Inspiration Schweiz (62): James Fenimore Cooper auf Schweizer Tournee:

Lederstrumpf auf der Blüemlisalp

Er schrieb einen der berühmtesten Roman über die Indianer. Aber auch den Schweizern widmete James Fenimore Cooper eines seiner Bücher.

Für James Fenimore Cooper waren die Schweizer edel und einfältig. Foto: AKG-Images

Für James Fenimore Cooper waren die Schweizer edel und einfältig. Foto: AKG-Images

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James Fenimore Cooper (1789–1851) hat mit seinen «Lederstrumpf»-Romanen den Europäern die Welt der Pioniere, Scouts und Indianer Nordamerikas erschlossen. Weniger bekannt ist, dass er umgekehrt auch seinen Landsleuten ­Europa zu erklären versucht hat: In fünf umfänglichen Reisebüchern und drei Romanen verarbeitete der Schnell- und Vielschreiber Eindrücke seiner siebenjährigen Grand Tour (1826–33).

Der selbstbewusste Patriot mit einem starken Hang zu Pedanterie und Rechthaberei gelangte darin zu einem ähnlichen Urteil wie Goethe: Amerika, du hast es besser. Der Hudson war schöner als der Rhein, der Burgunder in New York billiger und besser als in Frankreich, der Niagarafall eindrucksvoller als der Rheinfall, und was Verfassung, Religion, Gewerbefleiss und Zukunftspotenzial betraf, war die Neue Welt sowieso haushoch überlegen. Die Alpen allerdings, das musste auch Cooper neidlos anerkennen, waren höher, wilder und schauriger als die sanften Hügel der Catskill Mountains, und von der moralischen Geradheit und Heimatliebe der Eidgenossen konnten selbst Amerikaner noch etwas lernen.

Die dummen Touristen

Zweimal war Cooper in der Schweiz: 1828 für drei Monate in Bern, 1832 für einen Monat in Vevey. Die Eindrücke, die er bei Ausflügen, Gewaltmärschen und Gesprächen sammelte, füllten zwei dicke Bände von Reiseskizzen («Sketches of Switzerland», 1836). Wie später Mark Twain, allerdings ohne dessen ­Humor, ärgerte sich Cooper oft über Hast, Oberflächlichkeit und Dummheit der Touristen, aber er selber war nicht frei von ­nationalen Vorurteilen und auch nicht gerade langsam unterwegs. Ausgerüstet mit Wanderstock, Regenschirm, Schokolade für den kleinen Hunger und Ebels Reiseführer, schaffte er die Etappe von Zürich auf die Rigi in einem Tag.

Cooper absolvierte mit der Schnellpost das komplette Programm aller Schweiz-Reisenden: Zürich, Luzern, Genf, Einsiedeln, die Hohle Gasse Tells, Rousseaus Sehnsuchtsorte am Genfer See, die Schlachtfelder von Morgarten und Sempach und natürlich Blüemlis-alp, Taminaschlucht und fast alle Wasserfälle, Seen und Berge, die die Schweiz zu dem Land machten, «in dem das Ausserordentliche recht eigentlich zu Hause» ist. Cooper hatte sich schon zu Hause gründlich vorbereitet, aber als er dann den Montblanc vor sich sah, fehlten ihm doch fast die Worte: «Die Einbildung fasst es kaum, und keine Sprache vermag den erhabenen Eindruck zu schildern.» Seine Beschreibungen fielen dann auch eher lang und breit als originell aus. Die Berge sind niederschmetternd erhaben, ihre Bewohner – mit Ausnahme der Walliser Kretins und einiger halsabschneiderischer Gastwirte – zum Niederknien: Die Frauen «weit hübscher» als Französinnen und Deutsche, die Männer behaglich, wacker und verständig, geborene Demokraten oder wenigstens, wie in Bern, brave Patrizier. Keine Frage, die Schweizer waren noch nicht so verdorben wie Franzosen und Engländer, nicht so geldgierig und ungebildet wie die Yankees, kurz: so natürlich und im edlen Sinne einfältig wie Chingachgook und Natty Bumppo.

Bei seinem zweiten Schweiz-Aufenthalt 1832 fiel Coopers Begeisterung schon gedämpfter aus: «Wir haben zu viel gesehen, um durch einige Knalleffekte sogleich ausser uns zu geraten.» Die ständige Jagd nach «Aussichten» ermüdete; in Italien hatte Cooper inzwischen anmutigere Landschaften und in Paris die Juli-Revolution erlebt, und das veränderte nicht nur sein Schweiz-Bild: In Europa wandelte sich Cooper vom glühenden Verfechter des amerikanischen Traums zum Kritiker Amerikas.

Mit «halbwilder Phantasie»

Vernünftiger als die «Herrschaft der Mehrheit» mit ihren bösen Folgen – Journaille und Krämergeist, «Mobocracy» und Mittelmass – schien dem konservativen Grossgrundbesitzer jetzt eine aufgeklärte, moderat oligarchische Republik, die Eigentum und Freiheitsrechte schützt. Coopers politische Umorientierung und nachlassende literarische Kraft standen auch dem erhofften Erfolg seiner europäischen Romane im Wege. «Der Bravo» (1831), eine Abrechnung mit der Willkürherrschaft der venezianischen Dogen, wurde von der Kritik verrissen. «Die Heidenmauer» (1832) war ein Schauerroman aus dem mittelalterlichen Deutschland, und auch «Der Scharfrichter von Bern oder Das Winzerfest» (1833) sparte nicht an Klischees.

Bei der Schilderung von See- und Schneestürmen war der Meister des ­maritimen Romans in seinem Element, beim berühmten Winzerfest in Vevey zeigte er Reporterqualitäten – aber der Rest ist Schauerromantik, ein Gebräu aus Zufällen, wunderbaren Errettungen und Familienzusammenführungen. Das «Morgenblatt für gebildete Stände» attestierte Coopers Schweiz-Roman 1834 neben affektierter Grobheit und natürlicher Trockenheit auch eine an «Beleidigung» grenzende Geschwätzigkeit: Der «langweilige Mann aus den Vereinigten Staaten» möge lieber bei seinen Indianern bleiben als «seine halbwilden Phantasie in unserem zivilisierten Europa anzusiedeln». Cooper empörte sich über die Arroganz der Europäer: Amerika gehöre auch zur «gebildeten Welt». Allerdings standen auch für Cooper Sklaven und Indianer ausserhalb der Zivilisation. Wenn er die Schweizer als Indianer Europas betrachtet, ist das ein eher zweischneidiges Kompliment.

Aurel Schmidt: Lederstrumpf in der Schweiz. James Fenimore Cooper und die Idee der Demokratie in Europa und Amerika. Verlag Huber, Frauenfeld 2002.

Erstellt: 16.02.2015, 17:22 Uhr

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