«Kinder spüren, dass sie Erfolg haben sollen»

Schriftstellerin Juli Zeh kritisiert, dass Eltern ihre Kinder zu Leistungsegozentrikern erziehen würden.

Versagensängste sollten Eltern nicht auf ihre Kinder übertragen, sagt Schriftstellerin Juli Zeh. Foto: maximimages/Alamy

Versagensängste sollten Eltern nicht auf ihre Kinder übertragen, sagt Schriftstellerin Juli Zeh. Foto: maximimages/Alamy

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In Ihrem Buch «Leere Herzen» heisst es: «Eltern ersetzten durch das Kinderhaben alles, was ihnen verloren gegangen ist: Politik, Religion, Gemeinschaftsgefühl und der Glaube an eine bessere Welt.» Ein starker Vorwurf.
Ja, das ist eine zugespitzte Zeitdiagnose. Wenn ich unsere Generation der Eltern heute betrachte, kommt es mir so vor, als ob man kapitulieren würde vor dem Ansatz, als Gemeinschaft die Probleme der Welt angehen oder sogar lösen zu können. Stattdessen zieht man sich ins Private zurück. Und steckt alle Kraft in die Kinder. Das wiederum kann für die Kinder nur schiefgehen.

Warum?
Es geht um diese absurde moderne ­Vorstellung, dass wir komplett selbst ­dafür verantwortlich sind, wo im Leben wir landen. «Jeder ist seines Glückes Schmied» heisst es. Damit gilt auch die Kehrseite: «Wer kein Glück hat, war einfach kein guter Schmied.» Wenn es mir gut geht, habe ich alles richtig gemacht. Wenn es mir nicht gut geht, muss ich was falsch gemacht haben. Das ist die Grundannahme, auf der wir uns permanent selbst optimieren und bestrafen. Das überträgt man dann auf die Kinder.

Und die werden dadurch zu Egozen­trikern?
Sie werden sich jedenfalls nicht leichttun, aus der Optimierungsfalle wieder herauszukommen. Man stellt das Kind in den Mittelpunkt, glotzt die ganze Zeit drauf, zupft rum, bewertet, evaluiert. Und bürdet den Kindern gleichzeitig etwas auf: Mama ist traurig, wenn du nicht Geige spielst oder keine guten Noten hast. Das muss nicht so explizit gesagt werden, aber Kinder spüren trotzdem die Botschaft: Wenn du als mein Kind ­erfolgreich bist, dann sind auch deine Eltern glücklich, und alles ist gut. Über diese Ich-Fokussierung soll dann ein ­Gemeinschaftsglück hergestellt werden. Aber das wird nicht funktionieren. Es sind nicht alle glücklich, wenn ein Einzelner oder eine einzelne Familie erfolgreich ist. Alle sind glücklich, wenn sich alle umeinander kümmern.

Ihre eigenen Kinder sind drei und fünf Jahre alt. Wie erziehen Sie?
Ich mag das Wort Erziehung nicht, weil das so klingt, als gäbe es ein Ziel, auf das man hinarbeiten muss. Genau das will ich nicht. Ich versuche, meinen Kindern offen und ehrlich alle Fragen zu beantworten, die sie an die Welt haben. Und sie darin zu unterstützen, eine Haltung zu dieser Welt zu entwickeln. Haltung wiederum ist in meinen Augen etwas, das man Kindern nicht erklären, sondern nur vorleben kann.

Wo zeigen Sie als Mutter Haltung?
Im Grunde buchstäblich bei jedem Schritt. Dabei ist mir die Unterscheidung zwischen Haltung und Dogmatismus wichtig. Ich selbst zum Beispiel trete nicht auf kleine Tiere am Boden. Wenn ich herumlaufe, achte ich darauf und setze einen Käfer oder eine Raupe notfalls an die Seite. Natürlich bekommt mein Sohn bei vielen anderen Kindern mit, dass sie Tiere aus Spass totmachen. Dann fragt er mich, ob das okay ist oder nicht. Und dann ist es für mich wichtig zu sagen, dass i c h es nicht okay finde. Ich sage nicht, dass e s sich nicht gehört oder: « D u darfst das nicht.» Das I c h lässt grundsätzlich offen, wie er es selbst machen will. Ich versuche zu transportieren, dass man eine Haltung zur Welt nicht deshalb hat, weil ein unbekanntes E s sie vorgibt, sondern weil man die aus sich selbst heraus entwickeln kann.

Wurden Sie selbst auch so erzogen?
Mein Vater arbeitete in der Verwaltung des Bundestags in Bonn, und es ging viel um Politik. Ich konnte meine Eltern ­immer alles fragen, und so gebe ich das auch an meine Kinder weiter: Stelle deine Fragen, und ich versuche sie zu beantworten. Ich nehme dich ernst. Ich erzähle keinen Mist, nur weil du ein Kind bist. Jede Frage ist erlaubt. Und darum geht es ja am Ende: dass Kinder ein Gefühl der Teilhabe entwickeln.

Wie meinen Sie das?
Ganz einfach: Ich lebe in einem Land, in dem passieren Dinge, die gehen mich auch was an. Umgekehrt: Was mir passiert, das geht auch die anderen was an.

Und das sehen viele Eltern heute nicht mehr?
Das geht nicht nur Eltern so, und man kann es dem Einzelnen auch nicht vorwerfen. Denn die Entwicklung weg von der Schicksalsgläubigkeit hin zur Leistungsegozentrik ist ja grösser. Sie ist in gewisser Weise auch eine Folge von was sehr Gutem, nämlich der Aufklärung und der Idee, den Menschen in den Mittelpunkt zu stellen. Dass das ganze Weltgebäude nun auf den Schultern jedes Einzelnen lastet, ist eine Nebenwirkung dieser grossen gesellschaftlichen Idee.

Wo beobachten Sie das heute?
Ein Beispiel: Wenn man sich schon bei der Auswahl der Kita damit beschäftigt, welche optimal für die Entwicklung des Kindes sein wird, hat man das gesamte Leistungsdenken bereits voll verinnerlicht. Man glaubt, selbst verantwortlich dafür zu sein, dass mit dem Kind nichts schiefgeht im Sinne der Optimierung.

Was hat das damit zu tun, wie aus einem Kind ein sozialer Mensch wird?
Ich fürchte: sehr viel. Je mehr man die Bedingungen optimiert, desto grösser werden die Versagensängste. Ängste aber sind kein guter Motor für Gemeinschaft. Wer aus Ängsten handelt, betreibt permanente Fehlervermeidung. Statt sich zu überlegen, wie es anderen Leuten geht oder welche Haltung er zur Welt einnehmen will.

Aber Ängste werden nun stärker, sobald man Kinder hat, oder?
Ich glaube, es gibt verschiedene Formen von Angst. Was sicher neu ist, sobald man ein Kind hat, ist diese Urangst, dass dem Kind etwas zustossen könnte. Oder einem selbst, als Mutter. Bei der Urangst geht es um Bedrohungen von aussen. Bei der Versagensangst aber geht es um das eigene Selbst. Ich finde es so schrecklich, wenn sich das aufs Kind überträgt! Erstens die Idee, dass das Kind gewissermassen Produkt der Entscheidungen seiner Eltern sei. Und zweitens die permanente Bedrohung, nicht mithalten zu können. Das ist Gift. Gegen Versagensangst sollte man sich wappnen.

Aber wie?
Es kann schon helfen, sich der ganzen Lage bewusst zu werden. Und sich die Reflexe abtrainieren, auf keinen Fall Fehler machen zu wollen, alles ab­sichern zu wollen, für alles vorsorgen zu wollen. Wenn man merkt, diese Panik wallt in einem auf – Stecker ziehen und sagen: Komm runter, du bist nur ein Mensch. Du hast nichts unter Kontrolle, und morgen kann alles schon wieder ganz anders aussehen.

Das klingt so leicht . . .
. . . aber das ist es nicht. Vor allem auch, weil wir heute ganz anders versuchen, auf Kinder einzugehen als früher. Meine Eltern waren viel strenger als ich. Meine Kinder tanzen mir oft auf der Nase herum, und das nervt mich, aber es entspricht mir nicht, sie dann einfach zu disziplinieren. Ich versuche, auf die Bedürfnisse meiner Kinder einzugehen und sie entsprechend zu behandeln. Das heisst dann öfter eben auch mal Chaos.

Hinter der Disziplinierung früherer Zeiten könnte auch die Idee gesteckt haben, in einem Gemeinwesen Rücksicht aufeinander zu nehmen.
Absolut. Für mich sind Höflichkeit, Rücksicht und Respekt zentrale Werte. Ich will nicht, dass meine Kinder die Füsse auf den Tisch legen, einfach weil sie gerade Lust dazu haben. Aber die Frage ist: Wie erreicht man das sogenannte gute Benehmen? Brülle ich die Kinder an? Oder versuche ich, meine eigene Haltung vorzuleben und gleichzeitig immer wieder die Grenze aufzuzeigen, hinter der ich Dinge nicht mehr ertragen kann? Das Anbrüllen ist vergleichsweise einfach. Das Vorleben verlangt enorme Kraft.

Angenommen, Ihr Sohn wäre zehn Jahre älter. Fänden Sie es schlimm, wenn er mit den Ideen der AfD liebäugeln würde?
Ich fände es schlimmer, wenn er sich gar nicht politisch interessieren würde. Wobei ich ihm auch das nicht zum Vorwurf machen würde, das ist ja seine Entscheidung. Aber ich selbst hätte halt mehr Lust, mit ihm über die AfD zu diskutieren als gar nicht. Zumal ich dann den Verdacht hätte, dass er sich auch für ­vieles an­dere nicht interessiert, und das fände ich jammerschade. Man verliert dadurch ja auch so viel Lebensfreude.

Dürfen Ihre Kinder mit Waffen spielen?
Ich würde sogar sagen: Mein Sohn spielt fast ausschliesslich mit Waffen.

Zielt er auch auf Menschen?
Ja klar, macht ja sonst keinen Spass. Unsere Kinder sind recht klassisch, was das Geschlechterverhalten angeht: Sie spielt mit Puppen und er mit Waffen.

Woher kommt die klassische Rollenverteilung bei den beiden?
Das weiss ich nicht. Aber sie ist eine Tatsache. Kaum hatte unser Sohn einen Stock in der Hand, wurde damit in der Luft herumgefuchtelt und Schwert gespielt. Ich glaube nicht, dass man Kindern oder der Welt etwas Gutes tut, indem man so etwas unterbindet. Es geht darum, einen Umgang mit alledem zu finden. Und das kann man am Thema Waffen natürlich hervor­ragend üben. Die Grenze verläuft zwischen Spiel und Wirklichkeit. Mit dem Schwert zu spielen, ist in Ordnung, jemanden wirklich zu hauen aber nicht.

Welche Einstellung zur Zukunft wollen Sie den Kindern vermitteln?
Wir müssen dankbar sein für das viele Wun­der­­bare, das wir in diesem Teil der Welt geniessen. Wir dürfen nicht verächtlich auf die Demokratie und ihre Errungenschaften schauen, sondern müssen immer wieder mit ganzem Herzen dazu stehen. Dafür brauchen wir Achtsamkeit gegenüber anderen Wesen: Menschen, aber auch Tieren. Es geht ums Teilen, ums Abgeben, darum, eine Balance zu finden, was andere brauchen, was man selbst braucht. Letztlich ist das höchste Ziel immer die Fähigkeit, zusammen zu sein. Mit anderen Menschen.

Sind Sie optimistisch, was die Zukunft betrifft?
Immer. Ich weiss gar nicht, wie man als Pessimist morgens aufstehen soll. Und ich finde es entlastend, sich klarzu­machen, dass wir nicht wissen, was die Zukunft bringt. Alles kann jederzeit ­passieren, und wir können es nicht vorhersehen. Wir können nur lernen, zu uns selbst zu stehen.

Und daraus folgt kein Fatalismus?
Auf keinen Fall. Die Antwort auf un­sere existenzielle Unsicherheit ist Gegenwartsliebe. Es ist die einzige Antwort. Aber auch eine sehr gute.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 14.01.2018, 22:45 Uhr

Juli Zeh


Die Schriftstellerin lebt mit ihrem Mann, einem fünfjährigen Sohn und einer dreijährigen Tochter in einem kleinen Dorf im Havelland.

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