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«Kindern ist nichts zu schwierig»

Der Illustrator Nikolaus Heidelbach über neugierige Kinder, erwachsene Bedenkenträger und wie seine Karriere in einer Kölner Kneipe begann.

Marie Schmidt
Bei Nikolaus Heidelbach fangen die Bilder an zu sprechen: «Ausschnitt aus Alma und Oma im Museum».
Bei Nikolaus Heidelbach fangen die Bilder an zu sprechen: «Ausschnitt aus Alma und Oma im Museum».

Manchmal legt sich ein Film über die Welt und sie sieht aus, wie von Nikolaus Heidelbach gezeichnet. Nur die grossen Illustratoren schaffen das, die Dinge so zu zeigen, dass man sie auch in der Wirklichkeit anders sieht. Bei Heidelbach sind es die listigen, aufmerksamen Seitenblicke seiner Figuren. Manchmal auch komische Grössenunterschiede zwischen zwei Wesen. Die Verlorenheit einer Gestalt in bombastischen Landschaften. Details, von denen etwas Beunruhigendes ausgeht in diesen Bildern, die oberflächlich idyllisch wirken in ihren prächtigen Farben, geometrisch stimmigen Proportionen, mit den ligne-claire-haften, runden Gesichtern und Gliedern seiner Figuren.

Genau kann man nie erkennen, woher das Unheimliche in seinen Zeichnungen kommt. Totenköpfe, Fratzen und Ungeheuer, das offensichtlich Gruselige, wirkt darin eher karnevalesk. Jedenfalls haben diese Bilder etwas schwebend Hintergründiges, und daran kann es nur liegen, dass Heidelbach nicht noch berühmter ist für seine Kunst. Weil seine doppelten Böden die in Kinderbüchern dominierende Harmlosigkeit untergraben, und weil Erwachsene glauben, keine Bilderbücher lesen zu müssen, nimmt er eine merkwürdige Zwischenstellung zwischen den Genres ein. Und ist genau da wahnsinnig produktiv. Allein dieses Jahr sind vier Bücher mit seinen Illustrationen erschienen.

An Werktagen zwischen neun Uhr morgens und sechs Uhr abends sitzt Heidelbach am Schreibtisch in seinem kleinen Studio in einer ruhigen Kölner Wohnstrasse. Vor sich eine schräge Zeichenfläche, rechts ein Aquarellkasten, linkerhand ein Fenster, da sieht er den Dachfirst gegenüber und den Turm der Sankt Bonifatius-Kirche. Wenn man dort klingelt, kocht er Tee und fängt an zu erzählen.

Allein auf der Weltkugel: Illustration zu Michael Köhlmeiers «Märchen».
Allein auf der Weltkugel: Illustration zu Michael Köhlmeiers «Märchen».

Etwa vom Märchenbuch des österreichischen Schriftstellers Michael Köhlmeier, das er gerade illustriert hat. 150 Kunstmärchen in fester Reihenfolge. Jede Geschichte habe er mindestens drei Mal gelesen. Dann haben sich an der Wand gegenüber seines Schreibtisches die Zeichnungen aneinander gereiht. Jedes Märchen ein Motiv, manchmal nur eine Vignette, manchmal eine ganze Seite. Der Rhythmus, die Abwechslung seien entscheidend für so ein Buch, sagt Heidelbach: «Ausserdem kommen da über dreissig Teufel vor. Und Köhlmeier schreibt ganz am Anfang, dass der Teufel nie in der gleichen Gestalt kommt. Also muss ich mir dreissig Teufel ausdenken, die sich auch steigern.»

Rote Teufel, grüne Teufel, elegante und lumpige Teufel, kleine Teufel, grobe Teufel, bei näherem Hinsehen alle irgendwie auch gequälte Kreaturen. Und es stimmt, in Köhlmeiers Märchen ist der Teufel nie «der ganz Andere» ist, sondern eher ein Spiegel der Menschen, ein Verhandlungspartner, der ihre Gier herausbringt, sie ihre Möglichkeiten überschätzen lässt.

Köhlmeier und Heidelbach sind beide Künstler mit Sinn für das kleine Grauen in der grossen Normalität und damit ein ideales Gespann für so einen modernen Hausschatz. Der Schriftsteller hat in Radio und Fernsehen klassische Märchen nacherzählt, und dann begonnen, die Form mit eigenen Geschichten zu füllen. So belebt er das Märchen als Kunstform wieder. Wie in den Volksmärchen sind fantastische Elemente in seinen Märchen Hilfskonstrukte. Ihre eigentlichen Motive sind existenzielle Grundformen des Neids, der Grausamkeit und Hinterlist oder der Fürsorge und Güte. Ihr zentrales Stilmittel ist die Mündlichkeit, eine väterliche Stimme meldet sich ab und zu, versichert: «So war das, genau so».

Von Nikolaus Heidelbach wiederum gibt es Bücher mit wundervollen Illustrationen zu Märchen aus aller Welt, Märchen der Brüder Grimm und von Hans-Christian Andersen. Köhlmeier schaffe etwas, sagt der Zeichner anerkennend, das zum Märchenerzählen unbedingt gehöre: «Man muss alles zulassen». Heidelbach zitiert Dürrenmatt: Eine Geschichte sei erst zu Ende gedacht, wenn sie ihre schlimmstmögliche Wendung genommen hat. «Man muss das aushalten, eisern zu Ende zu erzählen, was vorne angelegt ist.»

Reihe mit Wiglaf Droste und Vincent Klink

Der Zeichner ist ein enorm reflektierter Leser. Wobei er unerschrockene Urteile trifft: «Wer es nicht innerhalb von zwei oder drei Seiten schafft, mehr zu erzählen, als das was da steht, interessiert mich nicht.» Und er liest viel, ist ein bekanntermassen Anhänger von Arno Schmidt, bewundert Vladimir Nabokov und Martin Mosebach und weiss über die Gegenwartsliteratur Bescheid.

Aufgewachsen ist Nikolaus Heidelbach, geboren 1955, in Braubach am Rhein als eines von fünf Geschwistern. Sein Vater Karl Heidelbach war Maler im Stil der Neuen Sachlichkeit, dem aus unerfindlichen Gründen der ganz grosse Erfolg verwehrt blieb. Nikolaus wuchs mit Bildern auf, alle Geschwister zeichneten, aber nur er blieb dabei. Früh habe es ihn zu den Cartoonisten gezogen, erinnert er sich, «gleichzeitig wollte ich ein anerkannter Künstler werden, unter Dürer habe ich es nicht gemacht». Sein Vater habe diese Einbildung ironisch und bestimmt korrigiert. Als er anfing, mit Bildern komische Geschichten zu erzählen, erkannte der Vater sein Talent: «Da mach weiter».

Der Vater erkannte sein Talent: Nikolaus Heidelbach. Foto: Uwe Zucchi (Keystone)
Der Vater erkannte sein Talent: Nikolaus Heidelbach. Foto: Uwe Zucchi (Keystone)

Aus einer grossen Truhe in seinem Arbeitszimmer holt Heidelbach Frühwerke, Bilderbögen, manche mit Bildunterschriften in eckigen Buchstaben. Darunter «Eine Dreiecksgeschichte», sie beginnt mit einem Mann mit Hut und kugelrunden Augen: «Als der Junggeselle Gustav Sandhaus eines Abends in seine Wohnung zurückkehrte, überraschte ihn ein ungewohnter Anblick» – Schwenk auf ein sehr plüschiges Wohnzimmermöbel: «Auf seinem Sessel lag ein kleiner Akt von vollendeter Schönheit und begrüsste ihn freundlich.»

«Diesem Blatt», sagt Heidelbach, «verdanke ich meine Karriere». Mit Anfang zwanzig hatte er die Dreiecksgeschichte in einer Kneipe in Köln ausgestellt. Eine Kollegin seiner Mutter, die in einer Filmfirma arbeitete, kaufte sie und hängte sie in ihr Schlafzimmer. «In dieses Schlafzimmer muss irgendwann Ernst Brücher, der Verleger von Dumont, gekommen sein», sagt Heidelbach. Mit einer Auswahl seiner Zeichnungen wurde er im Verlag in der Kölner Breiten Strasse vorstellig. «Der Verleger ging auf Strümpfen wie ein Storch zwischen diesen Blättern lang, setzte sich, zündete eine Zigarette an und fragte: ‹Welches Buch wollen wir zuerst machen?›»

Später ergaben sich ähnlich enge Beziehungen zu den Verlegern von Beltz & Gelberg und des Haffmans Verlags. Keine Chance, Heidelbachs Werk, das sich seitdem angesammelt hat, zusammenzufassen. Da sind seine Illustrationen zu Geschichten von Christiane Nöstlinger, Siegfried Lenz, Paul Maar und anderen. Die Reihe, die er mit Wiglaf Droste und Vincent Klink gemacht hat: «Wurst», «Wein», «Weihnachten» und andere Titel mit Texten und Bildern. Die Märchen und natürlich die vielen Kinderbücher.

2019 ist neben Köhlmeiers Märchen das Bilderbuch «Alma und Oma im Museum» erschienen. Die versierte Grossmutter darin kann in die Bilder im Walraff-Richartz-Museum schlüpfen und sie der Enkelin von innen heraus erklären. Bei diesem Buch hat er mit Hilfe seines Sohnes zum ersten Mal digital gearbeitet, um alte Meister und seine Zeichnungen ineinander zu montieren. Ein Überraschungserfolg wurde ein kleiner Band der Übersetzerin und Autorin Sofia Blind mit dem Titel «Wörter, die es nicht auf Hochdeutsch gibt», dazu Ende des Jahres noch ein Buch mit Weihnachtsgeschichten und passenden Heidelbach-Motiven im Zürcher Kampa-Verlag.

Auf die Frage, was Kindern zuzumuten sei, reagiert Heidelbach routiniert gereizt. In seinen Büchern widerfährt Kindern nicht nur Gutes, und sie haben auch nicht nur Harmloses im Sinn. Ein Klassiker seiner umstrittensten Bilder stammt aus dem Band «Was machen die Jungs?», einem Alphabet der Vornamen und Beschäftigungen kleiner Buben. Darunter «Uwe übt». Das Bild zeigt einen Friedhof, auf dem sich Uwe neben einer Grabplatte ein Rechteck aus Zweiglein abgesteckt hat, auf dem er liegt und tot sein übt. Bekannt ist auch der Fall von Heidelbachs Kinderbuch «Rosel von Melaten», das mit dem Satz beginnt: «Vor einiger Zeit warf in unserer Stadt nach einem Ehestreit ein Vater seine kleine Tochter aus dem Fenster.» Beltz & Gelberg wollte das nicht drucken.

Heidelbach hat also einige Erfahrung mit ängstlichen Erwachsenen: «Die Borniertheit, mit der sich Kindern gegenüber verhalten wird, geht mir immer mehr auf die Nerven. Da wird argumentiert, als seien Kinder ästhetisch behindert. Dabei will ich das Bild erstmal sehen, vor dem ein Kind kapituliert. Das gibt es nicht, Kinder gehen weg und es interessiert sie nicht, aber es ist ihnen nichts zu schwierig.»

Und das ist vielleicht das entscheidende Heidelbach-Geheimnis: Dass die Freiheit, sich ohne Vorbehalte faszinieren zu lassen, Erwachsene verunsichert, während sie Kindern ganz selbstverständlich ist. Und diese Freiheit sieht man seinen Bildern mit den Jahren immer deutlicher an.

Von Nikolaus Heidelbach illustrierte Bücher (Auswahl):

Sofia Blind: Wörter, die es nicht auf Hochdeutsch gibt. Mit Illustrationen von Nikolaus Heidelbach. Dumont, Köln 2019. 111 S., ca. 28 Fr.

Céleste Blum (Hg.): Nichts als Weihnachten im Kopf. Illustriert von Nikolaus Heidelbach. Kampa, Zürich 2019. 224 S., ca. 36 Fr.

Nikolaus Heidelbach: Alma und Oma im Museum. Beltz & Gelberg, Weinheim 2019. 42 S., ca. 25 Fr.

Michael Köhlmeier: Die Märchen. Mit Bildern von Nikolaus Heidelbach. Hanser, München 2019. 806 S., ca. 80 Fr.

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