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Lewinskys Herz für eine Dirne

Wie Scheherazade hält in «Zehnundeine Nacht» eine alternde Prostituierte ihren Freier mit Geschichten auf Distanz: hinreissend fabuliert vom Erfolgsautor Charles Lewinsky.

Ein Tausendsassa ist der 66-jährige Zürcher Schriftsteller, Theater- und TV-Mann Charles Lewinsky: Über tausend Shows und Serien fürs Fernsehen und etwa halb so viele Chansontexte, dazu Bühnenstücke, Filmdrehbücher, Hörspiele und ein halbes Dutzend Bücher hat er geschrieben. Berühmt wurde er 2006 mit seinem Roman «Melnitz», der lebensprallen Geschichte einer jüdischen Familie in der Schweiz.

Skurrile Fantasie

«Am meisten reizt mich immer, was ich noch nie gemacht habe», steht in einem Brief des Autors an seinen Verleger. Und er hält Wort mit einem überraschenden neuen Buch. Sein Vorbild ist die persische Prinzessin Scheherazade, die für einen grausamen Sultan tausendundeine Nacht lang Märchen erfindet, bis er an ihre Treue glaubt und sie am Leben lässt. Lewinskys Prinzessin ist eine alternde Prostituierte in einem heruntergekommenen Palace Hotel. Ihren letzten Freier, einen üblen Ganovenkönig, hält sie mit Geschichten bei der Stange. «Sie erfand ihm Wirklichkeiten, in denen er sich zu Hause fühlen konnte.» Doch ihre mit realistischem Detail erzählte Wirklichkeit ist äusserst skurril. Da hält etwa ein zweiköpfiger Mann mit sich selber Zwiesprache, oder eine Hexe kuriert auf fatale Weise einen Verräter. Ein Mensch lebt als Toter weiter, und ein anderer wird plötzlich von niemandem mehr erkannt. Immer wieder geht es um die Brüchigkeit der Identität.

Mitreissendes Tempo

Manche Figuren sind Fabulierer wie der Autor, erfinden für ihre Kunden neue Orte oder Leben. Und zweimal wird in einer Geschichte eine Geschichte über eine Geschichte erzählt. Das erinnert an das russische Holzspielzeug Babuschka, wo in einer Puppe eine kleinere und in dieser eine noch kleinere steckt. Gekonnt konstruiert sind alle elf Erzählungen, bauen mit überraschenden, oft komischen Wendungen viel Spannung auf. Mitreissendes Tempo In ihren charakteristischen kleinen Dialogen werden die kluge Prinzessin und ihr widerlicher Zuhörer greifbar lebendig. Zugleich bremst kein unnötiges Wort das mitreissende Tempo. Schade nur, dass der Autor nicht die Ausdauer seines Vorbildes hatte: Nicht gerade tausendundeine Nacht, aber wesentlich länger als in seinem schmalen Buch hätte man ihm gerne zugehört.

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