«Lasst euch nichts gefallen!»

Der Kinderbuchautor Janosch wird 85. Der Erfinder der Tigerente über seine schwere Kindheit und die Quellen seiner Kunst.

An Kindern hat er Freude, von den Erwachsenen hält er eher wenig: Kinderbuch-Kultautor Janosch. Foto: Roland Weihrauch (dpa)

An Kindern hat er Freude, von den Erwachsenen hält er eher wenig: Kinderbuch-Kultautor Janosch. Foto: Roland Weihrauch (dpa)

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«Post für den Tiger», eines seiner schönsten Kinderbücher, ist eine wunderbare Geschichte über die Notwendigkeit, miteinander zu reden. Janosch selbst ist ein eher schwieriger Gesprächspartner. Zur polnischen Germanistin Angela Bajorek aber hat er über die letzten Jahre ein Vertrauensverhältnis aufgebaut. Ihr hat er in Hunderten E-Mails und einigen Gesprächen zu Hause auf Teneriffa sein Leben erzählt. Bajorek hat auf Basis dieses Austausches nun eine erste Janosch-Biografie geschrieben. Den Band beschliesst ein langes Interview, aus dem wir hier einen Auszug drucken.

Ihre Bücher strahlen Lebensfreude aus. Sind Sie ein geborener Optimist?
Von Geburt bin ich ein Unglücksmensch. Mein Vater war jeden Tag besoffen, meine Mutter nicht intelligent genug, um ein Kind zu behandeln. Optimist bin ich erst später geworden. War viel Arbeit daran. Nach dem gesunden Menschenverstand ist Optimismus nicht möglich. Es ist eine Illusion, aber eine gute Illusion ist besser als die Realität. Ein gütiger Gott ist auch eine Illusion, aber sie hilft durch das Leben.

Ihre Kindheit im Bergarbeitermilieu Oberschlesiens war von Prügel, Alkohol und Spott geprägt. Sind die Kindergeschichten ein Gegengift dafür?
Exakt so. Ich musste diese Erlebnisse mit Alkohol betäuben, wegschieben, damit die Restzellen im Kopf das Denken übernahmen. Nur – das Wegräumen der Erinnerungszellen funktioniert nicht. Das Erinnerungsmagazin, der Müll bleibt. Wenn man starke Schmerzen im Bein hat, ist es schwer, sie zu ignorieren.

An was aus Ihrer schweren Kindheit erinnern Sie sich am liebsten?
Am liebsten war mir der alte Mann Gresok, den ich in meinem Roman «Cholonek» beschrieben habe. Es gab ihn wirklich. Wenn meine Grossmutter Essen übrig hatte, welches sie hätte wegwerfen müssen, weil es verschimmelt oder zu hart war, stellte sie es dem Gresok vor die Tür: «Der kann das noch essen.» Das war für mich sehr schlimm. Gresok war aber immer glücklich und konnte sich unendlich freuen. Die Deutschen haben ihn getötet.

Was möchten Sie von dieser Zeit vergessen?
Vergessen möchte ich alles, was ich über den Katholizismus weiss. Ich hatte eine intensive jesuitische Schulung und habe später in München lange am katholischen Christentum herumstudiert, bei Romano Guardini. Ich wollte alles wissen, weil ich mich entsetzlich vor Gott und seiner Hölle fürchtete. Jetzt weiss ich fast alles über die Kirchengeschichte, ein 2000 Jahre andauerndes Verbrechen. Würde man in Polen die Kirchensteuer wieder einführen, würden mehr als 50 Prozent der Katholiken die Religion sofort verlassen.

Fühlen Sie sich wegen Ihrer schweren Kindheit behindert?
Nein, ich halte mich für begünstigt. Ich kann jetzt mehr ertragen. Zuvor dachte ich das Gegenteil, aber manches braucht seine Zeit, um es zu begreifen.

Was haben Sie aus den Fehlern Ihrer Eltern gelernt?
Dass man in dieser Welt keine Kinder zeugen soll.

Dabei lieben Sie doch Kinder.
Ich reagiere auf Kinder mit viel Freude. Ich muss sie immer am Kopf berühren.

In Ihren Büchern pflegen Sie Werte wie Familie, Freundschaft und Bescheidenheit. Streichen Sie diese Werte als Autor heraus, weil Sie sie selbst nie kennen gelernt haben?
Ja. Ich suchte immer alles das, weil es in meiner Familie nicht vorkam, wie einen Rettungsring.

In Ihren Büchern spürt man oft den Sinn für auch schwarzen Humor. Wo liegt seine Quelle?
Die Quelle ist die Verzweiflung am Leben. Schwarzer Humor kommt auf, weil das Unheil ein ewiger Begleiter ist. Man ist gut dran, wenn man das nicht weiss. Oder so lange singt, bis man es vergisst. Das Unheil geht immer neben uns und wartet nur darauf zuzuschlagen. Man kann immer zufällig sterben, beliebig von Gott oder vom Staat getötet werden. Oder verhungern. Wenn es dann so weit ist und es keine Rettung mehr gibt, ist die einzige Hilfe: lachen über Gott und seine Bestialität und ein wenig singen.

Was war Ihre Motivation zum Bücherschreiben im Jahre 1960?
Ich wollte ohne Arbeit Geld verdienen. Ich dachte, dass es so geht. Ging nicht.

Wie sind Ihre Bücher entstanden?
Ich musste zwei bis drei kleine Gläser Whisky oder Cognac oder ein grösseres Glas Cuba libre trinken und mit dem Verstand aus meinem Kopf aussteigen. Und was sich von dort von alleine in meine Schreibmaschine schrieb, war dann das Werk. Ich denke, ein Geist oder Gott schrieb meine Bücher an meiner Stelle. Ich konnte 40 Jahre lang keinen Tag ohne Alkohol leben. Nach 45 solchen Büchern musste ich mit dem Alkohol aufhören. Ich glaube, danach schrieb Gott meine Bücher allein. Jetzt ist alles vorbei, kein Schnaps und kein Gott mehr. Vorbei.

Sie haben mit dem Schreiben aufgehört. Wie sieht heute Ihr Tag aus?
Immer Hängematte.

Welche Botschaft wollten Sie mit Ihren Kinderbüchern vermitteln?
Lasst euch nichts gefallen. Eltern muss man nicht verehren, wenn sie saufen. Glaubt den meisten Erwachsenen nicht.

Wie würden Sie Ihren Zeichenstil charakterisieren?
Ich bin ein lebender Zeichner. Gekritzelt. Ich verändere meinen Stil, wenn möglich, jede Woche. Ich kenne mich mit Kunststilen nicht gut aus. Ich sage immer: gekritzelt. Mein Stil ist kritzeln.

Welches Tier von Ihren Figuren ist Ihnen ähnlich?
Der Maulwurf. Der Maulwurf kann nicht gut sehen, kann ich auch nicht. Mein Geruchssinn ist dagegen gut entwickelt.

Würden Sie sich als einen schwierigen Menschen bezeichnen?
Ja, schwieriger Mensch. Das sagt meine Frau auch. Das ist aber nicht wahr. Wenn ich zu essen bekomme, Borschtsch zum Beispiel, ist alles ganz einfach. Und etwas Polkamusik brauche ich auch noch. Geige geht auch. Zigeuner oder Debussy.

Ist Teneriffa ein guter Ort zum ruhigen Leben?
Es ist ein guter Ort zum Leben. Aber für einen Buddhisten wäre auch die Hölle erträglich. Das Leben findet im Kopf statt. Es gibt keine Bedrohung durch den Staat. In Deutschland finden beliebig Steuerprüfungen statt, morgens um fünf Uhr wird das Haus umzingelt. Auf Teneriffa ist so etwas zum Glück nicht möglich.

«Nach mir soll nichts bleiben. Da wird meine Jacke hängen und meine Hose und mehr nicht», haben Sie gesagt. Sie gelten als anspruchslos.
Ich habe nur eine Arbeit getan. Wie ein Bäcker. Wenn das Brot weg ist, ist das Brot weg. Ich bin nicht bescheiden. Ich nehme mir das, was ich haben will und bekommen kann. Was ich nicht bekommen kann, will ich nicht haben.

Sie werden jetzt 85 Jahre alt. Wie geht es Ihnen?
Ich brauche eine Herzoperation. Das will ich aber nicht, ich fürchte mich davor. Sie würden sich auch fürchten, denke ich mal. Da ich ein Sünder und Ketzer bin, wird Gottvater mir noch eine lange Lebenszeit schenken, damit ich wieder in den heiligen Schoss der Kirche zurückkomme.

Was bedeutet für Sie, als «Ketzer», der Tod? Fürchten Sie sich vor dem Tod?
Ja. Plötzlich kann ich nicht mehr atmen und lebe noch. Das habe ich schon zweimal erlebt. Man erstickt dann, wenn der Arzt nichts davon merkt. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 11.03.2016, 10:31 Uhr

Janosch

Kinderbuchautor

Janosch wurde 1931 als Horst Eckert in Zaborze, Oberschlesien, im Bergarbeitermilieu geboren. 1946 ging er mit seiner Familie in den Westen, arbeitete in Textilfabriken, besuchte eine Textilfachschule und ab 1953 die Akademie der Bildenden Künste in München, wo er die Ausbildung wegen «fehlender Begabung» abbrechen musste. 1960 erschien sein erstes Buch, «Die Geschichte von Valek dem Pferd». Der Durchbruch gelang ihm 1978 mit «Oh, wie schön ist Panama», das verfilmt und als Kinderoper vertont wurde; es erhielt auch den Deutschen Jugendbuchpreis.

«Oh, wie schön ist Panama.»

Insgesamt hat Janosch über 150 Kinderbücher geschrieben, darunter «Komm, wir finden einen Schatz» und «Post für den Tiger». Seine Motive sind millionenfach verbreitet, in vielen Kindergärten gibt es nach seinen Figuren benannte «Tigerenten»- oder «Bären»-Gruppen. Das Merchandising betreibt die eigens dafür gegründete Janosch Film und Medien AG. 1980 zog sich der Künstler nach Teneriffa zurück, wo er seither lebt.



«Post für den Tiger». Videos: Janoschs Traumstunde

Buch

Angela Bajorek: Wer fast nichts braucht, hat alles. Janosch – die Biografie. Ullstein, Berlin 2016. 304 S., ca. 32 Fr.

Leseprobe und mehr.

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