«Lesen ist etwas wunderbar Verbotenes»

Bestsellerautor Martin Suter hat in der Pestalozzi-Bibliothek in Oerlikon aus seinem aktuellen Buch gelesen. Die PBZ-Räume waren in seiner Schulzeit so etwas wie sein zweites Zuhause.

«Mein Vater durfte Karl-May-Bücher als Kind nur heimlich lesen. Gibt es einen grösseren Anreiz?», fragt Martin Suter. Foto: Urs Jaudas

«Mein Vater durfte Karl-May-Bücher als Kind nur heimlich lesen. Gibt es einen grösseren Anreiz?», fragt Martin Suter. Foto: Urs Jaudas

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Für Ihre Lesung in der Pestalozzi-Bibliothek haben Sie Ihre Schreibklausur unterbrochen. Brauchen Sie für das Schreiben den totalen Rückzug?
Bisher habe ich alle Romane in Guatemala oder auf Ibiza geschrieben. Aber jetzt leben wir hier, und in Zürich gibt es zu viel Ablenkung. Nach 22 Jahren auf dem Land hatten wir das Zürcher Stadtleben vermisst, ausserdem stellte sich für meine Tochter Ana die Schulfrage – und so sind wir hergezogen. Weil ich derzeit an einem neuen Roman schreibe, habe ich mir also eine Klausur verschrieben. Aber nun gab es endlich die Chance, mir einen lang gehegten Wunsch zu erfüllen: in der PBZ Oerlikon vorzulesen. Es ist das erste Mal, dass ich mich regelrecht aufgedrängt habe. Und ich wollte in die Bibliotheksräume, nicht in irgendeinen Saal. Denn diese Räume waren für mich in der Schulzeit so etwas wie ein zweites Zuhause. Und ein Schlaraffenland!

Wie entdeckten Sie es für sich?
Als ich mit acht Jahren in die Schule kam, konnte ich noch nicht lesen. Aber mit zehn Jahren gab es für mich nichts Schöneres! Wir wohnten in einem kleinen Häuschen am Eschenweg, ich ging ins Schulhaus Gubel B, aber als ich herausfand, dass man in der PBZ Mitglied werden kann, die damals nur einen Katzensprung entfernt lag, war ich dort Dauergast. Das Reich der Bücher da war endlos! Und, im Unterschied zu einer Buchhandlung, lud es zum Ausprobieren ein. Die Damen dort hatten Freude an den Leseratten. Ich nahm immer nur ein Buch pro Ausleihe mit, also war ich ständig mit einem Buch unterm Arm zwischen Schule, zu Hause und Bibliothek unterwegs.

«Ana ist jetzt 9 und kommt so langsam hinein ins Lesen. Gerade hat sie ihren ersten ‹Harry Potter›-Band begonnen.»

Was lasen Sie?
Ich verschlang einen Karl May nach dem anderen, das gesamte Werk, auch die autobiografisch grundierten Sachen, «Ich» und «Weihnacht»; ich las die «Sagen des klassischen Altertums» und W. E. Johns «Biggles», überhaupt alles Abenteuer­liche. Von Karl May sagte mein Vater, er selbst habe seine Bücher als Kind nur heimlich lesen dürfen. Gibt es einen grösseren Anreiz? Oft habe ich mich mit einem Freund auf den Apfelhurden im Vorratskeller versteckt und dort mit Taschenlampe gelesen – um im Gefühl zu schwelgen, etwas wunderbar Verbotenes zu tun. Vielleicht sollte man den ­Kindern das Lesen verbieten, um sie zu animieren? (lacht)

Denken Sie denn, dass das Lesen für Kinder out ist?
Ana ist jetzt 9 und kommt so langsam hinein ins Lesen. Gerade hat sie ihren ersten «Harry Potter»-Band begonnen. Und sie liebt die «Greg»-Tagebücher. Aber heimliches Lesen unter der Bettdecke oder so – so weit ist sie noch nicht. Ungeschickterweise verbiete ich ihr manchmal gewisse Computerspiele. Jetzt spielt sie sie heimlich.

Wieso ist Lesen besser?
Weder Filme noch Computerspiele fördern in dem Mass die Fantasie wie Lesen. Hier werden den Kindern die Bilder nicht mitgeliefert, sie müssen sie sich selber machen. Es ist auch eine andere Art von Fantasie als etwa der Erfindergeist von Tüftlern. In der Schule von Ana werden die Kinder dazu aufgefordert, jeden Tag 20 Minuten zu lesen. Ob das so Erfolg versprechend ist, bezweifle ich aber: Da gibt es welche, die lesen mit der Stoppuhr in der Hand.

Wie kann man ans Lesen heranführen?
Ich fürchte, die Kinder müssen es selbst für sich entdecken. Aber man tut schon viel, wenn man dieser Entdeckung nicht im Weg steht. Bibliotheken – Schul­bibliotheken, Pestalozzi-Bibliotheken – gibt es ja eine Menge; und über eine mangelnde Buchproduktion muss man auch nicht klagen.

Spüren Sie, dass die Situation für Autoren schwieriger geworden ist?
Ich habe das Glück, dass mich das nicht so betrifft, wobei auch ich feststelle, dass selbst erfolgreiche Bücher weniger lang am Markt sind; das Verkaufskarussell dreht sich immer schneller. Und das Publikum ist sehr viel heterogener. Es gibt kaum den einen Kulttitel, den dann alle lesen. Früher griff die Hälfte der Leserschaft zu so einem Roman, heute sind es vielleicht 15 Prozent. Der Markt hat sich sehr viel mehr aufgesplittet. Aber das eigentliche Problem sind weder das Publikum noch die Überproduktion noch das elektronische Buch und das Internet – ich nutze selber meinen Kindle auf Reisen und finde, das ist eine sehr praktische Ergänzung zum gedruckten Buch –, sondern die Aufhebung der Buchpreisbindung. Ihretwegen habe ich Ruedi ­Noser nicht gewählt.

Reichen in dieser Situation die Subventionen für die Literatur? Und die Leseförderung?
Insgesamt denke ich, dass genügend Unterstützung durch die öffentliche Hand da ist – aber die Buchpreisbindung sollte wieder eingeführt werden, damit die kleinen Buchhandlungen und die Nischenverlage nicht gefährdet werden. Für mich persönlich war es immer wichtig, nicht nur zu schreiben, sondern davon auch komfortabel leben zu können – und deswegen habe ich lange von Werbetexten, Reisereportagen, ­Kolumnen, Drehbüchern und so weiter gelebt. Erst spät in meinem Leben hatte ich das Glück, dies mit dem Schreiben, mit meinen Traumberuf, erreichen zu können. Aber auch die Zeit davor, auch die als Werbetexter, hat mir grossen Spass gemacht. Doch ich habe Kollegen, die von Anfang an konsequent den meist steileren Weg des Schriftstellers wählten, immer bewundert. Das Argument der Abschaffer der Buchpreisbindung fand ich immer idiotisch: Die Abschaffung zwinge die Schriftsteller, konkurrenzfähige Bücher zu schreiben. So ein Quatsch! Schriftsteller werden ist kein Businessplan. Es ist eine Lebensform.

Erstellt: 30.11.2015, 18:04 Uhr

Vom Werber zum Schriftsteller

1948 in Zürich geboren, wurde Martin Suter mit 26 Jahren Creative Director der bekannten Basler Werbeagentur GGK. Daneben schrieb er Reportagen und Drehbücher, bis­­­ ­­er sich 1991 ganz für eine Existenz als Autor entschied. Von 1992 bis 2007 erschien seine Kolumne «Business Class», 1997 sein erster Roman «Small World». Dieser verbindet sich mit «Die dunkle Seite des Mondes» und «Ein perfekter Freund» zur «neurologischen Trilogie». 2015 erschien Suters 14. Roman, der Wirtschaftsthriller «Montecristo». Am Sonntag hat Suter in Stuttgart für dieses Buch den Literaturpreis des Stuttgarter Wirtschaftclubs erhalten. (ked)

50'000 Kunden

Die Pestalozzi-Bibliothek Zürich (PBZ) –
deren Trägerverein 1896 gegründet wurde – betreibt derzeit 14 Bibliotheken. Dort stehen den knapp 50'000 aktiven Kunden rund 480'000 Medien zur Verfügung. 2014 gab es über 2'742'000 Ausleihen – ein Plus von 3,5 Prozent gegenüber 2013. Die PBZ bietet zudem ein breites Veranstaltungsprogramm für Kinder und Erwachsene an. Die jährlichen Betriebsbeiträge der Stadt Zürich sind seit 2009 nicht mehr erhöht worden und belaufen sich derzeit auf 9'400'000 Franken. Die Filialen Buchegg und Seebach wurden jüngst geschlossen. (ked)

www.pbz.ch

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Weiterbildung

Gamen in der Schule

Die Schule bereitet Kinder auf die Arbeitswelt vor. Das Rüstzeug soll auch spielerisch vermittelt werden.

Kommentare

Die Welt in Bildern

Keine Berührungsängste: In der Dinosaurierfabrik von Zigong in China wird ein voll beweglicher Dinosaurier hergerichtet. China produziert 85% aller Dinosaurier weltweit. (13. November 2019).
(Bild: Lintao Zhang/Getty Images) Mehr...