Killer-Teenager unterwegs im US-Hinterland

Krimi der Woche: «Dodgers», der Erstling des US-Autors Bill Beverly, ist eine berührende Coming-of-Age-Geschichte im Gewand eines spannenden Noir-Thrillers.

Für «Dodgers» wurde Beverly mehrfach ausgezeichnet, ja sogar mit John Steinbeck verglichen.

Für «Dodgers» wurde Beverly mehrfach ausgezeichnet, ja sogar mit John Steinbeck verglichen. Bild: Olive Beverly

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Der erste Satz

Die Jungs kannten nur The Boxes; für sie gab es nichts anderes.

Das Buch
East ist 15-jährig, und sein Job ist das Aufpassen vor einem Drogenhaus in Los Angeles. «Seine lange Karriere als Beobachter – ein paar Jahre waren in The Boxes schon eine lange Karriere – hatte ihn zu dem gemacht, der er war. Er verbrachte seine Zeit damit zu beobachten, um zu verhindern, dass etwas passierte.» Die Razzia der Polizei kann er nicht verhindern. Danach schickt ihn der Drogenboss Fin nach Wisconsin, um einen Zeugen zu erschiessen, der gegen die Gang aussagen soll. Mit von der Partie sind Easts hitzköpfiger 13-jährige Bruder Ty, der bereits ein Killer ist, der schlaue 17-jährige Walter und, mit 20 der älteste, der Witzbold Michael.

So finden sich vier sehr unterschiedliche junge Afroamerikaner in einem Auto auf einer langen Fahrt Richtung Osten durch ein Amerika, das sie nicht kennen. «Dodgers», der mehrfach ausgezeichnete erste Roman des US-Autors Bill Beverly, scheint zunächst eine Road-Trip-Geschichte zu sein, die das amerikanische Hinterland durch die Augen eines Teenagers zeigt, der bisher nur seine Hood in L.A. gesehen hat. Doch auf dieser Fahrt, bei der, für den Leser wenig überraschend, nicht alles so läuft, wie geplant, greift die Geschichte bald viel tiefer. Immer mehr geht es um allgemeingültige Themen wie Familie, Loyalität, Selbstbestimmung und persönliche Verantwortung, mit denen sich East zwangsläufig auseinandersetzen muss. Und statt zu einem schrägen «Roadmovie» wird «Dodgers» zu einem berührenden Coming-of-Age-Roman, der so gekonnt erzählt ist, dass er bei seinem Erscheinen vor zwei Jahren von Kritikern in den USA mit klassischen Meisterwerken wir «Der Fänger im Roggen» von J. D. Salinger oder «Jenseits von Eden» von John Steinbeck verglichen wurde.

Bill Beverly zeigt in seinem Erstling mit Empathie und auch mit Witz die Welt aus der Perspektive eines Teenagers, der seinen Weg ins Erwachsenenalter finden muss. «Dodgers» ist damit alles andere als ein konventioneller Kriminalroman, aber spannend ist dieses brillante Noir-Stück trotzdem. Wer den Krimi als Rätselspiel mag, bei dem am Ende die Welt wieder in Ordnung ist, wird hier nicht bedient.

Aus dem Quartett, das durch die krisengeschüttelte US-Provinz unterwegs ist, wird bald ein Trio, später ein Duo, und dann ist East ganz auf sich selbst gestellt und muss selbst entscheiden, wie sein Leben weitergehen soll. Der Titel des Romans übrigens bezieht sich auf die T-Shirts des berühmten Baseballteams, welche die Jungs auf ihrem Trip tragen, denn: «Weisse mögen Baseball. Weisse mögen die Dodgers.»

Die Wertung

Der Autor
Bill (William) Beverly, geboren 1965 in Kalamazoo im Südwesten von Michigan, studierte amerikanische Literatur am Oberlin College und an der University of Florida. Seine Forschungsarbeit über die Geschichten über flüchtige Kriminelle veröffentlichte er 2003 unter dem Titel «On the Lam: Narratives of Flight in J. Edgar Hoover’s America» (University Press of Mississippi). 2003 bis 2012 wirkte er als Redaktor bei der von Mississippi gegründeten Lyrikzeitschrift «32 Poems Magazine» mit. «Dodgers» ist Beverlys erster Roman. An der Trinity University in Washington DC unterrichtet er amerikanische Literatur und kreatives Schreiben. Er lebt mit seiner Frau, der Schriftstellerin Deborah Ager, in Hyattsville, Maryland.

Bill Beverly: «Dodgers» (Original: «Dodgers», Crown Publishers, New York 2016). Aus dem Englischen von Hans M. Herzog. Diogenes, Zürich 2018. 397 Seiten, ca. 32 Fr.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 03.10.2018, 13:27 Uhr

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