Kabelsalat im Kopf

Sieben Jahre nach ihrem Buchpreis-Erfolg «Tauben fliegen auf» legt Melinda Nadj Abonji einen neuen Roman vor. Ein schmales, sanftes, schönes Buch.

Melinda Nadj Abonji Mitte September im Sphères in Zürich. Foto: Paolo Dutto

Melinda Nadj Abonji Mitte September im Sphères in Zürich. Foto: Paolo Dutto

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Wer hat den grössten internationalen Literaturpreis-Erfolg für die Schweiz erzielt, nach Adolf Muschgs Büchner-Preis 1994? Es war Melinda Nadj Abonji, die mit «Tauben fliegen auf» den Deutschen Buchpreis gewann. Das war 2010 und ist auch schon wieder sieben Jahre her. Lange mussten Schweizer Literaturfreunde auf das neue Buch der aus der Wojwodina (Ex-Jugoslawien) stammenden Autorin warten. Jetzt ist es da, erschienen in ihrem neuen Verlag Suhrkamp: ein schmaler Roman mit dem Titel «Schildkrötensoldat».

Darin kehrt Melinda Nadj Abonji in ihre Herkunftsregion und die Zeit der Auflösungskriege 1991/92 zurück. Sie erzählt die Geschichte von Zoltan, genannt Zoli, der den Anforderungen dieser Welt, einer männlichen, gewalttätigen «Kultur», nicht genügt.

Eine Aussenseiterfigur wie Woyzeck

Zoltan ist ein Armer im Geiste, dessen ganze Liebe den Blumen und den Tieren gilt. Auffällig an ihm sind seine himmelblauen Augen, für die seine Cousine Anna vergeblich nach einem passenden Vergleich sucht. Ihr fällt nur auf, «dass alles in Zolis Augen hineinfloss, ungehindert, ungefiltert», und so ist die Welt, die sich aus diesem Hineingeflossenen bildet, eine Welt für sich. Wir Leser erhalten einen privilegierten Zugang zu ihr, weil Zoli uns unmittelbar mitteilt, was er wahrnimmt, fühlt und denkt («Schildkrötensoldat» war ursprünglich ein Theatermonolog).

Für seine Umgebung hingegen hat Zoli bloss «Kabelsalat im Kopf». Eine Aussenseiterfigur also wie Büchners Woyzeck, und wie dieser erweist sich an seinem Nieder- und Untergang unsere Welt als heillos, ersteht aus seinem Ungenügen wiederum eine ganz eigene, fremde Schönheit.

Nach der Schule («ein Hindernis aus Zahlen und Buchstaben») scheitert eine Bäckerlehre an seiner Begriffsstutzigkeit. Der Bäcker rammt ihm in Rage über sein Ungeschick den Ellenbogen an die Schläfe, mit bleibenden Schäden. Die Eltern, als Roma ausgegrenzt, hatten ganz auf des Sohnes Aufstieg gesetzt: «Mein Vater hätte sein Zigeunerblut an meinem weissen Beruf abgewaschen.» Nun soll das Militär doch noch etwas aus ihm machen: «Die trainieren dich fit!», versucht die Mutter den ängstlichen Sohn aufzumuntern, «und du wirst ein richtiger Mann.»

Zur Schlachtreife trainiert

Das Militär trainiert ihn aber bloss für die «Schlachtreife», denn nicht weit von der Kaserne liegt Vukovar, die Front. Dorthin gelangt Zoli gar nicht mehr; schon die Ausbildung macht ihn fertig. Er ist ständigen Schikanen von Vorgesetzten und Kameraden ausgesetzt, und dann wird auch noch sein Freund Jenö, der «Fettsack», bei einem Gewaltmarsch in den Tod getrieben. Zoli folgt ihm bald nach; ausgemustert und invalid, erstickt er bei einem epileptischen Anfall.

Der Krieg, das Töten und Getötetwerden, erscheint im Roman als Grundlage dieser Gesellschaft, hilflos erlitten von Zoli, hellsichtig analysiert von Jenö, der das aktuelle Schlachten als direkte Fortsetzung des Ersten Weltkriegs begreift und von Müttern weiss, die ihren Kindern zwischen Wiegenliedern vom Pfählen erzählen. Aus dieser Gewaltkultur ist kein Entkommen. Auch Zolis Mutter bedauert am Tod des missratenen Sohnes vor allem, dass er nicht in der Kaserne geschah, denn dann hätte es wenigstens eine «richtige Zeremonie» gegeben.

Nur eine Person trauert um Zoli: seine Cousine und Kindheitsfreundin Anna, die zweite Erzählstimme des Romans. Ihr erscheint der Tote im Traum, im Tagtraum, in der Fantasie, immer wieder, und so reist sie aus Zürich in die Wojwodina, sucht die engherzigen Eltern und, vergeblich, die Kaserne auf. «Ich möchte wissen, wann das Sterben begonnen hat, deshalb bin ich hier», sagt sie und bettet die Tragödie des Cousins in die Fehlentwicklung einer ganzen Zivilisation ein, die vom Kult des Männlichen und dem Militarismus bis zum Christentum reicht, der Religion, die den Opfertod glorifiziert.

Kinder und Narren sagen die Wahrheit – das Prinzip hat sich schon oft als literarisch fruchtbar erwiesen.

Aus Anna spricht zweifellos die Autorin, aber Anna ist es auch, die den toten Zoli zum Sprechen bringt, zu einer ungleich poetischeren Sprache, deren Wunder, Wirren und Weisheit man sich als Leser unbefangen und beglückt hingeben kann. Kinder und Narren sagen die Wahrheit – das Prinzip hat sich schon in vielen Romanen als literarisch fruchtbar erwiesen. So auch hier. Und stärker als die grundsätzlich-abstrakte Abrechnung mit einem Denk- und Gesellschaftssystem überzeugt die Anschauung: eines besonderen Menschen, der in diesem System unter die Räder kommt. Und mit ihm eine ganze, friedliche, poetische und versponnene Welt.

In dieser Welt ist das «Glück eine Luke, aus der man an einem warmen Tag den Kopf herausstreckt». Und in der es «das Schönste ist, einen Apfel, der in den Dreck gefallen ist, aufzuheben, den Dreck in aller Sorgfalt, von allen Seiten von ihm abzureiben, bis der Apfel einen Glanz hat wie ein windstiller See».

Diese versponnene Welt hat Melinda Nadj Abonji für uns gerettet – oder erfunden. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 06.10.2017, 16:42 Uhr

Buch

Melinda Nadj Abonji: Schildkrötensoldat. Roman. Suhrkamp-Verlag , Berlin 2017. 174 S., ca. 28 Fr. Lesung 27. 10., 20 Uhr, im Kosmos Zürich.

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