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Jetzt kann jeder Rilkes Briefe lesen

Das Schweizerische Literaturarchiv hat alle Handschriften des Dichters Rainer Maria Rilke digitalisiert. Der Wissenschaft eröffnen sich neue Wege.

Rainer Maria Rilke (1875–1926), hier auf einer Skizze für ein Ölgemälde von Leonid Pasternak. Bild: DLA Marbach
Rainer Maria Rilke (1875–1926), hier auf einer Skizze für ein Ölgemälde von Leonid Pasternak. Bild: DLA Marbach

Die junge Basler Buchhändlerin hatte stets an das Wunder geglaubt, sie trug sogar einen Talisman zu diesem Zweck. Am 22. Dezember 1920 konnte Rainer Maria Rilke (1875–1926) Lisbeth Link in Basel die frohe Kunde eröffnen. «Die ­Zuflucht war da, die wirklich ganz ent­legene, ganz geschützte, unzugänglich feste, gleichmässige, an deren Existenz ich schon fast verzweifeln wollte.» Er ­bezog dank des Winterthurer Mäzens Werner Reinhart den Turm von Schloss Muzot ob Sierre; dort verbrachte er die letzten fünf Jahre seines Lebens und vollendete die «Duineser Elegien».

Der in fliessender, gleichmässiger Schrift verfasste Brief von Rilke an die junge Frau lässt sich nun als Faksimile von überall auf der Welt lesen, in ­digitalisierter Form auf der Plattform ­E-manuscripta.ch, zusammen mit 1490 anderen Handschriften Rilkes aus dem Nachlass im Schweizerischen Literaturarchiv (SLA). Total: 8500 digitalisierte Seiten. Genau genommen sind es 1350 Briefe, Postkarten und Telegramme, dazu ­Skizzen, Widmungen, Werkmanuskripte (darunter der zweite Teil des Manuskripts «Aufzeichnungen des Malte ­Laurids Brigge») sowie das Adressbuch des Dichters.

«Es ist der erste Nachlass, den wir ­online stellen, dabei beschränken wir uns vorerst auf den innersten Bestand», sagt Franziska Kolp, im SLA als Kuratorin für den Rilke-Nachlass zuständig, «das heisst, es sind noch keine Briefe an Rilke aufgeschaltet». Urheberrechts­fragen erübrigten sich, die Werke sind seit Ende 1996, 70 Jahre nach Rilkes Tod, frei (demnächst werden die im SLA liegenden Nachlässe von Friedrich Glauser und Hugo Ball online gestellt).

Die Farbe des Couverts

Seine Korrespondenz betrachtete Rilke nicht als blosses Mittel zum Informationsaustausch, im Gegenteil: Sie war für ihn integraler Teil des Werks. «Bei Rilke sind in den Briefen die Grenzen fliessend zwischen persönlich-biografischen Mitteilungen und künstlerischem Ausdruck», sagt Irmgard Wirtz, die Leiterin des Schweizerischen Literaturarchivs. Franziska Kolp ergänzt: «Rilke brauchte eine bestimmte Atmosphäre zum Schreiben und bekannte einmal, seine Feder sei dieselbe, ob er nun Briefe schreibe oder Gedichte.»

Es gebe sogar Forscher, wirft Irmgard Wirtz schmunzelnd ein, die darüber mutmassen, ob die von Rilke gewählte Farbe des Couverts und die Entscheidung für liniertes oder nicht liniertes Papier Aufschluss über den literarischen Anspruch des Geschriebenen geben könnten. «Das finde ich dann doch ­etwas überzogen. Ich bezweifele, dass Rilke immer das richtige Briefpapier zur Hand hatte.»

Tatsache ist: Testamentarisch gab Rilke die Anweisung, alle seine Briefe zu veröffentlichen. Und der Dichter war ein ausserordentlich fleissiger Briefeschreiber, die Schätzungen gehen gegen 10 000 Episteln. Genau lässt sich die Zahl nicht festlegen, da die Briefe über die ganze Welt verstreut sind. Festhalten kann man hingegen, dass immerhin rund ein Siebtel aller Briefe Rilkes im SLA liegen.

«Ein grosses Gespräch»

Das Schweizerische Rilke-Archiv gehört neben dem Archiv der Familie, dem ­Rilke-Bestand im Deutschen Literaturarchiv in Marbach und der Rilke-Sammlung in Harvard zu den bedeutendsten Rilke-Sammelstätten weltweit. Durch eine grosszügige Schenkung (allein über 450 Briefe des Dichters) von Nanny Wunderly-Volkart, die Rilke seit 1919 als Vertraute und Mäzenin eng verbunden war, wurde 1951 die Voraussetzung für die Gründung des Rilke-Archivs geschaffen.

Die Digitalisierung von Rilkes Handschriften ist eine Pioniertat. Neue Briefe sind zwar nicht darunter, aber Rilke-­Forscher können die Onlineplattform nun als Nachschlagewerk benutzen, während sie zuvor meist unter Zeitdruck die klassische Archivarbeit vor Ort betrieben. «Das Finderglück hat zugenommen», sagt Irmgard Wirtz.

Testamentarisch gab der fleissige Schreiber Rilke die Anweisung, alle seine Briefe zu veröffentlichen.

Werden andere Rilke-Archive nachziehen? «Das Deutsche Literaturarchiv in Marbach, das selber rund 2000 Rilke-Briefe hat, wollte eine Gemeinschafts­lösung», sagt Wirtz. «Bern hat jetzt den ersten Schritt gemacht, die Bestände kann man später einmal online ver­binden und auch weitere integrieren.» Blosse Hoffnung sei indes, dass sich auch private Archive und Sammler anschliessen. Durch die Ausstellung «Rilke und Russland» habe sich jedoch eine gute Zusammenarbeit mit diversen ­Privatarchiven ergeben, die Grundlage für eine weitere Zusammenarbeit werden könne.

Für die nächste Generation

Die unterschiedlichen Haltungen der Privatarchive und des Schweizer Literaturarchivs springen ins Auge: eine «Blackbox» auf der einen Seite, eine «Open-Access»-Strategie auf der anderen. Für die Forschung ergeben sich mit der Digitalisierung der Rilke-Handschriften neue Möglichkeiten. Der Gewinn ­besteht vor allem darin, dass sie die Briefe nun für Kommentare nutzen kann. Etliche Briefwechsel Rilkes liegen zwar in Papierform vor, aber in den ­digitalen «Massendokumenten» lassen sich neue Zusammenhänge und Bezüge erkennen sowie Details überprüfen. Früher habe man dazu als hoch spezialisierter Forscher in Archive steigen oder gedruckte Gesamtausgaben konsultieren müssen.

Seine Korrespondenz war für Rilke nicht bloss ein Mittel zum Informationsaustausch. Sie war Teil seines Werks.

«Die nächste Generation von Rilke-Forschern wird von Anfang an mit der digitalen Textbasis und mit anderen Instrumenten arbeiten», ist Irmgard Wirtz überzeugt. Auch die Präsentation werde anders: Ist eine Volltext­suche in den Dokumenten möglich, kann man einzelne Schlagwörter eingeben und braucht kein Glossar mehr bei Editionen.

Kollegen zusammenführen

Die SLA-Leiterin erwähnt ein Projekt der Universität Basel im Bereich «Netzwerkforschung», welches an der Rilke-­Tagung Ende September vorgestellt wird. Auch beim von Rilke verehrten Dichter Hugo von Hofmannsthal sei das grosse Briefwerk Teil de Œuvres. Der ­gedruckte Briefwechsel 1899–1925 ­erschien 1978 im Suhrkamp-Verlag. Eine digitale Edition von Hofmannsthals ­Briefen würde, so Wirtz, diese Kollegen indes noch enger zusammenführen und ein «grosses Gespräch» sichtbar machen. «Das ergibt neue Suchmöglich­keiten», sagt Irmgard Wirtz, «auf die ich selber gespannt bin.»

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