Kairo, nach der Revolution

«Snooker in Kairo», das Meisterwerk des ägyptischen Autors Waguih Ghali, ist ein halbes Jahrhundert nach seiner Entstehung endlich auf Deutsch zu lesen. Vieles klingt erstaunlich aktuell.

Als die Caddies der golfenden ägyptischen Oberschicht noch Kamele ritten: Entspannter Zeitvertreib vor der Cheopspyramide im Jahr 1950. Foto: Pictorial Parade, Getty Images

Als die Caddies der golfenden ägyptischen Oberschicht noch Kamele ritten: Entspannter Zeitvertreib vor der Cheopspyramide im Jahr 1950. Foto: Pictorial Parade, Getty Images

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Gerade hat sich Ägyptens Machthaber Abdel Fattah al-Sisi im Amt bestätigen lassen, in einer Wahlfarce. Al-Sisi regiert mit harter Hand, härter noch als Hosni Mubarak, der 2011 vom Volk gestürzt wurde. Vom Arabischen Frühling sind nur enttäuschte Hoffnungen geblieben.

Von der Enttäuschung nach einer anderen Revolution erzählt «Snooker in Kairo» von Waguih Ghali, 1964 erschienen, längst zum modernen Klassiker geworden, für manche der beste Roman der ägyptischen Literatur, unverständlicherweise erst jetzt ins Deutsche übertragen. Protagonisten der Erhebung von 2011 sollen sich von ihm inspiriert haben, heisst es; plausibler ist die Analogie zur postrevolutionären Depression.

Ghalis Revolution ist die von Gamal Abdel Nasser, der 1952 König Faruk vom Thron putschte. Statt Demokratie und Sozialismus gab es eine neue Machtclique: die Militärs, die bis heute das Land beherrschen und seine Wirtschaft stärker unterworfen haben denn je.

Kommunist und Ausbeuter

Das «Snooker» im Titel bezieht sich auf eine Spielart des Billards. Wenn der direkte Weg zu einer Kugel blockiert ist, dann ist der Spieler «gesnookered». Das kann man auch von Ram sagen, dem Helden und Ich-Erzähler des Romans. Ram ist in mehrfacher Hinsicht in einer unmöglichen Lage. Er ist Ägypter, kennt aber sein Volk nicht und spricht ein lausiges Arabisch. Er stammt aus der Oberschicht, gehört aber einem verarmten Zweig an und lebt von der Gunst seiner Tante – oder von besser betuchten Freunden, die ihm die Cocktails bezahlen. Ram ist Kommunist, aber Teil und Nutzniesser eines ausbeuterischen Systems. Er ist schliesslich durchtränkt von englischer Bildung und Bewunderer Englands, das er zugleich als Kolonialmacht hassen muss.

Aus diesem vierfachen Widerspruch ergibt sich ein zerrüttetes Bewusstsein, das nie zu Balance und Identität findet. Ram schwankt zwischen Überheblichkeit und Selbsthass, zwischen Anpassung und Aggression, Vergnügungssucht und Depression. Dazu kommt, dass er sich fast zwanghaft selbst beobachtet und beurteilt, was aber nicht zu einer klaren Analyse führt, sondern zu einer fortwährenden Spannung entlang dieser Widerspruchslinien, einem ständigen Polwechsel.

Die Tante wirft ihn raus

Mit Ram hat Ghali also einen überaus komplexen Helden geschaffen, der sowohl als Typus – desillusionierter Angehöriger einer Oberschicht, deren Tage gezählt sind – wie auch als Individuum für eine fesselnde und amüsante Lektüre sorgt. Der Leser kann zwar nicht umhin, den Erzähler seinerseits zu bewerten: als Tunichtgut, Schmarotzer, Macho und Jämmerling; aber er verfällt dann doch seinem Scharfblick, seinem Sarkasmus, seiner Radikalität und nicht zuletzt seinem Sinn für groteske Szenen.

Gleich am Anfang versucht Ram seine Tante anzupumpen; die unterzeichnet gerade Schenkungspapiere an die Fellachen; in Wirklichkeit verkauft sie das Land für einen guten Preis. Für Ram hat sie nur Klagen über den gestiegenen Brotpreis übrig; der geht darauf ein, indem er ihr ironische Spartipps gibt: Wo sie aus der Strassenbahn abspringen soll, um den Kontrolleur zu umgehen! Natürlich wirft ihn die Tante raus.

Die Dynamik der Verachtung

Rams Wandlung vom Nichtsnutz zum politisch denkenden Menschen mit unglücklichem Bewusstsein vollzieht sich in London; seine Freundin Edna hat ihm und seinem Freund Font Reise und Aufenthalt spendiert. In London kehrt sich die Verachtungsdynamik gegen ihn; hier ist er der Underdog, der demütigende Zurückweisungen auf dem Passamt erlebt und die gönnerhafte Haltung einer linksliberalen Familie, die ihn einlädt, genau durchschaut.

Ein feuchtfröhlicher Abend (bei Ghali wird immer viel getrunken) mit Steve, einem gerade vom Einsatz am Suezkanal zurückgekehrten britischen Soldaten, produziert eine Szene von beissender Komik. Steve hält den beiden Freunden vor, ja auch «für sie» gekämpft zu haben, und fügt hinzu: «Ihr wisst ja, wie die Kanaken sind.» Als man ihn darauf hinweist, dass die Ägypter das Schimpfwort ja auf sich beziehen könnten, stammelt er verlegen, eigentlich schuld an der Sache seien ja «die verdammten Juden». Voll in den Fettnapf: Edna ist Jüdin. In einem weiteren Streit hält Vincent, ein englischer Arbeiter, Ram seine Klassenzugehörigkeit vor; Ram, der gern grosse Reden schwingt, erklärt Vincent umgekehrt, als Engländer sei er ja Angehöriger eines Oberschichtvolks.

Faszination und Melancholie

Es geht in diesem Roman also auch immer um Kollektive, um Zugehörigkeit und Zurechenbarkeit, um Klassen und Rassen; umgekehrt laufen die Trennlinien durch jeden Einzelnen hindurch und machen es ihm unmöglich, sich als Individuum zu erleben und zu kons­truieren. Ghalis Roman widerlegt durch die Praxis den Existenzialismus eines Sartre, wonach jeder ist, was er aus sich macht.

Waguih Ghalis eigener Fall ist um einiges düsterer als der seines ihm in vielem sehr ähnlichen Helden, dem sein Sinn für Situationskomik immer wieder aus der Misere hilft. Wie Ram stammt Ghali aus einer koptischen (also christlichen) Familie, wie er ist er englisch bildungssozialisiert («Snooker in Kairo» hat er auch auf Englisch geschrieben), wie er Kommunist.

Um nicht ins Gefängnis zu kommen, verlässt Ghali 1958 Ägypten. Er schlägt sich in England und in Deutschland als Fabrikarbeiter durch, trinkt viel, hat einen hohen Frauenverschleiss, wechselt zwischen manischen und depressiven Phasen und beginnt zu schreiben: Tagebücher, Artikel für den «Guardian» und diesen Roman, der sein einziger bleiben wird. In «Snooker in Kairo» gelingt es ihm, das, was ihn zerreisst, auf einen Helden mit Sinn für Ironie, Theatralik und schwarzem Humor zu übertragen und ein literarisches Meisterwerk zu schaffen. Sein eigenes Leben gelingt ihm nicht. Nach London zurückgekehrt, stirbt Waguih Ghali 1969 an einer Überdosis Schlaftabletten in der Wohnung einer Freundin.

Das internationale Kairo

Man liest «Snooker in Kairo» mit Faszination und Bewunderung, aber auch mit leiser Melancholie. Denn Waguih Ghalis Roman hält ein Kairo fest, das es nicht mehr gibt. In dem die Mütter den Zeiten im «pensionnat» nachtrauern und ihre Reden mit französischen Wendungen würzen (leider ist die Übersetzerin weder hier noch beim Konjunktiv sattelfest). Das Kairo der 1950er-Jahre ist eine internationale, tolerante Stadt, in der im Groppi’s oder im Snooker Club Armenier und Ägypter, Kopten, Muslime und Juden miteinander trinken, spielen und streiten, ohne dass die Religion zu Gewalt führt – ja ohne dass sie überhaupt eine Rolle spielt.

Vom Islam als politischer Kraft ist noch nichts zu spüren. Wohl aber von politischer Repression: Ram arbeitet heimlich einer Organisation zu, die Folterungen und Morde in staatlichen Konzentrationslagern dokumentiert. Er kauft Polizisten Bilder ab, die diese von den Opfern gemacht haben: «Ich werde das schreckliche Gefühl nicht los, dass die Aufnahmen weniger blutrünstig wären, wenn wir nicht dafür bezahlen würden.» Einmal schickt Ram Kopien der Folterbilder an verschiedene Zeitungen – keine will sie drucken. Da sind sich die Verhältnisse von 1958 und von 2018 nun wieder sehr ähnlich.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 09.04.2018, 18:30 Uhr

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Waguih Ghali

Snooker in Kairo. Roman.

Aus dem Englischen von Maria Hummitzsch. C. H. Beck, München 2018. 254S., ca. 28Fr.

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