Leben ohne Tonspur

Die niederländische Autorin Anna Enquist erzählt in ihrem neuen Roman «Denn es will Abend werden» von vier Musikern und ihrem Leben nach einem Überfall.

Beherrscht alle Varianten der Erzählperspektive: Die Autorin Anna Enquist. Foto: Imago

Beherrscht alle Varianten der Erzählperspektive: Die Autorin Anna Enquist. Foto: Imago

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Das Streichquartett – vielleicht der Gipfel klassisch-abendländischer Musik: äusserste Komplexität bei stärkster Verdichtung. Vier Saiteninstrumente, ganz auf sich gestellt, ohne das Fundament von Klavier oder Orchester, schwerelos im Raum, in der vergehenden Zeit, und doch stabil durch das Miteinander-Korrespondieren, das Aufeinander-Bezogensein. Ein Glück für ausführende Musiker, selbst für Amateure.

Vier solche Amateure hat die niederländische Autorin Anna Enquist in ihrem Roman «Das Streichquartett» beschrieben. Der Kulturmanager Hugo (erste Geige), die Krankenschwester Heleen (zweite Geige), der Instrumentenbauer Jochem (Bratsche) und seine Frau, die Ärztin Carolien (Cello), haben Jahr für Jahr Mozart, Beethoven und Schubert miteinander gespielt, nur für sich, und das gemeinsame Musizieren hat eine tiefe Freundschaft begründet. Die wird zerstört durch einen Überfall; ein entflohener Sträfling dringt in das Hausboot ein, in dem sie gerade üben, das Boot wird von der Polizei in einer überhasteten Aktion gesprengt, die Freunde überleben das Chaos, aber äusserlich und innerlich verletzt und verstört.

In ihrem neuen Roman «Denn es will Abend werden» (der Titel zitiert eine Bibelstelle) erzählt Anna Enquist ihre Geschichte weiter. Wie gehen Hugo, Heleen, Jochem und Carolien mit dem Einbruch der Gewalt in ihre heile Welt um? Wie äussert sich die «posttraumatische Belastungsstörung», so nennt das die Psychologie mit einem kalten, alles über einen Kamm scherenden Fachbegriff – er wird einmal, fast höhnisch, erwähnt. Sie äussert sich bei jedem anders, so weiss und gestaltet es die Literatur.

Zwischen Depression und Aktivismus

Hugo, dessen Kulturzentrum weggespart wurde, stürzt sich in Aktivismus und neue Projekte in China, schwadroniert von «Brücken zwischen Ost und West» und richtet den Blick starr nach vorne. «Die Seite umschlagen» will auch Heleen. Um ihre übermächtigen Schuldgefühle zu überwinden – sie hatte den Sträfling, im Rahmen eines Briefprojekts, ungewollt auf das Boot gelockt – legt sie sich eine neue, toughe Identität zu und bricht den Kontakt zu den Freunden ab.

Auch die verzweifelten China-Aktivitäten des Musikveranstalters lösen sein Trauma nicht auf: Wolkenkratzer in Shanghai. Foto: Getty Images

Jochem entwickelt eine extreme Paranoia, baut Haus und Atelier zu einer Festung um. Er ist voll Angst, aber auch voll Wut, die kein Ventil findet. Von seiner Frau Carolien entfremdet er sich zusehends. Diese hat bei dem Überfall einen Finger verloren und fixiert sich auf diesen «Makel». Sie rührt das Cello nicht mehr an und gibt auch ihre Stelle in der Praxis auf. Erst ein langer Aufenthalt in China, eine kurze Affäre mit einem Arzt, vor allem aber eine neue Aufgabe in einem Kinderheim löst sie aus ihrer Apathie.

Die Frage, ob man ein Trauma aufarbeiten oder besser hinter sich lassen soll, beantwortet jeder also auf seine ganz eigene Weise – ein Rezept lässt sich daraus nicht gewinnen. Dazu sind Romane auch nicht da.

Der Überfall ist nur der Auslöser

Es ist nicht unbedingt notwendig, den Vorgängerroman zu kennen – Anna Enquist arbeitet die notwendigen Informationen geschickt und unaufwendig auf den ersten Seiten ein. Aber hilfreich wäre es schon. Der Überfall ist ja nicht nur der Auslöser für all das, was «Denn es will Abend werden» erzählt; er ist sein Gravitationszentrum, eines, das diesseits, ausserhalb seiner selbst liegt.

Um zu begreifen, was es bedeutet, dass die Freundschaft der vier dahin ist, muss man erlebt haben, worin diese bestanden hat. Das Musizieren, das gemeinsame Sich-Versenken und Aufgehen in Meisterwerken, die man durch die Aufführung zum Leben erweckt: Das war der Blutkreislauf, der diese Freundschaft in Gang hielt.

Der Roman setzt das, was ihm fehlt, die Freude am Musizieren, auch formal um.

Er hielt auch den Roman, der nach dem Streichquartett hiess, in Gang, und er fehlt hier. Das Quartett ist tot, seine einstigen Mitglieder leben ohne Tonspur, und auch der Roman muss ohne sie auskommen. «Denn es will Abend werden» benennt und beschreibt, was fehlt, aber setzt das Fehlende auch formal um.

Vier Stimmen sprachen einst, gleichberechtigt wie in der Musik; jetzt sind es nur noch zwei, in deren Gedankenwelt uns die Autorin einlässt: Jochem und Carolien. Die beiden anderen treten nur sporadisch auf; es kommt dann und wann zu Begegnungen, immer nur zu zweit, die meist zu gegenseitigen Vorwürfen führen und dann abrupt enden.

Anna Enquist beherrscht auch hier wieder alle Varianten der Erzählperspektive, und sie handhabt sie in bewundernswert beweglicher, flexibler Weise; von der Draufsicht über die Nähe der erlebten Rede bis hin zum inneren Monolog, manchmal im schnellen Wechsel innerhalb eines Absatzes, gerade so, wie sie es braucht. Caroliens monomanisch in sich kreisende Gedanken, die sich ständig selbst zensieren und verurteilen, bildet sie auf fast schmerzhaft direkte Weise ab. Bei Jochem bricht die unterdrückte Wut in einer rhythmisch geradezu aggressiven Prosa durch. Die grossartige Stilistin Enquist ist auch in der Übersetzung von Hanni Ehlers spürbar.

Die Entdeckung der Scham

Etwas zurückgenommen ist die gesellschaftspolitische Dimension, die im «Streichquartett» noch stärker ausgebildet war: Anna Enquists nicht unkritische Sicht auf ein Kulturbürgertum, das ganz selbstverständlich die Subventionierung ihrer Interessen durch die Allgemeinheit voraussetzte. Die «Traumaarbeit» besetzt jeden Einzelnen zu stark, isoliert sie von den anderen und der Umgebung. Immerhin bietet der China-Aufenthalt Caroliens Anlass, den Umgang eines ganzen Landes mit historischen Katastrophen zu betrachten: Kollektive, aufgezwungene Verdrängung ist dort die Lösung, die keine ist.

Erst der Prozess gegen den Eindringling, zu dem die vier Musiker als Zeugen geladen sind, bringt sie wieder in einen Raum. Und macht einen gemeinsamen Schlussakkord möglich. Alle vier werden vom Verteidiger des Täters wie kleine Kinder vorgeführt; diese gemeinsam erlebte kleine Demütigung erlaubt ihnen plötzlich, die zurückliegende grosse Demütigung zur Sprache zu bringen. Zu benennen, was sie eigentlich verstört und voneinander entfernt hat: Sie hatten sich unendlich dafür geschämt, wie hilflos sie gegenüber dem Gewalttäter gewesen waren, jeder für sich, jeder für den anderen.

Niemand hatte den Blick des anderen auf sich ertragen. Jetzt geht es. Sie essen zusammen, sie trinken zusammen, sie reden über ihr Versagen, damals und danach, und diese Schlussseiten führt Anna Enquist durch wie ein gesprochenes Quartett.

Ob das die Musik wieder zurückbringt? Es klingt so. Und so findet dieser traurige Roman ein tröstliches Ende. Die meisten Musikstücke, die in einer Moll-Tonart stehen, enden ja auch in Dur.

Erstellt: 24.06.2019, 16:59 Uhr

Der Roman



Anna Enquist: Denn es will Abend werden. Roman. Aus dem Niederländischen von Hanni Ehlers. Luchterhand, München 2019, 284 S., ca. 34 Fr.

Artikel zum Thema

Warme Töne gegen soziale Kälte

Anna Enquist schreibt in «Streichquartett» über die Freuden des Musizierens in einer Welt, die geprägt ist von Kulturverlust und Entsolidarisierung. Mehr...

Apokalypse auf der Schweinefarm

Jean-Baptiste Del Amos grandioser Roman «Tierreich» zeigt die Auswüchse der Agrarindustrie auf Mensch und Tier. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Abo

Abo Digital - 26 CHF im Monat

Den Tages-Anzeiger unbeschränkt digital lesen, inkl. ePaper. Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Kommentare

Blogs

Sweet Home Willkommen im Weihnachtswunderland

Mamablog Zur Erholung ins Büro?

Newsletter

Der ideale Start in den Tag

Sie wollen täglich die besten Beiträge aus der Redaktion?
Dann abonnieren Sie jetzt unseren Newsletter «Der Morgen».

Die Welt in Bildern

Feuerschweif: Eine Spezialeinheit demonstriert am Indian Navy Day in Mumbai ihr Können. (4. Dezember 2019)
(Bild: Francis Mascarenhas) Mehr...