Jede Geburt ist eine Revolution

In einem bisher unveröffentlichten Essay vergleicht die Philosophin Hannah Arendt die Amerikanische mit der Französischen Revolution.

Hannah Arendt (1906–1975) in einer Aufnahme von 1949.

Hannah Arendt (1906–1975) in einer Aufnahme von 1949. Bild: Fred Stein Archive, Getty Images

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Bevor der Essay im März in seiner Originalsprache Englisch erscheint, kann man ihn ab jetzt auf Deutsch lesen. «Die Freiheit, frei zu sein» («The Freedom to Be Free») handelt vor allem von der Amerikanischen und der Französischen Revolution – und davon, wie sich die beiden Volksaufstände voneinander unterscheiden. In dem schmalen Buch fasst die 1906 in Hannover geborene und in Königsberg aufgewachsene Philosophin Hannah Arendt die Thesen aus ihrem 1963 erschienenen Band «On Revolution» zusammen. Der Titel spielt, wie die Herausgeber im Nachwort schreiben, auf den Schriftsteller und Philosophen Henry David Thoreau (1817–1862) an, der in «Life Without Principle» die Fragen stellte: «Was bedeutet es, frei geboren zu sein, aber nicht frei zu leben? Welchen Wert hat politische Freiheit, wenn sie nicht Mittel ist für moralische Freiheit? Ist es die Freiheit, Sklave zu sein, oder die Freiheit, frei zu sein, auf die wir stolz sind?»

Der blinde Fleck

Diese Fragen führen ins Zentrum von Hannah Arendts Argumentation: Während die Französische Revolution ein Aufstand aller Geknechteten – «les malheureux, les misérables, les damnés de la terre» – für die gleichen Rechte war, hatte es die Amerikanische Revolution insofern einfacher, als sie die Masse der Schwarzen und Ausgebeuteten überhaupt nicht in den Blick genommen hat. «Die Amerikanische Revolution verdankte ihren Erfolg zu einem Gutteil dem Fehlen verzweifelter Armut unter den Freien und der Unsichtbarkeit der Sklaven in den Kolonien der Neuen Welt.» Die Institution der Sklaverei und die Überzeugung, Sklaven gehörten einer anderen «Rasse» an, liess die nach Unabhängigkeit strebenden Anhänger der Amerikanischen Revolution die Existenz der Versklavten übersehen.

Damit verloren sie, so Hannah Arendt weiter, «die beachtliche Aufgabe aus dem Blick, diejenigen zu befreien, die weniger durch politische Unterdrückung als durch die einfachsten Grundbedürfnisse des Lebens gefesselt waren. Les malheureux, die Unglücklichen, die im Verlauf der Französischen Revolution eine so gewaltige Rolle spielten und von ihr mit le peuple gleichgesetzt wurden, existierten in Amerika entweder nicht oder blieben völlig im Verborgenen.»

Privilegierte und Müssiggänger

Diese fundamentale Differenz hat in den Augen der Denkerin dazu geführt, dass die Französische Revolution tragisch im «terreur» scheiterte, während es der Amerikanischen Revolution gelang, ihre von Weissen formulierten Ziele zu erreichen. So unterschiedlich die Motive auch gewesen sein mögen – Unabhängigkeitskrieg versus Kampf um gleiche Rechte –, so lasse sich doch zeigen, dass die Saat für eine Revolution im System selbst angelegt sein muss.

«Eine Revolution ist gar nicht möglich, wenn die Autorität des Staatswesens intakt ist und man darauf vertrauen darf, dass die Streitkräfte der staatlichen Obrigkeit gehorchen.» Sie ist also keine notwendige, sondern eine mögliche Antwort auf den Niedergang eines Regimes. Die Rädelsführer selbst kommen oft nicht aus den Kreisen, die am meisten leiden, sondern sind Privilegierte und Müssiggänger, welche für Recht und Gerechtigkeit eintreten. Die Massen kommen erst später hinzu.

Mindestens so interessant wie die Ausführungen zu den sehr unterschiedlichen und deswegen nur bedingt vergleichbaren Revolutionen in der Alten und Neuen Welt sind Hannah Arendts Gedanken zur «Gebürtlichkeit» beziehungsweise Natalität. Sie weist hier wie schon in anderen Arbeiten auf ein in der Philosophiegeschichte kaum beachtetes und untersuchtes Phänomen hin: die Geburt. Was im Christentum in Schrift und Bild omnipräsent ist, war der männlich geprägten Philosophie bis heute kaum der Rede wert.

Hannah Arendt, selbst kinderlos geblieben, widmet sich in «Die Freiheit, frei zu sein» einer Art dritten Form von Revolution. Da politische Revolutionen zum Ziel haben, das Alte zu zerstören, um Platz für Neues zu schaffen, ist auch jede Geburt eine kleine Revolution: Mit Vergil beschwört Arendt die Göttlichkeit der Geburt und die Überzeugung, «wonach die potenzielle Rettung der Welt allein darin begründet liegt, dass sich die menschliche Gattung immer wieder und für immer erneuert.»

Wir sind Anfänge und Anfänger

Frei zu sein und etwas Neues zu beginnen, das ist für Hannah Arendt das Gleiche: «Diese geheimnisvolle menschliche Gabe, die Fähigkeit, etwas Neues anzufangen, hat offenkundig etwas damit zu tun, dass jeder von uns durch die Geburt als Neuankömmling in die Welt trat. Wir können etwas beginnen, weil wir Anfänge und damit Anfänger sind.» Dies habe man, wenngleich nicht explizit, bereits in der griechischen und römischen Antike gewusst, ist die Philosophin überzeugt. Wenn man bedenkt, welch hohen Stellenwert wir der Sterblichkeit des Menschen beimessen, so erstaunt es doch, dass der «Gebürtlichkeit», die als conditio sine qua non des Lebens gilt, so wenig Beachtung geschenkt wird.

Im Skizzieren solcher Spannungsbögen, die in der Geburt des Einzelnen einen Reflex, ja die ewige Wiederkehr menschheitshistorischer Neuanfänge erkennen, liegen die Stärken der Denkerin Hannah Arendt. Auch in ihren Werken über die totalitäre Herrschaft, die Banalität des Bösen oder die Vita activa analysierte sie subtil die Spurenelemente des Kollektiven im Individuellen. Im nun vorliegenden Essay «Die Freiheit, frei zu sein» verknüpft sie die nicht selbstbestimmte Geburt (Martin Heidegger, ihr Lehrer und Geliebter, sprach von «Geworfenheit») mit der Revolution und dem Versprechen, Neues zu wagen.

Wie Immanuel Kant in seinem Aufsatz «Was ist Aufklärung?» schrieb, führt der Weg des Menschen, wenn ihm die Freiheit denn gewährt wird, von der Fremd zur Selbstbestimmung. Hannah Arendt nimmt den Faden dieses anderen Königsbergers auf und spinnt ihn ins 20. Jahrhundert weiter. Es ist zu hoffen, dass die Neuentdeckung dieser Schrift dazu führen wird, dass die Gedanken zur Natalität des Menschen aufgenommen werden. Während Sterben und Tod unsere Aufmerksamkeit tagtäglich erregen, wird die Geburt weiterhin stiefmütterlich behandelt – und das, obwohl sie das Potenzial zu einer Revolution in sich trägt. Es heisst, das Private sei politisch – hier trifft es wirklich zu. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 14.01.2018, 12:05 Uhr

Die Freiheit, frei zu sein. Mit einem Nachwort von Thomas Meyer. Aus dem Englischen übersetzt von Andreas Wirthensohn. dtv-Verlagsgesellschaft, München 2018. 61 S, ca. 13 Fr.

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