Josefine Mutzenbacher – eine Dirne, wie sie im Buche steht

Wer schrieb die berühmte Lebensbeichte der Wiener Prostituierten wirklich? Einer der Verdächtigen: der Autor von «Bambi».

Josephine Mutzenbacher, wie sie auf dem Cover eines Hörbuchs vorgestellt wird.

Josephine Mutzenbacher, wie sie auf dem Cover eines Hörbuchs vorgestellt wird.

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Das Treiben, das ein bis heute unbekannter Autor sich vor mehr als hundert Jahren ausmalte, ist nicht anders als frivol und obszön zu nennen. So sehr, dass sich die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften noch 1982 veranlasst sah, die literarische Education sexuelle auf den Index zu setzen. Wo sie sich auch nach mehreren Folge-Prozessen heute noch befindet. Die Urteilsbegründung in Kürze: ausführliche Schilderung und kritiklose Verherrlichung des sexuellen Kindesmissbrauchs.

Die Rede ist von der angeblichen Lebensbeichte der Josefine «Pepi» Mutzenbacher, der berühmtesten Dirne mindestens der deutschsprachigen Literatur. «Einsam» und «verblüht» blickt sie ohne jede Reue stolz auf ihre Kinderjahre zwischen sieben und dreizehn zurück. Von unermüdlicher Entdeckerfreude angespornt, erlernt sie erst mit dem Bruder und den Nachbarskindern, dann mit allerlei Erwachsenen vom Geistlichen bis zum eigenen Vater alles, was in ihrem späteren Metier als Hure von Nöten sein wird.

Geschrieben, um die Leser anzutörnen

«Meine Kindheitserinnerungen, so wechselvoll und bewegt sie sein mögen, sie sind mir haften geblieben (...) Schliesslich sind es Kindheitserinnerungen, wenn auch freilich sehr geschlechtlich und sehr wenig kindlich.»

Die autobiografische Fiktion, mit der der Autor seine «Josefine» ummäntelt hat, kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass wir es mit einer Männerfantasie zu tun haben, geschrieben, um die Leser anzutörnen; die gleichzeitig aber auch die Bigotterie der k. u. k.-Monarchie und ihrer Institutionen, allen voran der Kirche, entlarvt. Dem Kooperator Mayer, bei dem Josefine zur Beichte geht, werden die Worte in den Mund gelegt: «Ach Gott, ach Gott, mein Kind... Todsünden... Todsünden... Da muss ich alles wissen, hörst du? Alles!»

Rasche Szenenwechsel, demaskierende Dialoge

Kein Wunder also, dass sich der Verfasser nie zu seinem anstössigen Werk bekannt hat, das 1906 als Privatdruck erst unter dem Titel «Josefine Mutzenbacher. Der Roman einer Wiener Hure» und wenig später als «Josefine Mutzenbacher. Die Lebensgeschichte einer wienerischen Dirne von ihr selbst erzählt» erschien. Auf der Suche nach dem anonymen Autor konzentrierte man sich früh auf den Literatenkreis Jung-Wien, zu dessen Mitgliedern Hermann Bahr, Arthur Schnitzler, Hugo von Hofmannsthal und Felix Salten zählten.

Ein illustrer Schriftsteller und kein drittklassiger Schmierfink soll also die Mutzenbacherin zum Leben erweckt haben? Was zunächst verwundert, wird bei näherer Betrachtung verständlich. Das Buch, in dem uns von der selbstbewussten Erzählerin mit grossem Vergnügen das Eine in immer neuer (Stellungs-)Abfolge präsentiert wird, offenbart literarische Qualitäten: rasche Szenenwechsel, demaskierende Dialoge, genaue Milieuschilderung. Allein die Eingangspassage würde man in einem pornografischen Werk nicht erwarten: «Mein Vater war ein blutarmer Sattlergehilfe, der in einem Geschäft in der Josefstadt arbeitete. Wir wohnten ganz weit draussen in Ottakring, in einem damals neuen Hause, einer Zinskaserne, die von oben bis unten mit armen Leuten angefüllt war.»

Der besondere Stil führte den Schriftsteller und Sprachtheoretiker Oswald Wiener in seinen klein geschriebenen «Beiträgen zur Ädöologie des Wienerischen« in der Rogner & Bernhard-Ausgabe des Buches aus den Sechzigerjahren, zur Feststellung, die überwiegend horizontal verlaufende Lebensgeschichte sei der «einzige sogenannte pornographische Roman eines deutschsprachigen Autors, den man zur Weltliteratur rechnen muss».

Von «aufhubbfn« bis «weddsn»

Sodann listet er in seinem Glossar der Zeugungsteile den Wortreichtum der Wiener auf, die allein für den Geschlechtsakt mehr als 200 Worte von «aufhubbfn» bis «weddsn» kennen. Es war die Zeit von Freuds «Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie», und die Jung-Wiener redeten sich in den Cafés die Köpfe heiss. Anna Ehrlich erwähnt in ihrer Geschichte der Prostitution, dass der Roman das «Resultat einer Kaffeehauswette gewesen sein soll». Wenn das zutrifft, wissen wir immer noch nicht, wer da wen herausforderte.

Der Germanist Ulrich Weinzierl wiederum weiss in seinem Beitrag für Marcel Reich-Ranickis «Romane von gestern - heute gelesen», dass das Deutsche Anonymen-Lexikon von 1909 Felix Salten und Arthur Schnitzler als Urheber anführte. Ein späterer Nachtragsband allerdings kennt dann nur mehr Salten.

Felix Salten kannte als Vorstadtbub das Milieu, in dem die Heldin zugange ist.

Schnitzler, dem Autor des skandalumtosten «Reigen», würde man die Autorschaft sofort zutrauen, und viele tun es bis heute. Doch sprechen die Indizien mehr für Felix Salten, den 1869 in Budapest geborenen und in der Wiener Vorstadt gross gewordenen Journalisten, Romancier und Kabarett-Gründer. Aber Salten ist auch Verfasser von «Bambi», was den gehässigen Karl Kraus beim Erscheinen im Jahr 1923 veranlasste, über den «Rehsodomiten» herzuziehen. Aber auch befreundete Kollegen wie Stefan Zweig hatten Salten in Verdacht.

Was noch für diesen spricht: Er kannte als Vorstadtbub das Milieu, in dem die Heldin zugange ist. In diesem Sinn argumentiert auch der Schriftsteller Doron Rabinovici, wenn er sich festlegt: «Salten berichtet (...) von den Elendsvierteln der expandierenden Donaumetropole. Hier wurden Halbwüchsige ungeniert ausgebeutet. Inzest und Kindersex waren nicht verfolgt, sondern verbreitet; ein offenes Geheimnis. In der Mutzenbacher wird es enthüllt.»

Der Roman erfuhr wesentlich später mit «Meine 365 Liebhaber» und «Peperl Mutzenbacher» zwei Fortsetzungen. Auch hier kennt man die Autoren nicht. Weil diese aber literarisch vollkommen unergiebige Pornografie fabrizierten, wurde auch zu keiner Zeit nach ihnen gefahndet.

Erstellt: 20.06.2017, 10:53 Uhr

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