Leseratte als Fluchtwagenfahrer

Krimi der Woche: «Prisoners» von George Pelecanos ist ein beinharter Thriller aus Washington D.C. und gleichzeitig eine wunderschöne Hommage an die Kraft von Büchern.

Die Hauptfigur im Krimi «Prisoners» wird im Gefängnis zum Leser.

Die Hauptfigur im Krimi «Prisoners» wird im Gefängnis zum Leser. Bild: Keystone

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Der erste Satz
Wenn Antonius an die Fehler dachte, die sie bei dem Raubüberfall gemacht hatten, standen die Kapuzenpullis ganz weit oben auf der Liste.

Das Buch
Phil Ornazian, ein zwielichtiger Privatdetektiv in Washington D.C., trifft im Auftrag eines Anwalts im Gefängnis den unbedarften jungen Räuber Antonius. Am Ende des Gesprächs bittet er ihn, dem Mithäftling Michael Hudson eine Nachricht zu übermitteln. Er soll ihm einfach sagen: «Phil Ornazian sagt, dass alles gut wird.»

Damit beginnt der neue Roman «Prisoners» von George Pelecanos, einem der ganz Grossen der aktuellen amerikanischen Kriminalliteratur. Es ist ein meisterhaft gebautes, vielschichtiges Werk. Ein harter und spannender Thriller, der sich neben brutaler Action mit grundsätzlichen Fragen zu Recht und Unrecht und Moral auseinandersetzt. Ein Roman, der ganz ohne zu dozieren Themen wie Rassismus und Gewalt gegen Frauen ebenso behandelt wie die Frage, was denn ein glückliches Leben ausmacht. Und vor allem ist «Prisoners» auch eine wunderbare Hommage an das Lesen, an die befreiende Kraft von Literatur. Und das alles ist, wie immer bei Pelecanos, mit viel Drive und Witz virtuos erzählt.

Michael Hudson, die Hauptfigur, wird im Gefängnis zum Leser. Angeleitet von der engagierten Bibliothekarin Anna, der er später auch in Freiheit wieder begegnen wird, taucht er ein in eine neue Welt, die ihn nicht nur den Alltag im Knast vergessen lässt, sondern ihm auch Erkenntnisse fürs Leben eröffnet. «Das Schlechte in der Welt kann einen mürbe machen. Aber ein einziger kleiner Akt der Güte kann die Dunkelheit vertreiben.» Dies lernt Michael aus «Northline» von Willy Vlautin. Diesem und anderen jüngeren Kollegen wie etwa Wallace Stroby erweist Pelecanos in seinem Roman ebenso die Reverenz wie seinen alten Helden Elmore Leonard und Charles Willeford.

Doch bei allen geschickt eingeflochtenen Verweisen auf die moderne amerikanische Literatur ist «Prisoners» ein raffinierter Thriller. Ornazian bessert zusammen mit einem Kumpel sein Einkommen auf, indem sie Zuhälter, Drogenhändler und andere Kriminelle ausnehmen. Die Beraubten gehen zwar nicht zur Polizei, gefährlich ist es aber dennoch. Ornazian hat dafür gesorgt, dass ein Zeuge nicht gegen Michael Hudson aussagt. Als Gegenleistung muss der dadurch Freigekommene nun für ihn den Fluchtwagen fahren.

Doch Michael möchte sauber bleiben, nicht in die Kriminalität zurückfallen. Er hat einen Job. Und er hat ein Bücherregal in sein Zimmer gestellt. Wann immer er Zeit dafür hat, liest er. Das hilft ihm, wie es ihm schon im Gefängnis geholfen hat: «Wenn er ein Buch las, war die Tür zu seiner Zelle offen. Er konnte einfach hinausgehen. Er konnte unter dem strahlend blauen Himmel über die Hügel streifen. Die frische Luft um sich einatmen. Die Schatten über die Bäume huschen sehen. Wenn er las, war er nicht eingesperrt. Er war frei.»

Die Wertung

Der Autor
George P. Pelecanos, geboren 1957 in Washington D.C., stammt aus einer Arbeiterfamilie, die aus Griechenland eingewandert war. Er arbeitete in verschiedensten Jobs und studierte Kunst an der University of Maryland, bevor er 1992 seinen ersten Roman veröffentlichte. Von seinen rund 20 Büchern sind bis 2010 acht bei verschiedenen Verlagen (DuMont, Rotbuch, Rowohlt) auf Deutsch erschienen. 2017 erschien «Hard Revolution» (2003) auf Deutsch, 2018 «Das dunkle Herz der Stadt» (1995), beide beim Verlag Ars Vivendi, der jetzt auch den neuesten Roman von Pelecanos, «The Man Who Came Uptown» (2018) unter dem Titel «Prisoners», veröffentlichte. Seit 2002 arbeitet Pelecanos regelmässig für den TV-Kanal HBO, wo er einer der Hauptautoren für die Kultserie «The Wire» war. 2012/2013 arbeitete er Vollzeit für die Serie «Treme», danach für «Bosch», eine Serie nach den Krimis von James Connelly, und für «The Deuce». Für HBO entwickelt er eine Serie um seinen eigenen Helden Derek Strange; die erste Staffel basiert auf «Hard Revolution». Pelecanos lebt mit seiner Frau und drei Kindern in Silver Spring, Maryland, einem Vorort von Washington D.C.

George Pelecanos: «Prisoners» (Original: «The Man Who Came Uptown», Mullholland Books/Little, Brown and Company, New York 2018). Aus dem Englischen von Karen Witthuhn. Ars-Vivendi-Verlag, Cadolzburg 2019. 229 S., ca. 28 Fr.

Alle weiteren Besprechungen finden Sie in der Collection «Krimi der Woche».

Erstellt: 03.07.2019, 13:42 Uhr

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