Lauter Kindsköpfe

Kleiner Prinz: Seit das Copyright erloschen ist, wird das Buch neu übersetzt. Auch Peter Sloterdijk versucht sich.

Vernunftwidrige Fantasie: Illustration von Antoine de Saint-Exupéry im Original von 1943.

Vernunftwidrige Fantasie: Illustration von Antoine de Saint-Exupéry im Original von 1943.

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Der flamboyante Meisterdenker Peter Sloterdijk hat es jetzt auch getan. So wie vor ihm in diesem Jahr schon die Schriftsteller Peter Stamm, Hans Magnus Enzensberger und Ulrich Bossier. Letzterer hielt Übersetzungen von Schriftstellern eigentlich immer für eine anmassende Überdehnung ihrer Autorenkompetenz.

Wobei Sloterdijk Antoine de Saint-Exupérys «Der Kleine Prinz» nicht eigentlich neu übersetzt hat, nur hier und da etwas aufgefrischt. Die viel zitierte, oft missbrauchte Sentenz «Man sieht nur mit dem Herzen gut. Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar» etwa hat der Suhrkamp-Hausphilosoph in der «immanenten Klassizität» der Erstübersetzung von 1950 belassen. «Dinge, die schon unübertrefflich gut übersetzt sind, rührt man am besten gar nicht an», sagte er am Dienstag in Berlin beim Gipfeltreffen mit dem Moderator und Prinzen-Fan Thomas Gottschalk.

Forciert salopper Ton

Die Frage ist nur, warum der Gedankenathlet sich dann überhaupt dieser «Bescheidenheitsübung» unterzog. Beim Plaudern mit Gottschalk entfuhr Sloterdijk wie immer viel Kluges über den metaphysischen Masochismus der Schlange, das egotechnische Universalinstrument Spiegel und Saint-Exupérys Kindlichkeit als Gegenentwurf zu Nietzsches heroischem Intellektualismus. Aber vor dem Kleinen Prinzen ist auch der grösste Intellektuelle ein demütiger Kindskopf.

«Immer geradeaus kommt man nicht weit.» Enzensberger griff bei seinem Versuch, dem Kleinen Prinzen das Süssliche, Raunende und «Kindergärtnerinnenhafte» auszutreiben, zu einem leichten, forciert saloppen Ton: «Man begreift gar nichts, wenn das Herz nicht dabei ist» ist «tipptopp» gesagt, aber wohl nicht in Stein gemeisselt. Thomas Pigors Neuübersetzung rückt dem Kitsch noch lustiger auf die Pelle: «Guck mit dem Herzen.» Beim Kleinen Prinzen glaubt jeder mitreden zu können. Die Sprache ist kindgerecht schlicht, Französisch für Anfänger. Und das Herz ist eh der beste Übersetzer.

1943 in New York erschienen, ist das Buch schon in 180 Sprachen der Welt übersetzt und über 100 Millionen Mal verkauft worden. Der Düsseldorfer Karl-Rauch-Verlag hütete bisher die deutschen Rechte so monothematisch wie sonst nur der Karl-May-Verlag, mit «Kinderbriefen an den Kleinen Prinzen», Pop-up-Bilder- und Liederbüchern. Fortsetzung folgt

«Das Herz ist eh der beste  Übersetzer.»

Das Auslaufen des Copyrights im Jahr 2014 liess das zuletzt schon etwas flackernde Flämmchen des Petit Prince noch einmal auflodern. Seither wird der Markt überschwemmt von Neuübersetzungen, Hörbuchversionen, ja von «Fortsetzungen» wie «Der grosse Prinz» und «Der kleine Prinz kehrt zurück». Weltweit ist der Flüchtling vom Asteroiden B612 noch immer eine der hellsten Sterne am Literaturhimmel. Asteroiden wurden nach ihm benannt, Opern, Theaterstücke und T-Shirts werden unter seinem Namen verkauft. Im Elsass gibt es seit einem Jahr einen Petit-Prince-Themenpark mit Fesselballons, Flugsimulatoren, Schafen und einer Schmetterlingsfarm. Nächste Woche kommt die fünfzehnte Verfilmung in die Kinos, ein Stop-Motion-Animationsfilm, in dem der verträumte kleine Überflieger erstmals in die Gegenwart der Düsenjets, Helikoptermütter und gleichberechtigt altklugen Mädchen katapultiert wird.

Viel ist in die Rose, den gezähmten Fuchs und den Laternenanzünder hineingeheimnisst und wieder herausinterpretiert worden. Eugen Drewermann («Das Eigentliche ist unsichtbar») legte den kleinen Prinzen sogar auf die Couch der Psychoanalyse. Dabei liegt der Charme des Märchenprinzen gerade in seiner vernunftwidrigen, kindlich-unzeitgemässen Fantasie. Er predigt Menschlichkeit, Freundschaft und Frieden in einer von Krieg und Konsum, Materialismus und Rationalismus zerfressenen Welt. Das darf man ruhig als sanfte Gesellschaftskritik lesen. Feinde hatte diese Philosophie noch nie. Saint-Exupéry stürzte im Zweiten Weltkrieg bei einem Aufklärungsflug ins Mittelmeer; 1998 wurden Trümmer seiner Lockheed P-38 gefunden. Bis heute weiss man nicht, ob es ein technischer Defekt, Freitod oder Abschuss war. Der deutsche Kampfflieger Horst Rippert, der den Fliegerpoeten im Juli 1944 vom Himmel geholt haben will, bedauerte seine Tat ausdrücklich: «Hätte ich gewusst, wer im Flugzeug sass, hätte ich nicht geschossen.»

Erstellt: 03.12.2015, 19:17 Uhr

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