Lieber Jonas Lüscher!

Jonas Lüscher hat auf Tagesanzeiger.ch/Newsnet Peter Stamm vorgeworfen, unpolitisch zu sein. Hier die Replik.

«Die Literatur hat den Zweck, zwecklos zu sein»: Stamm an Lüscher.

«Die Literatur hat den Zweck, zwecklos zu sein»: Stamm an Lüscher. Bild: Keystone

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Lieber Jonas Lüscher

Es scheint mir, dass Sie meine Rede von letztem Jahr gründlich falsch verstanden haben. Sie war nicht als Entgegnung auf Lukas Bärfuss’ Text in der FAZ gemeint. Sie werden mir glauben, dass ich einen so langen Text nicht erst ein paar Tage vor dem Anlass schreibe. Ich änderte nur zwei oder drei Sätze, weil Lukas Bärfuss’ Text tatsächlich eine schöne Illustration meiner These war. Was mich daran interessierte war nicht sein Inhalt, sondern seine Form. Es liegt mir fern, Autoren zu raten, was sie schreiben sollen. Meine Rede war nicht als Eingrenzung der Literatur gedacht, sondern im Gegenteil als eine Befreiung von allen Anforderungen – gesellschaftlichen, politischen, ökonomischen –, die an sie gestellt werden.

Das Problem der gegenwärtigen Literatur ist nicht das fehlende politische Engagement der Autoren. Es ist die Tatsache, dass die erfolgreichsten Autoren oft jene sind, die sich mehr um ihre Position in der Öffentlichkeit zu kümmern scheinen als um ihr literarisches Werk. Viele arbeiten sich an aktuellen Themen ab, um im Zeitgeist zu sein. Vor zwanzig Jahren wurde der grosse Wenderoman gefordert, heute das Buch zur Finanzkrise, zur Flüchtlingsproblematik, zum Klimawandel.

Die «zahllosen Lebensformen» der Literatur, die Sie erwähnen, die literarische Innovation, das Wagnis, das Experiment, gehen unter im Geschrei «aktueller» Bücher. An dieser Entwicklung ist bestimmt auch ein Markt mitschuldig, in dem die Position eines Buches auf einer Long oder Shortlist wichtiger ist als sein Geist, seine Kraft, uns unser Leben und unsere Welt überdenken zu lassen. Ein «kritischer Autor» ist nicht einer, der die Welt kritisiert, sondern einer, der sich selbst be- und hinterfragt - und dadurch auch die Leser und die Gesellschaft. Denn nur das ist wirklich politische Literatur.

Der Zweck, zwecklos zu sein

Der Markt hat die Literatur viel gründlicher gereinigt, als Emil Staiger das jemals hätte hoffen können. Nur sind die Forderungen heute andere als jene Staigers. Verlangt wird Erregung, Aktualität, Polemik, Kontroverse, ein Shitstorm. In einem Blog Post für die New York Review of Books beklagt Tim Parks, dass es im Markt nur mehr um das Schüren von Emotionen gehe: «Der gegenwärtige Zeitgeist lädt uns nur immer ein, darüber nachzudenken, wie wir den Abzug ziehen können», schreibt er, «aber nicht, wohin die Kugel geht.»

Sie schreiben, die Schweiz liebe Intellektuelle wie mich, die selbstironisch, zurückhaltend und ausgewogen seien. Ich verstehe Autoren nicht als Intellektuellen, sondern als Künstler. Und während Lukas Bärfuss schon etliche bedeutende Schweizer Literaturpreise erhalten hat, haben viele stille Autoren wie der grosse und unvergessene Markus Werner in diesem Land nie einen wichtigen Preis bekommen. Auch ihm war alles polemische suspekt, aber er war alles andere als unpolitisch.

Niemand hat vor, Lukas Bärfuss zum Schweigen zu bringen. Die grosse Resonanz seines Textes beweist doch das Gegenteil. Ich bin sicher, dass alle Schweizer Zeitungen sich um einen Rundumschlag von ihm reissen würden. Vielleicht, weil der Schmerz, den man mit solchen Texten verursacht, ein oberflächlicher ist, der sich mit einer Gegenpolemik schnell lindern lässt. Mit Polemiken bekämpft man den Antiintellektualismus nicht, man stärkt ihn.

Wenn Literatur, wenn Kunst einen Zweck haben soll, dann den, zwecklos zu sein. Nur so kann sie sich vor Vereinnahmungen und Missbrauch schützen. Nur so kann sie frei sein und ihre Wirkung entfalten.
Herzlich, Peter Stamm (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 27.10.2016, 19:05 Uhr

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