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Leser als Hunde

Kindle wird die Bücherwand killen. Wir brauchen Ersatz.

Digitales Bücherregal: Das Tablet «Kindle» von Amazon.
Digitales Bücherregal: Das Tablet «Kindle» von Amazon.
Keystone

Gestern schrieb Matthias Schüssler in diesem Blatt einen melancholischen Beitrag über das Verschwinden seiner Plattensammlung in den Keller. Sie liegt dort seit langem, so unberührt wie ihr Nachfolger: die eigenhändig eingespielte CD-Sammlung auf dem iPhone. Ihr gemeinsamer Mörder heisst Spotify, der praktische Streamingdienst.

Das gleiche Schicksal wartet auf die Ikone des Bildungsbürgertums: Bücherregale. Der Download aufs Tablet ist schlicht zu günstig. Nicht zuletzt für die Imponierstrecken. Das Gesamtwerk Goethes, zuvor zwei Regalmeter grünlederner Dünndruck, lässt sich für 0,99 Euro herunterladen. Zum gleichen Preis wie die gesammelten Werke von Heine, Schopenhauer, Kant oder Kafka.

Das ist erfreulich beim Umzug: keine 300 Säcke mit Platten oder Büchern mit dem Gewicht eines Blauwals. Und melancholisch für Investoren: Ein paar Zehntausend Franken Weltliteratur sind nun so viel wert wie ein Jumbopack Klopapier.

Das Hauptproblem ist ein soziales. Denn so wie die Hunde ihre Hintern beschnüffelten Bildungsbürger einander die Regale. Um zu sehen, wessen Geistes Kind jemand ist: Repräsentantenleder, Soziologenschinken, Kriminalromangassen, Konventionsklassiker, was immer. Besonders interessant waren die Peinlichkeiten: Gesundheitsratgeber, Ostergedichte oder Essays von Alain de Botton.

Zusammen mit der Anordnung – alphabetisch, nach Sachgruppen, nach Grösse, chaotisch gewürfelt – lieferte die Bücherwand kein schlechtes Bild der Möblierung im Kopf des Gastgebers. Und warnte einen oft genug. Etwa wenn die Regale zu imponierend waren. Denn wer liest, warnte Schopenhauer, denkt mit fremdem Kopf. Und verlernt das eigene Denken. «Solches aber ist der Fall sehr vieler Gelehrter: Sie haben sich dumm gelesen.»

Kurz: Bücherwände (und CD-Türme) abzuschaffen, ist das Gleiche, wie den Hunden das Hinterteil abzuschneiden. Nötig wäre Ersatz. Cool wäre etwa eine App, die Buchtitel und Plattencover mittels Beamer auf die Wand gegenüber dem Esstisch projiziert.

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