Leerräume und Beklemmung

Krimi der Woche: Zwei spektakuläre Verbrechen bilden den Hintergrund des experimentellen Thrillers «Der Wille zum Bösen» des US-Autors Dan Chaon.

Als Schüler schrieb er einen Fanbrief an Ray Bradbury: Dan Chaon. (Bild: Ulf Andersen/Random House/Heyne)

Als Schüler schrieb er einen Fanbrief an Ray Bradbury: Dan Chaon. (Bild: Ulf Andersen/Random House/Heyne)

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Der erste Satz
Irgendwann in den ersten Novembertagen sank die Leiche eines jungen Mannes, der verschwunden war, auf den Grund des Flusses.

Das Buch
Fünf Jahre hat der viel gelobte 54-jährige amerikanische Autor Dan Chaon am Wälzer «Der Wille zum Bösen» gearbeitet. Es ist ein beunruhigendes Buch, das von der Form her fast schon experimentell anmutet. Das anders ist als alles, was sonst als Thriller gehandelt wird.

Dustin Tillman, Anfang 40, ist Psychologe. Familienvater in einem Vorort von Ohio. Eines Tages im Jahr 2012 erreicht ihn die Nachricht, dass sein Adoptivbruder Rusty nach 27 Jahren aus dem Gefängnis entlassen wurde. Eine DNA-Probe soll gezeigt haben, dass er nicht der Mörder seiner Adoptiveltern und eines Onkels und einer Tante ist. Handfeste Beweise hatte es nie gegeben. Es waren die Aussagen des damals 13-jährigen Dustin, der von Rusty missbraucht worden war, und einer Cousine, die Rusty belasteten. Die damalige Hysterie wegen angeblich satanistischen Umtrieben besorgte den Rest. Entgegen seinen Befürchtungen hört Dustin nichts von Rusty. Sein Leben ist auch sonst nicht einfach in dieser Zeit. Seine Frau stirbt an Krebs, die beiden Söhne ziehen sich von ihm zurück, der eine an die Uni, der andere in die Drogen. Aqil Ozorowski, ein Ex-Polizist, der vorgeblich als Patient zu ihm kam, drängt sich mehr und mehr in Dustins Leben. Er verfolgt Fälle von betrunkenen College-Boys, die ertrunken sind, und die er als sich über viele Jahre erstreckende Verbrechen eines Serienkillers sieht. Er bringt Dustin, der schon als Kind leicht zu beeinflussen war, dazu, ihm bei seinen «Ermittlungen» zu helfen.

Eigentlich passiert kaum etwas Spektakuläres direkt auf den über 600 Seiten dieses Wälzers, doch Dan Chaon schafft von Anfang an eine beklemmende Atmosphäre, die eine unterschwellige Spannung erzeugt und die über die ganze Strecke unvermindert anhält. Er hat die Geschichte in elf Teilen aufgebaut, die in einem Zeitraum von rund 35 Jahren und zwischen verschiedenen Erzählperspektiven hin und her switchen. Viele Sätze von Dustin Tillman bleiben unvollendet. Es gibt Lücken im Text, optisch sichtbar als Leerraum zwischen Sätzen. Und zwischendurch gibt es Parallelhandlungen, die Chaon in zwei oder gar drei Spalten nebeneinander erzählt. Es geht in diesem Roman nicht darum, dem Massaker aus Dustins Kindheit oder den Fällen der ertrunkenen College- Studenten auf den Grund zu gehen. Es geht vielmehr um die unscharfe Wahrnehmung der Wirklichkeit, um Vorstellungen, die den Blick auf die Tatsachen verstellen, um diffuse Erinnerungen, um spielerische und um bösartige Manipulation. Und immer wieder um das Verschliessen der Augen vor der Realität. Und das ist letztlich viel beunruhigender, als es die Verbrechen sind.

Die Wertung

Der Autor
Dan Chaon, geboren 1964 in Sidney im US-Bundesstaat Nebraska, wurde als Kind adoptiert. Er war schon in der frühen Jugend von Literatur begeistert. Als Schüler schrieb er einen Fanbrief an Ray Bradbury («Fahrenheit 451»), der zu einem mehrjährigen Briefwechsel führte. Chaon hat seit 1996 drei Kurzgeschichtensammlungen und drei Romane veröffentlicht. Er wurde mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet. Bis Anfang dieses Jahres lehrte Chaon kreatives Schreiben am Oberlin College in Oberlin, Ohio. 2008 starb seine Frau, die Autorin Sheila Schwartz, an Krebs. Dan Chaon hat zwei Söhne. Er lebt in Cleveland, Ohio.

Dan Chaon: «Der Wille zum Bösen» (Original: «Ill Will», Ballantine Books, New York). Aus dem Englischen von Kristian Lutze. Heyne, München 2018. 621 S., ca. 23 Fr. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 23.05.2018, 10:09 Uhr

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