«Jesus’ Art war alles andere als patriarchalisch»

Die Bibel kann Frauen aus starren Rollenmustern befreien. Wie, das zeigen Theologinnen mit ihrem Buch «Une bible des femmes».

Frauenfiguren werden in der Bibel oft so dargestellt, wie es für die Männer bequem sei, sagt Theologin Elisabeth Parmentier.

Frauenfiguren werden in der Bibel oft so dargestellt, wie es für die Männer bequem sei, sagt Theologin Elisabeth Parmentier.

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Frau Parmentier, zusammen mit anderen Theologinnen haben Sie die «Bibel der Frauen» geschrieben. Warum?
Die Bibel hat das Potenzial zur Befreiung der Frau. Bloss wissen das viele nicht. Viele Interpretationen stellen die Frau in ein schlechtes Licht – als Prostituierte, Dienerin, Tänzerin, als Unterdrückte. Wir bieten alternative, feministische Lesearten und Kommentare, präsentieren wissenschaftliche Resultate aus der Bibelforschung.

Das ist aber nichts Neues. Feministische Kommentare zu Bibeltexten gibt es schon lange.
Stimmt. Wir aber machen sie für Frauen zugänglich, die keine Spezialistinnen auf diesem Fachgebiet sind. Unser Buch soll existenzielle Hilfe bieten bei Themen wie Körper, Gewalt, Unfruchtbarkeit, Migration. Was sagt die Bibel heute dazu?

Und, was sagt sie dazu?
Dass die Standpunkte nicht immer so klar sind, wie viele meinen, die Rollen nicht immer so klar oder klassisch verteilt, die Frau nicht einfach untergeordnet.

Wo zum Beispiel?
Schauen wir uns Martha und Maria an. Jesus besucht die beiden Schwestern zu Hause. In diesem Zusammenhang wird das Verb «diakonia» als «bedienen» übersetzt. Die Frauen sollen Essen vorbereiten und zudienen. Doch «diakonia» kann auch als «Dienst» gelesen werden, die Frau, die einen Dienst als Diakonin leistet und damit also viel mehr macht, als bloss zu servieren.

Hatten die Frauen zu Zeiten Jesu also mehr Rechte, als man heute denken könnte?
Das kann man nicht genau sagen. Es könnte sein, dass Frauen in der damaligen Urgemeinde mehr Verantwortung hatten, als ihnen heute in der Kirche zugestanden wird.

War Jesus ein Feminist?
So weit würde ich nicht gehen. Wir können aber zeigen: Mit Jesus brach ein neues Zeitalter an. Seine Beziehung zu Frauen, die Art, wie er ihnen begegnete und mit ihnen sprach, war alles andere als patriarchalisch. In seinem Stammbaum kommen die «Ausländerinnen» vor, Raham, Tamar, Ruth und Batcheba. Zwei von ihnen waren Prostituierte, zwei waren Heidinnen. Es ist interessant zu sehen, dass diese Aussenseiterinnen mit Maria auftreten. Und es zeigt: So etwas wie einen reinen Stammbaum oder eine reine Lehre gibt es nicht. Der Plan Gottes findet seinen Weg, und das gerade mit besonderen Persönlichkeiten und ohne fixe moralische Modelle.

Und doch ging es zu Zeiten Jesu patriarchal zu und her, genauso wie in den folgenden Jahrhunderten.
Es geht nicht darum zu beweisen, ob etwas genau so war oder nicht. Es geht um eine moderne Adaption der Texte. Leider war es in der Vergangenheit oft so, dass die Kultur, in welche das Christentum und die Bibel eingebettet war, frauenfreundliche Interpretationen nicht zuliess. Das lag nicht im Interesse derjenigen, die in der Gesellschaft das Sagen hatten.

Das ist ja bis heute so, gerade in der Kirche.
Ja, die Realität ist patriarchal. In den Köpfen muss sich was bewegen. Die Bibel kann ein gefährliches Buch sein, wenn man sie beim Wort nimmt. Es ist wichtig, sie mit kritischem Geist zu lesen.

«Es gibt so viele Möglichkeiten, Frau zu sein, und viele Möglichkeiten, sich zu entfalten.»Elisabeth Permentier, Professorin

Was bringt die Bibel den Frauen von heute?
Heute sind Frauen vielen Modellen ausgesetzt: Sie sollen schön sein, sonst kriegen sie keinen Mann. Sie sollen sich selbst aufgeben und nur für die Familie da sein. Frauen sollen sich befreien von diesen Zwängen. Es gibt nicht «die Frau». Es sind Frauen mit verschiedenen Persönlichkeiten, mit Charisma. Es gibt so viele Möglichkeiten, Frau zu sein, und viele Möglichkeiten, sich zu entfalten. Das zeigt die Bibel, und das zeigen wir in unserem Buch.

Und wo bleiben die Männer?
Dasselbe gilt für die Männer! Es geht nicht nur darum, die Werte in den Köpfen der Frauen zu verändern. Die ganze Gesellschaft muss diese starren Muster überwinden.

Was sagt Ihr Buch zu #MeToo?
Einige Autorinnen haben die #MeToo-Debatte als Ausgangspunkte ihrer Buchkapitel genommen. Wir zeigen damit Solidarität über Grenzen hinweg. Frauen aus verschiedenen Ländern waren am Projekt beteiligt, auch aus Europa, Afrika, Kanada. Wir wollen mit unserem Buch eine grenzüberschreitende Botschaft zum Ausdruck bringen und Frauen ermächtigen, zu argumentieren: Die Bibel darf kein Instrument der Unterdrückung sein.

Wie waren die Reaktionen auf Ihr Buch?
Grossteils positiv. Gerade männliche Kollegen aus der Fakultät zeigten grosse Solidarität. Negative Reaktionen kamen vor allem aus fundamentalistischen Kreisen aus den USA – wie wir es wagen konnten, die Bibel neu zu schreiben. Dabei haben wir das mitnichten getan und wollen wir auch nicht. Aber wir möchten sie anders interpretieren und diskutieren. Mich hat es erstaunt, wie wenig man in diesen amerikanischen Kreisen offenbar über biblische Forschung weiss.

Welche ist für Sie persönlich eine starke feministische Botschaft aus der Bibel?
Der Galata-Brief. In diesem heisst es: Durch die Taufe Christi gibt es keine Unterschiede mehr zwischen Mann und Frau, zwischen den Religionen, zwischen Reichen und Sklaven. Alle sind gleich. Daraus lässt sich viel für die Partnerschaft zwischen Mann und Frau, aber auch jegliche anderen sozialen Beziehungen ziehen. (Redaktion Tamedia)

Erstellt: 28.11.2018, 19:18 Uhr

Bibel und Feminismus



Wie liest man die Bibel im 21. Jahrhundert? Wie denken Frauen über die Heilige Schrift? «Une bible des femmes» erschien diesen Oktober. Es ist eine Serie von Kommentaren über Bibelstellen, welche in den Augen der Autorinnen zur Unterwerfung der Frauen dienen. Die Autorinnen zeigen alternative, feministische Lesearten auf, die sich einer patriarchalen Auslegung entgegenstellen.

Frauen aus der Schweiz, Frankreich, Belgien, Deutschland, Kanada und afrikanischen Ländern waren am Projekt beteiligt, Katholikinnen und Protestantinnen. Initiiert wurde der Sammelband von zwei Genferinnen. Elisabeth Parmentier und Lauriane Saovy lehren an der Theologischen Fakultät der Universität Genf.

Elisabeth Parmentier



Elisabeth Parmentier ist Professorin an der Theologischen Fakultät der Universität Genf. Sie ist Mitherausgeberin und -autorin des Buches «Une bible des femmes».

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