sein»

Die Struktur dieser Gespräche ist die Wiederholungsschleife. Mit fortschreitender Demenz sagt und fragt der Vater in immer kürzerem Abstand dasselbe, und der Sohn geht freundlich-gleichmütig darauf ein. Ostinatohaft prägen bestimmte Sätze auch die Struktur des ganzen Buches.

«Tante Gretl hat gesagt, die Dublany sind sehr intelligent, im Alter aber werden sie alle blöd.» Das bringt der Vater natürlich vor, um Widerspruch zu ernten, ebenso wie den Kommentar zur zweifachen Witwerschaft: «Ich muss ja schwer auszuhalten sein, dass die Frauen mir immer wegsterben.» Der Sohn tut ihm den Gefallen: Er sei durchaus nicht blöd, und es sei auch durchaus auszuhalten mit ihm.

Eine stille Heiterkeit, ein freundliches Sich-Finden und Abfinden mit der Reduktion prägt diese Dialoge, die der Autor manchmal bis zur Screwball-Comedy zuspitzt. Die ritualhaften Satz-Abfolgen wirken aber auch wie Haltestangen für ein Vater-Sohn-Paar mit einer nicht ungestörten Vergangenheit: Der Vater war in seiner aktiven Phase am Sohn kaum interessiert, wegen seiner zweiten Frau kam es zum Streit und zur jahrelangen Funkstille.

Den Kindern bleiben Skrupel und Gewissensbisse nicht erspart.

Die Bedürftigkeit auf der einen, die Fürsorge auf der anderen Seite erleichtert es, ein neues Verhältnis zu finden. David Wagner verdichtet diese Rollenumkehr in einer Szene, als er die Hand des Vaters nimmt, des Mannes, der einst ein Riese für ihn war, und sie sich jetzt anfühlt wie eine Kinderhand.

In dem Masse, wie die Bedürftigkeit wächst, greifen die vom Erzähler und seinen Schwestern organisierten Betreuungsmassnahmen: Erst ziehen wechselnde polnische Pflegekräfte ins Haus, dann der Vater selbst um in eine Wohnung in einem Bonner Pflegeheim, immerhin mit «Drachenfelsblick». Er macht das alles mit, ist nicht nur ein vergesslicher, sondern auch ein freundlicher, wie sagt man: pflegeleichter Riese.

Den Kindern bleiben Skrupel und Gewissensbisse nicht erspart, auch wenn sie überzeugt sind, das Richtige zu tun: «Wir haben ihn ausquartiert, eingeliefert, abgeschoben.» Das kann jeder nachfühlen, dem ähnliches widerfahren ist.

«Was macht denn der Nazi hier?»

Es ist, wie meist in solchen Büchern, nicht nur eine Geschichte der fortschreitenden Degeneration – am Schluss hat der Vater seinen Beruf vergessen, den Namen des Flusses, an dem sie sitzen, und sogar, wer ihm gegenüber sitzt. Dafür taucht Verdrängtes aus der Vergangenheit auf. Einer sehr deutschen Vergangenheit.

Der Vater hat vier Onkel in zwei Weltkriegen verloren, der Grossvater war ein überzeugter Nazi, ein Foto zeigt ihn gar neben Hitler. Er selbst hat seinen drei Kindern jüdische Vornamen gegeben, als hilflose Form der «Wiedergutmachung». Als sie in Bonn auf ein Foto des früheren Kanzlers (und ehemaligen NSDAP-Mitglieds) Kiesinger treffen, bricht es aus dem Vater heraus: «Was macht denn der Nazi hier?»

Es sind sparsam gesetzte, aber deutliche Akzente, die einer sehr persönlichen Geschichte einen zeithistorischen Rahmen geben. Dazu gehört auch die Veränderung der Stadtlandschaften – wo einst eine Buchhandlung war, werden jetzt Smartphones verkauft. Bei der Fahrt durch die Strassen seiner Kindheit, vorbei an «schmiedeisernen Hausnummern, getrimmten Hecken, Garten-Trampolinen und getöpferten Namensschildern» wundert sich der Sohn, «wie ein Land so reich und zugleich so hässlich sein kann».

Arno Geiger hat die Demenz seines Vater als dramatisch erlebt und auch so geschildert. David Wagners Buch ist kühler, artistischer, aber nicht weniger empathisch. Auf manche Leser wird die zurückhaltende Art womöglich noch stärker wirken. An einer Erkenntnis kommt man nicht vorbei: Jede Demenz ist anders, aber der Prozess ist irreversibel, hier geht ein naher Mensch sich selbst verloren, und ein Stück von einem selbst ist damit dahin.

David Wagner: Der vergessliche Riese.
Rowohlt, Hamburg 2019.
268 S., ca. 34 Fr.

Erstellt: 30.09.2019, 12:03 Uhr

Artikel zum Thema

«Demenz ist immer noch ein Tabu»

Zweimal pro Woche ist das Atelier Mobile unterwegs. Menschen mit Demenz können dort im öffentlichen Raum malen. Das Angebot soll erweitert werden. Mehr...

Endstation Platzspitz

Ein überragendes Schweizer Debüt: Demian Lienhards Roman «Ich bin die, vor der mich meine Mutter gewarnt hat» führt in ein bewegtes Zürcher Jahrzehnt. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Weiterbildung

Banken umwerben Frauen

Weltweit steigt das Privatvermögen von Frauen. Banken zeigen, wie dieses gewinnbringend anzulegen ist.

Kommentare

Service

Ihre Spasskarte

Mit Ihrer Carte Blanche von diversen Vergünstigungen profitieren.

Die Welt in Bildern

Blumen-Idylle: In Kathmandu, Nepal, fliegt ein Sommervogel von Blüte zu Blüte. (8. November 2019)
(Bild: Navesh Chitrakar) Mehr...