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Kalte Welt, fröstelnde Lektüre

Die Maigret-Krimis verdecken, was für ein grossartiger Schriftsteller Georges Simenon ist. Dies machen neue Ausgaben und Übersetzungen klar – wie etwa «Der Schnee war schmutzig».

Pfeife rauchender Vielschreiber: Georges Simenon in den 50er-Jahren im Navigli-Viertel in Mailand. Foto: Emilio Ronchini (Mondadori, Getty Images)
Pfeife rauchender Vielschreiber: Georges Simenon in den 50er-Jahren im Navigli-Viertel in Mailand. Foto: Emilio Ronchini (Mondadori, Getty Images)

Eine Stadt im Winter. Eine besetzte Stadt. Die Besetzten frieren und leiden Hunger. Auch die Moral leidet. Viele ertragen die Besatzung irgendwie, andere arrangieren sich, profitieren, machen Geschäfte.

Stadt, Land und Jahr werden nicht genannt. Es könnte Frankreich unter deutscher Besatzung sein, wie Georges Simenon es erlebt hat, der die Jahre 1940 bis 1945 in den Departements Vendée und Charente Maritime verbrachte. Wo er politisch stand, bleibt diffus; die Résistance beargwöhnte ihn ebenso wie die Gestapo (die in ihm, Simenon = Simon, einen Juden vermutete). Nach dem Sieg der Alliierten ging er in die USA, in Tucson, Arizona, schrieb er 1948, in knapp drei Wochen, den Roman «La neige était sale», eines seiner grossartigsten Bücher, einen Roman darüber, was eine Besatzung mit einem Land und seinen Menschen macht.

Abscheuliches Verbrechen

Jean-Paul Sartre hat rückblickend die Okkupation als Zeit der Freiheit bezeichnet, weil man klare Entscheidungen treffen musste. Simenon weiss es besser: Die Okkupation führt gerade nicht zu Klärung, sondern zu moralischer Diffusion und Korruption. «Eine Besatzung ist schlimmer als der Krieg selbst», hat er anlässlich einer Theateraufführung geschrieben, «weil sie viel mehr Schmutz aufwirbelt, weil sie Misstrauen und Hass erzeugt, deren Stempel dem Volk für lange Zeit aufgedrückt ist.» Der Schmutz steht im Titel des Romans, wie der Schnee, der von ihm kontaminiert wird, ein diskretes Symbol, wie es Simenon liebt.

In einem schäbigen Mietshaus in der Rue verte betreibt Lotte ein illegales Bordell. Ihre Mädchen sind zwischen 16 und 18 Jahre alt, sie werden nach einem Monat ausgewechselt, denn die Kundschaft verlangt nach «Frischfleisch». Zur Kundschaft gehören auch Besatzungsoffiziere. Einer von ihnen wird eines Nachts von Frank erstochen, Lottes 18-jährigem Sohn, der sich in den Cafés des Viertels herumtreibt und für selbstverständlich hält, dass ihm Lottes Mädchen zur Verfügung stehen.

Frank will nicht mehr «der kleine Frank» sein, er sucht Anerkennung, und die findet er in seinem Milieu durch kriminelle Energie und Kaltblütigkeit. Dem ersten Mord folgt bald ein zweiter. Ein weiteres Verbrechen begeht er an Sissy, der 16-jährigen Tochter des Strassenbahnschaffners Holst, der auf demselben Stock wohnt. Sissy hat sich in Frank verguckt, und als sie bereit ist, mit ihm zu schlafen, tritt dieser im Dunklen seinen Platz an Kromer ab, einen brutalen Gewohnheitsverbrecher, und lauscht nebenan.

Warum tut er das? Zum einen, um seine völlige Skrupellosigkeit unter Beweis zu stellen. «Jetzt hat er sich seinen Platz erworben» – in einer Welt, die alles in ihr Gegenteil verkehrt hat. Frank tut es aber aus noch einem anderen Grund, den keine Küchen- und auch keine klassische Romanpsychologie erklären kann: Er will die Aufmerksamkeit von Sissys Vater Holst erregen, und sei es durch diese Untat.

Simenon führt uns in eine Welt des Mangels und des Neides, der Grausamkeit und der Gleichgültigkeit mit knappen Worten und einfachen Sätzen. Die Kälte, die das Leben der Besetzten bestimmt, ist auch in seine Prosa gekrochen und lässt die Leser frösteln. Der Autor bleibt ganz nahe bei seinem Helden, dem es an Führung und Orientierung fehlt; nur eine Ahnung hat er von einer anderen Welt, für die Holst, ein entlassener Kunstkritiker steht. Simenon vollzieht Franks konfuses Fühlen und Denken nach, ohne zu urteilen. Die Lebenserfahrung und Gelassenheit eines Autors, der viel gesehen hat, zeigt sich in den gezielt gesetzten Details – und in einer unglaublichen Wendung.

Beim Sex bespitzelt

Frank hatte durch Kromer einen «grünen Ausweis» bekommen, der ihn scheinbar unantastbar macht, ihn aber auch als Günstling der Besatzungsmacht ausweist. Die Feindseligkeit der Hausnachbarn steigert das nur noch, denen ohnehin die Essensdüfte aus Lottes Küche in die Nase stechen. Aber dann ist es die Besatzungsmacht, die den «collabo» schliesslich einkassiert; wegen eines Verbrechens, das er gar nicht begangen hat.

Im zweiten Teil steht der Roman still, ist die Handlung ganz ins Innere verlegt. Frank wird verhört, meist aber in Ruhe gelassen. Die Untätigkeit führt zum Ungewohnten: zum Nachdenken. Franks künstlich-cooles Ganoven-Ich zerbröckelt, so wie die Dramaturgie des Romans versandet. Was tritt an ihre Stelle? Ein Wunder, wie es nur in der Literatur geschieht – und dort, weil wir nicht an Wunder glauben, besonders schwer plausibel zu machen ist. Sissy und ihr Vater, denen er das Schlimmste angetan hat, besuchen Frank, und für einen Moment bilden sie so etwas wie die Illusion einer Familie: Vater, Sohn, Geliebte.

Dann ist der Moment vorbei. Aber er reicht für ein ganzes Leben: «Er hat nur das. Er wird nur das gehabt haben. Das ist alles für ihn. Davor war nichts, und danach wird nichts mehr sein.» Die ins Endlose gedehnte Zeit zieht sich zu einem Augenblick höchster Intensität zusammen. Danach können sie ihn gern erschiessen; er ist mit sich im Reinen.

Simenons Sätze beschränken sich auf das Notwendige, Wortschatz und Syntax sind auf das Minimum reduziert.

Das Leben der anderen wird ohne ihn weitergehen: Lotte wird ihr Bordell weiter betreiben, mit neuen Mädchen; so wollen es die Besatzer, die ihre eigenen Offiziere beim Sex bespitzeln.

Simenon führt uns in eine Welt, in der nicht nur der Schnee schmutzig ist, auch die Strassen und Cafés, die Betten und die Seelen. Der Schmutz ist die zentrale, wenn auch unaufdringliche Metapher des Romans, der fast ganz auf das poetische Instrumentarium verzichtet. «Den Dingen nicht mehr Bedeutung beilegen, als sie haben», diese Devise Franks ist auch die seines Schöpfers. So wie die Menschen mit Überleben beschäftigt sind, beschränken sich Simenons Sätze auf das Notwendige, Wortschatz und Syntax sind auf das Minimum reduziert. Gerade in dieser Beschränktheit wirkt die Spannung zwischen Verbrechen und Erlösung wie eine Explosion.

Wer bei der Lektüre des Romans an Albert Camus’ «L'Etranger» denkt oder an andere existenzialistische Parabeln, liegt nicht falsch. Aber während Camus’ Platz im Pantheon der Literatur unumstritten ist, steht Simenon, der Mann der 250 Romane, der 600 Millionen verkauften Exemplare, im Ruf eines Vielschreibers, der, Quantität schlägt auf Qualität durch, deshalb nicht gut sein kann. Ausserdem hat seine erfolgreichste Erfindung, der pfeifenrauchende Kommissar Maigret, einen Vorhang vor den bedeutenderen Teil seines Werkes gezogen.

Warm anziehen, bitte

Ein idealer Anlass, diesen Vorhang zurückzuziehen und den Blick auf die «romans durs» zu wenden, wie «Der Schnee war schmutzig» oder auch «Chez Krull» über Ausgrenzung und Fremdenfeindlichkeit, ist die grosse Simenon-Ausgabe beim Zürcher Kampa-Verlag (gemeinsam mit Hoffmann?&?Campe). Gleich neun der «harten» Romane sind in diesem Herbst bereits erschienen. «Der Schnee war schmutzig» gehört auch für Kenner des Gesamtwerkes zu den allerbesten. Aber der Leser muss sich warm anziehen für diese kalte, graue und gleichgültige Welt.

Georges Simenon: Der Schnee war schmutzig. Roman. Aus dem Französischen von Kristian Wachinger. Nachwort von Daniel Kehlmann. Kampa, Zürich 2018. 316 S., ca. 32 Fr.

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